Telephonieren aus dem Auto bald nicht mehr über Hafenfunk

Eigener Stadtfunk für unsere Kraftfahrer

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Egbert A. Hoffmann

Hamburgs Kraftfahrer bekonftnen eine eigene Welle im Äther. Schon in wenigen Wochen will die Post nach dem Vorbild von Hannover und West- Berlin den sogenannten Stadtfunk einrichten. Alle Kraftfahrer, die Telephon im Wagen haben, können dann über eine neue Frequenz auf der ultrakurzen Welle mit jedem Fernsprechteilnehmer in Hamburg, im Bundesgebiet und sogar in der ganzen Welt sprechen. Der neue Antennenmast auf dem Heiligengeistfeld - Bunker soll 39 Meter hoch werden.

Seit Jahren beschäftigt sich die Bundespost mit dem drahtlosen Telephonieren aus Straßenfahrzeugen und Hafenschleppcrn. Das ging von Anfang an besonders den Welthafen Hamburg an. So kam es, daß die Hansestadt als erste deutsche Stadt ihren Hafenfunk erhielt Man wählte dafür eine Frequenz auf der ultrakurzen Welle.

Jeder Radiobesitzer weiß, daß UKW- Sender störungsfrei empfangen werden können, jedoch nur eine sehr begrenzte Reichweite haben. Im allgemeinen reicht die Leistung eines Senders auf der ultrakurzen Welle nur wenig über die optische Sicht hinaus. Das heißt: allzu weit jenseits der Hamburger Stadtgrenzen ist der Hafenfunk nicht mehr zu empfangen.

Im Verlauf weniger Jahre hat sich der Hamburger Hafenfunk schon hervorragend bewährt. Er ist heute für den Welthafen geradezu lebensnotwendig geworden. Bisher sind insgesamt 72 Teilnehmer "angeschlossen". Mit anderen Worten: 72 Sende- und Empfangsgeräte sind über den Hafenfunk ansprechbar. 21 dieser Geräte sind in Kraftwagen eingebaut. Im einzelnen verteilen sich die Teilnehmer so:

- 30 Hafenschlepper ? 8 Barkassen ? 7 Tankboote

- 6 HADAG -Schiffe, darunter auch ?Jan

Molsen"

- 21 Kraftwagen, darunter Störungsfahrzeuge der Hochbahn und von Hein Gas.

"Über 10 000 Gespräche werden monatlich über den Hafenfunk geführt", erklärte die Bundespost dem Hamburger Abendblatt. Natürlich ist die Vermittlung Tag und Nacht besetzt. Auch das Hamburger Abendblatt hat einen Funkwagen, von dem aus mit jedem Fernsprechteilnehmer telephoniert werden kann. Für Berichte über aktuelle Ereignisse unmittelbar vor Redaktionsschluß hat sich' dieser Wagen ausgezeichnet bewährt.

Inzwischen haben auch Kiel, Bremerhaven, Bremen, Cuxhaven und Duisburg ihren Hafenfunk bekommen. Das Interesse ist dort jedoch nidit annähernd so stark wie in Hamburg.

Der Kieler Hafenfunk hat beispielsweise nur ganze zwei Teilnehmer. Ein gewaltiges Zuschußgeschäft für die Post. Das ist übrigens auch der sogenannte Autobahnfunk, den man versuchsweise auf der Autobahn zwischen Dortmund und Mannheim eingerichtet hat. Von Kraftwagen mit Telephonanschluß kann auf der ganzen Strecke telephoniert werden. Etwa alle 50 Kilometer steht ein Sender neben der Autobahn.

Daraus ergibt sich: das Interesse am Hafenfunk ist in Hamburg besonders groß. Deshalb will die Post die Kraftfahrzeuge mit Telephon, die heute noch am Hafenfunk "hängen", abtrennen. Sie sollen ihren eigenen Sender und ihre eigene Vermittlung unter dem Namen Stadtfunk erhalten.

Der Sender wird genau wie der Hafehfunk eine Stärke von acht Watt bekommen und auf dem kleinen Heiligengeistfeld-Bunker montiert werden. Noch in diesem Frühjahr soll der 39 Meter hohe Mast oben auf dem Betonkoloß stehen. Dann werden Hamburgs Kraftfahrer ihre eigene Welle im Äther haben.

Die Post hofft, daß mit der Einrichtung des Stadtfunks das Interesse am Telephon im Auto zunehmen wird. "Für viele Firmen", meint die Post, ?wäre es wirtschaftlich gewiß zu empfehlen, wenn sie ihre Personenwagen und vor allem ihre Lastzüge per Telephon einsetzen könnten. Leerfahrten lassen sich so vermeiden.

Leider sind die Sende- und Emp- * fangsgeräte, die in jedes Kraftfahrzeug eingebaut werden können, noch sehr kostspielig. Man muß mit rund 6000 DM rechnen. Hinzu kommt die monatliche Gebühr bei der Post mit 40 DM plus fünf DM für die Lizenzerteilung. Jedes Gespräch aus dem Wagen kostet bis zur nächsten Vermittlung dagegen für drei Minuten nur 16 Pfennig. Jede weitere drei Minuten abermals 16 Pfennig.

Einen ähnlichen Stadtfunk betreibt die Post bereits in Hannover und West- Berlin. Während die Zahl der angeschlossenen Wagen in Hannover sehr gering ist, machen die Berliner von dieser Möglichkeit, aus dem Auto zu sprechen, regen Gebrauch. Neuerdings ist es auch möglich, Telephongespräche zu führen, ohne daß die übrigen Teilnehmer mithören. Diesen "Ausschluß der Öffentlichkeit" gibt es übrigens ebenfalls für den Hamburger Hafenfunk. Natürlich kann jeder Hamburger Kraftfahrer mit Telephon auch aus seinem Fahrzeug sprechen, wenn er beispielsweise in den Bereich des Kieler, Bremer oder CuxHavener Hafenfunks, des Hannoverschen oder West-Berliner Stadtfunks kommt. Auch auf der Autobahn Dortmund ? Mannheim kann er telephomeren.

Für die Post bedeuten diese neuen Sende- und Empfangsanlagen ungeheure Kosten, denen nur sehr geringe Einnahmen gegenüberstehen. Aber man kann sich den Forderungen des Kraftverkehrs wie auch der internationalen Schiffahrt nicht verschließen. Insofern denkt man ebenfalls an einen UKW- Sender auf Helgoland, von dem aus auf internationaler Welle die ganze Deutsche Bucht "bestrichen" werden kann. Aber dieser UKW-Küstenfunk ist im Augenblick noch Zukunftsmusik.

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