Freiherr-vom-Stein-Prels 1956 für Otto A. Friedrich

Das Vorbild einer sozialen Ordnung

Der Freiherr-vom-Stein-Preis 1956 ist auf einstimmigen Beschluß des Kuratoriums der Stiftung F. V. S. in Hamburg dem Vorsitzenden des Vorstandes der Harburger Phoenix, Otto A. Friedrich, zuerkannt worden. Die feierliche Verleihung durch die Universität Hamburg soll im November in Berlin stattfinden.

Der 1953 in Hamburg gestiftete Preis, der mit einer Dotierung von 25 000 DM verbunden Ist, gilt der Auszeichnung von Vorbildern einer zeitgemäßen sozialen Ordnung oder eines zeitgemäßen

Sozialprogramms äff der Grundlage der abendländischen Kultur.

Der erste Preisträger, Klaus von Bismarck, 1954, war eine Persönlichkeit aus dem Kreis der um die Lösung der Sozialprobleme bemühten Organisationen; der zweite, Alfred Flender, 1955,

entstammte den Reihen des selbständi gen Unternehmertums.

Mit Otto A. Friedrich ist nun der Lei ter eines industriellen Großbetriebes ausgezeichnet worden, in dem die Umrisse des Ordnungsbildes der Zukunft sich heute schon am deutlichsten erkennen lassen. Wie bei der Preisverkündigung Im Gästehaus der Stiftung F. V. S. gestern bekanntgegeben wurde, gilt der Preisträger als einer der verantwortlichen Männer der Wirtschaft, die schon sehr früh erkannt haben, daß es mehr denn je das Bemühen der westlichen Welt sein muß, würdige Arbeitsbeziehungen zu schaffen.

Er hat für den von ihm geleiteten Betrieb 'aus dieser Erkenntnis die Folgerungen gesogen und Einrichtungen geschaffen, die über den Rahmen des Betriebsverfassungsgesetzes hinaus der Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Betriebsführung und Belegschaft dienen. Soziale Maßnahmen sind für ihn kein Sonderbereich, sondern organischer Bestandteil der Betriebsführung.

Der um der Vorbildlichkeit seiner sozialen Ansichten und Leistungen so sichtbar herausgehobene Preisträger wurde in dieser neuen Eigenschaft gestern der Presse vorgestellt. Er bezweifelte die Einstimmigkeit des Kuratoriumsbeschlusses, da er ? als dessen Mitglied ? nicht befragt worden sei und ihn in diesem Falle mißbilligt hätte. Soziale und menschliche Fortschritte, so erklärt er dann, seien in einem großen Betrieb nur dann möglich, wenn man den Menschen soviel wie möglich von

der Wirklichkeit ihres Betriebes bewußt mache, der Gefahr der betrieblichen Bürokratisierung entgegenwirke und einer wirklichen Demokratisierung des wirtschaftlichen Lebens im Betrieb die Wege ebne.

Die zu losenden betrieblichen Probleme, so sagte Friedrich, sollten niemals Geheimnis der Geschäftsleitung bleiben, sondern allen Mitarbeitern bewußt sein. Auf dem Wege zu solchen Zielen stehen wir in Harburg ganz im Anfang: Wir sind Pioniere!

Otto A. Friedrich, 1902 in Leipzig geboren, hat nach Universitätsstudien und kaufmännischer Lehre in den USA zunächst als Arbeiter, dann In der kaufmännischen Organisation einer großen Reifenfabrik gearbeitet. Ende 1932 trat er in die Leitung verschiedener Verbände der deutschen Kautschukindustrie fein und gehörte dem Welt-Kautschuk- Ausschuß an. 1939 wurde er in den Vorstand der Harburger Phoenix berufen, dessen Vorsitz er 1949 übernahm. Er war zeitweilig Vorsitzender des Wirtechaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie und ? in der Zeit der Koreakrise ? Rohstoffberater der Bundesregierung. Er ist ferner Präsidialmitglied des Bundesverbandes der deutschen Industrie und des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft.

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