Meisterschüsse des Mundwerks. Ein Berliner Rentner erfuhr neulich eine ungewöhnliche Ehrung. Der alteDie Berliner Luft ist voll Würze / Der Humor hat nicht verloren

Berolina lächelt noch

n. Berlin, 31. Dezember ' Am runden Tisch ihrer Stammkneipe fanden sich dieser Tage ein paar Berliner zu einer ungewöhnlichen Wahlhandlung zusammen. Es ging dabei keineswegs um die Brustmaße einer Laufstegschönheit, sondern um die "Berliner Luft" und ihre vielgerühmte Würze. Die Herren nahmen den Spaß einmal ernst, um die Behauptung durchreisender Hauptstadt-Emigranten zurückzuweisen, daß Berolinas Humor an Tiefgang, Schlag- und Explosivkraft verloren habe. Nun, das Material, das dabei auf den Tisch gelegt wurde, war alles andere als Stapelware. "Teil, jib Jas!" Den Meisterschuß des Mutterwitzes feuerte ein unbekannter Radler am unteren. Kurfürstendamm ab. Hinter einem Auto mit dem bekannten Schweizer Kennzeichen hatte sich ein unentwirrbares Knäuel gebildet Der Eidgenosse

wollte rechts abbiegen, wagte aber nicht, gegen den Fußgängerstrom anzusteuern. Da rettete der unbekanntes Radler die Situation. Er schlängelte sich an den Schweizer Wagen, klopfte dem Fahrer ermutigend auf die Schulter und brüllte: "Mensch, Teil, jib Jas, du warfst wohl, bis die Äppel reif sind . . ."

Was hier spontan dem Berliner Mund- \verk entfuhr, hätte sich auch als programmreif für die "Ewige Lampe" erwiesen, wo Wolfgang Grüner einen Vulkanausbruch seiner Nase mit der Anmerkung versah: "Ick bin so mit Penicillin gefüllt, dat die anderen jesund wer'n, wenn ick nieße!"

Wenn ich König war' . . .

Zu den spitzesten Zungen zählen die Herrschaften aus der Berliner Konfektion. Sie kolportieren von einem zwar bekannten, aber nicht gerade \veltbekatinten Modeschöpfer, er habe die Nachricht vom Ableben Christian Diors mit dem Seufzer begleitet: "Nun bin ich ganz allein . . ." Kommentar im Cafe Bristol: "Sehnse, soweit kommt's, wenn der Fürst von Monako sich für den Kaiser von Amerika hält." Und eine der Ältesten der Haute Couture, die schon vor '30 Jahren am Kurfürstendamm die Sacklinie kreierte, brach bei der Nachricht von der Wiederkehr dieser Modelinie in den Ruf aus: "Wat für'n Triumph auf meine ollen Tage . . ."

Von unserer Berliner Redaktion

von Arthur Brauner. Der Chef der Berliner CCC, der aus der Ruine eines Spandauer Giftgaswerkes in zehn Jahren Deutschlands größte Privat-Filmfabrik aufbaute, ist bekannt für seine spartanische Sparsamkeit. Auf seine Anordnung mußte einmal eine für einen Filmschwank halbtägig gemietete Kuh vor der Rückgabe gemolken werden. Wenn seine großen Leidenschaften auch das' Geld und der Film sind, so gehört seine große Liebe dem zehnjährigen Sohn Heini. Als Brauner kürzlich von einer Reise zurückkehrte, schenkte er dem Jungen statt des üblichen Mitbringsels eine Handvoll Silbermünzen.

"Was wirst du mit dem Geld machen, Heini?"

"Erst mal zähl'n, Vati . . ."

Küchendienst

Herr mit dem gepflegten Spitzbart, der noch nie einen Pfennig für das Glücksspiel riskiert hatte, war zum 250. Male zur Ziehung der Lottozahlen erschienen. Seit Jahren sitzt er mit der Pünktlichkeit und dem Ernst eines leitenden Angestellten Sonntag für Sonntag in der ersten Zuschauerreihe, um den Ablauf der Dinge zu kontrollieren. Als man ihn anläßlich seines "Jubiläums" nach den

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Gründen seines seltsamen Interesses befragte, kraulte er mit einem listigen Lächeln seinen Bart: "Et is nich der Spaß allein. Wenn ick hier zum Sonntagsdienst jehe, brauche ick meiner Alten nich in der Küche zu helfen . . ." Sehen Sie, das ist Berlin. Wie es lächelt und lacht, flüstert und schwätzt, weint und flucht. Hier wird selbst Kirsts schauerlich utopisches Buch vom Untergang der Westsektoren "Keiner kam davon . . ." noch über den Leisten geschlagen. Bis auf zwei: Der Ruinenturm der Gedächtniskirche und ihr langjähriger Wiedererbauer Professor Eiermann.