Zwei alte Parlamentarier mahnten / Erste Sitzung der neuen Bürgerschaft

Man soll wieder echt debattieren

Zum vierten Male nach dem Kriege konstituierte sich gestern eine gewählte Hamburger Btirgersachft. Diese erste Sitzung ? auf den Rängen viele Zuschauer und Gäste aus dem Konsularkorps ? war ein Akt bedächtiger Feierlichkeit.

Die 120 Abgeordneten wählten Adolph Schönfelder wieder zum Bürgerschaftspräsidenten. Zum 16. Male nimmt der 82jährige dieses Amt ein. Am Schluß der Sitzung erklärte der alte Senat seinen Rücktritt.

Ein etwas verändertes Bild im neuen Parlament Viele noch kaum bekannte Gesichter darunter. Insgesamt 39 "Neulinge" sind in die Bürgerschaft eingerückt Die CDU sitzt jetzt ? vom Präsidentenstuhl aus gesehen? ganz rechts. In der ersten Reihe als neuer Fraktionsvorsitzender der bisherige Bürgermeister Dr. Sieveking und als sein Stellvertreter Dr. Witten.

Die FDP hat den Mitteltrakt eingenommen (als Koalitionspartner gleichsam den Anschluß zur Linken bildend). Fraktionsvorsitzender: Peter-Heinz Müller-Link. Die SPD sitzt wie bisher ganz links. Die "alten" Abgeordneten noch auf ihren Stammplätzen.

Der FDP-Abgeordnete Johannes Bull leitete als Ältester die Wahl des Bürgerschaftsprästdenten. Vorweg schickte der 79jährige ? vor 48 Jahren kam er zum ersten Male als Abgeordneter in die Bürgerschaft damals als "Benjamin" ? ein paar mahnende Worte, das Fazit einer langjährigen Parlamentserfahrung: "Im Bundeshaus erwägt man, das Rednerpult abzuschaffen, um die Abgeordneten zum freien Sprechen von ihren Plätzen aus zu zwingen. Hier in Hamburg wird man wegen der schlechten Akustik im Bürgerschaftssaal- auf das Rednerpult nicht verzichten können. Aber es stimmt schon, viele finden schnell den Weg zum Rednerpult, aber manche dann nicht mehr herunter."

Bülls Mahnung an seine jüngeren Abgeordneten-KoHegen: "Bitte weniger ausgearbeitete Vorträge, weniger vollgekritzelte Notizzettel, dafür mehr freie Rede und fruchtbares Wechselgespräch." Ein guter Rat ins Stammbuch vieler Parlamentarier sicherlich.

Präsident Schönfelder ? das Haus spendete ihm viel Beifall, als er nach seiner Wahl (112 von 120 Stimmen) wieder den Präsidentensessel einnahm ? griff diese Worte gleich auf: "Von der Kunst des echten Debattierens ist man leider mehr und mehr abgekommen. Dafür werden oft Monologe gehalten. Ich würde mich freuen, wenn es wieder vernünftige Debatten gäbe. Das ist auch innerhalb einer Koalition vonnöten."

Der FDP- Abgeordneten Prof. Emmy Beckmann, die wegen ihres höhen Alters auf ihren Sitz in der Bürgerschaft verzichtet hat, widmete Schönfelder herzliche Worte des Abschieds.

Das Ergebnis der eigentlichen Tagesordnung: Zum 1. Vizepräsidenten wurde (mit 89 Stimmen) der bisherige Fraktionsvorsitzende des Hamburg-Blocks, Wilhelm Güssefeld (CDU), zum 2. Vizepräsidenten der FDP-Abgeordnete Herbert Samuel (101 Stimmen) gewählt Schriftführer sind die Abgeordneten Berg (SPD), Frau Kröger (SPD), Busch (SPD) und Frau Staudinger (CDU).

Der Bürgerausschuß? das sogenannte Kleine Parlament, zuständig für Eilfälle und für Vorlagen innerhalb bestimmter Finanzgrenzen ? wurde mit 20 Abgeordneten besetzt: Für die SPD: Johannes Richter, John Leyding, Gerhard Brandes, Carl Karpinski, Heinrich Wichelmann, Frieda Ross, Max Finck, Walter Heinze, Berta Kröger, Oswald Paulig, Joachim Kleist Charlotte Walner- v. Deuten. Für die CDU: Werner Groth, Wilhelm Güssefeld, Dr. Rolf Weise, Dr. Herbert Sielck, Johanna Brauweiler, Otto Wendt Axel Bruhn. Für die FDP: Dr. Theodor Hoorns.

In einer gemeinsamen Erklärung bekundeten die Bürgermeister Dr. Sieveking und Edgar Engelhard den Rücktritt des alten Senats.

Die nächste Bürgerschaftssitzung ist am 4. Dezember. In ihr wird der neue Senat gewählt. Hellmut Thieves

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