Zwiespältige Berliner Studio-Uraufführung

Wenn der Weg endet

Das Theaterpublikum wartet heute auf die hinreißende Bewältigung der Zeitprobleme. Aber die talentierten jungen Dramatiker heben auch mit ihren besten Vorsätzen die Bühne nicht aus den Angeln; sie profitieren nicht von der szenischen Entwicklung, die Männer wie Fehling, Piscator, Brecht und Thornton Wilder aufgezeigt haben. Langsam wird die Frage nach einer übergeordneten Lenkung der Autoren akut: das amerikanische Vorbild der engsten Zusammenarbeit zwischen Autor und Regisseur im Theater von der Pike auf ist auch für deutsche Verhältnisse gültig. Die jüngste Berliner Studio-Uraufführung von Joachim Wichmanns "Wenn der Weg endet" im Renaissancetheater unterstreicht die Präambel. Wieder steht ein erschütterndes Zeitthema zur Debatte, aber der Autor bleibt im Epischen stecken. Die fruchtbaren Spannungen zwischen Epik und Dramatik bleiben ungenützt. Das Stück spielt in einem Westdeutschen Bahnhofs - Wartesaal. Ein Mann steht zwischen seiner aus russischer Lagerhaft heimgekehrten, inzwischen für tot erklärten Frau ? und Lisa, einem jungen Mädchen, seiner Braut, die ihm nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft

seelische und materielle Hilfe gab. Die Heimkehrerin greift zur Notlüge, um den Egoismus des schwankenden Mannes zu befriedigen: sie erfindet eine Liebe zu einem Lagerarzt, von dem sie in Rußland ein Kind bekam und der zurückkehren wird. Ihr Mann kann aufatmen und mit Lisa, die zwar aus diesem Konflikt fliehen, aber keine Opfer bringen wollte, in eine neue Zukunft gehen. Das ist mit einigen scharf profilierten Randfiguren mehr ein stationäres Reportagebild denn ein aufwühlendes menschliches Drama. Dennoch war die Aufführung sehenswert. Der Autor führte selbst Regie. Echt und mitfühlend die Darsteller Charlotte Radspieler, Siegrid Hackenberg, Joachim Boldt, Alexander W e 1 b a t (feine Kellnerstudie), Otto C z a r s k i (brillanter Typ von Aktphoto-Vertreter und Partisanenmörder) und Robert Taube (ein wunderbarer alter Mann). Es gab reichen und anerkennenden Beifall für die bemühte Uraufführung. Nichts sollte aber darüber hinwegtäuschen, daß die jungen Dramatiker sich wesentlich mehr Mut zutrauen sollten, wenn sie im Zeitstück das Publikum aus der Lethargie reißen wollen.

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