Oelschlegel-Premiere im Thalia-Theater

"Die tödliche Lüge"

Anläßlich der Aufführungen von "Romeo und Julia in Berlin" ist hier schon von dem jungen Autor Gerd Oelschlegel gesprochen worden. Er ist ? gebürtiger Leipziger vom Jahrgang 1926, jetzt mit Familie in Hamburg lebend ? zweifellos eine Hoffnung der deutschen Nachkriegsdramatik. Diese "Tödliche Lüge" bestätigt es. (Mit allen Vorbehalten).

Oelschlegel kommt, unüberhör- und -sehbar, vom Funk, vom Hörspiel. Wie manche andere seiner schreibenden Generation. Dies Schauspiel, heißt es, habe er als erstes ganz im Hinblick aufs Theater gearbeitet, dem seine eigentliche Neigung gehöre. "Wir wollen keine Nachsicht", sagt er, ?das Einzige, was wir

Jungen verlangen, ist: gespielt werden!" Der Wunsch wird ihm, begrüßens- und anerkennenswert, gegenwärtig von vielen Bühnen erfüllt. Man darf darum auch sagen, was ist.

Da ist sehr viel. Das Ohr für den Dialog. Der Griff, eine Figur zu umreißen. Sinn für die trächtige Situation ? auch wenn sie, aus dem Heute geschöpft, noch stark Requisiten von dunnemals benötigt. Auch von dieser Lebenslüge haben wir ja schon gehört; was freilich prinzipiell nichts gegen ihre Nutzung sagen will.

Oelschlegel kennt die Situationen unserer Zeitläufte ganz genau, hat sie am eigenen Leibe erfahren. Verständlich, daß er seine Konflikte, wie hier, aus diesen Situationen schöpft. Die Anlage stimmt. Zum Ende geht's zuweilen etwas gewaltsam. Mit Häufungen. Mit "Wirkungen". (Aber sie wirken.)

Diese Familie Bastian, aus der "Zone nach Westen gekommen, aber dort nicht ?anerkannt", gibt es gewiß. Frau Elisabeth leidet unter dem Kellerdasein, unter dem Vertreterberuf des gealterten Mannes, der den Lebensstandard niedrig hält, aus den Sorgen nicht herauskommen läßt. Sie hängt am Einst drüben in Wismar; sie will mehr, als die Lage nun hergibt. Sie läßt den Sohn Musik studieren, um einen falschen Ehrgeiz zu befriedigen. Sie verschafft dem Gatten eine Stellung und verschweigt das Wie. Sie macht alles falsch ? nur weil sie, mißverstanden, "wiederaufsteigen" will.

Inge Meysel spielt diese Bürgerin. Sehr gut, sehr stark ? erschreckend. Wenn der Autor ? und das wollte er gewiß ? auch unser Mitleid wollte, dann fehlt freilich eine Farbe, eine Nuance. Neben ihr Hans P a e t s c h ; eindringlich wie lange nicht. Die beiden Kinder: Christa Bernhardt, unbeschwert jung, und Thomas Braut, sehr gesammelt und glaubhaft echt; ausgezeichnet. Sehr diskret in schmalen Rollen: Walter Klam und Charlotte Schellenberg. Ilse Ruesch, Maria Sievers, Wolff Lindner, Henry Bröckel am Rande. Unter Ilo von J a n k o insgesamt eine gute Aufführung, von Fritz Brauers Szenenbild, das außerordentlich geschickt die Atmosphäre vermittelt, wesentlich unterstützt.

Der Beifall, zögernd erst, wurde herzlich und anhaltend und ließ auch Oelschlegel oft inmitten seiner Interpreten erscheinen. ha

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