Bei der Telephonzelle lag die Post auf der Lauer

Groschen kam wieder

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Einen öffentlichen Fernsprechautomaten hatte der 58 Jahre alte Kranführer Wilhelm Z. durch kleine Manipulationen zur "Sparbüchse" umgewandelt. Aus ihr holte er sich von Zeit zu Zeit die Zehner, die andere Leute hineingesteckt hatten. Der Überwachungsdienst der Post kam ihm jedoch schnell auf die Schliche. Gestern mußte sich der erfinderische Kranführer vor dem Schöffengericht verantworten.'

Kratzbürstig saß er auf der Anklagebank und bestritt, was er im ersten Schreck bei seiner Festnahme zugegeben hatte. Gewiß, einmal sei er mit einem Messer "an dem Apparat gewesen, weil dieser das eingeworfene Geld ohne Gegenleistung verschluckt habe. Aber sechs- bis achtmal, wie es im Protokoll steht, das könne er nicht gesagt haben. , "Dann werden wir uns zunächst mit dem ersten Fall befassen", meinte der Richter, "wie kamen Sie denn auf die Idee mit dem Messer?" Der Kranführer wurde sogleich mobil. "Das war ganz einfach", sagte er, "als die Groschen weg waren, fiel mir ein, kurz zuvor gesehen zu haben, wie ein Mann mit einem Taschenmesser in dem 'Geldeinwurf herumbohrte. Da dachte ich: Das kannst du auch ? lief nach Hause, holte ein Küchenmesser und machte es ihm nach."

Der Beamte vom Überwachungsdienst, der sich am 7. Januar bei dem mehrmals gestörten Apparat auf die Lauer gelegt hatte, war wesentlich ariderer Ansicht. Er hörte auf seinem Bdobachtungsposten, wie jemand in der Zelle zweimal kräftig gegen den Apparat schlug und danach Münzen in den Rückgabeteller fielen. Dann sah er einen Mann, den Angeklagten, die Zelle verlassen und scheu um die Ecke verschwinden. Als er selbst einen Zehner einwarf, kam dieser sogleich wieder heraus: ein Zeichen, daß der Apparat gestört war. Nach kurzer Zeit kehrte der Angeklagte zurück und machte sich etwa eine halbe Minute in der Zelle zu schaffen. Am Bunker auf dem Heiligengeistfeld wurde Wilhelm Z. gestellt und der Polizei übergeben. Er hatte zwei lange Messer und 17 Groschen in der Tasche.

Vor Gericht stritt er zunächst alles ab, gab dann aber zu, den Apparat mehrmals verstopft zu haben- "Seit meinem letzten Unfall", sagte er, "bin ich arbeitslos. Wenn ich meine* Frau besuchen will, die seit drei Jahren im Krankenhaus liegt, kann ich doch nicht mit leeren Händen kommen."

Das Gericht hielt dem Angeklagten zugute, daß er schließlich doch noch geständig war, sich in Notlage befunden habe und 24 DM für die Reparatur des Fernspreehers bezahlt hatte. Unter Zubilligung mildernder Umstände wurde er wegen einfachen Diebstahls und Unbrauchbarmachung einer' FernsprechV anlage zu fünf Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt. hlb.

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