Die Konferenz hat begonnen

Europa blickt nach Baden-Baden

Baden-Baden, 14. Januar Gespannt erwartet Westeuropa das Ergebnis der Aussprache zwischen Bundeskanzler Dr. Adenauer und dem französischen Ministerpräsidenten Mendes-France in Baden-Baden. Mit herzlichem Händedruck haben sich die beiden Regierungschefs heute morgen in der Villa Hahnhof begrüßt. Dann schloß sich hinter ihnen die große eichene Eingangstür. Die Konferenz begann.

Die Besprechungen im Hotel Hahnhof sollen nach Möglichkeit heute abend schon beendet werden, vielleicht aber gibt man noch den morgigen Vormittag zu. Vier Hauptpunkte stehen zur Diskussion:

1. Die Saarfrage,

2. Die Rüstungsgemeinschaft, 3. Die Ost-West-Gespräche mit der Sowjetunion,

4. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland, die Beteiligung der deutschen Industrie in Nordafrika und die Moselkanalisierung.

Angeblich enthält der französische Vorschlag u. a. einen genauen Katalog darüber, was die einzelnen Vertragspartner fabrizieren sollen. Mendes-France, so glaubt man hier, verfolgt mit seinen Vorschlägen vier Ziele:

1. Frankreich versucht das Hauptgeschäft zu machen.

2. Man hofft, die deutsche Rüstungsproduktion unter eine klare Kontrolle zu bekommen.

3. Damit hätte Mendes-France nicht

nur Argumente gegenüber seinen Gegnern im eigenen Lande, sondern er könnte gleichzeitig unter Hinweis auf diese Kontrolle eine gute Atmosphäre für die von ihm gewünschten Viermächteverhandlungen über Deutsch- Tand schaffen.

4. Für die französische Rüstungswirtschaft wiegen die Probleme leichter, weil sie zum großen Teil verstaatlicht ist, während in Deutschland die freie Marktwirtschaft herrscht.

Bundeskanzler Dr. Adenauer hatte schon gestern auf der Bühler Höhe, seinem Urlaubsort im Schwarzwald, ein vorbereitendes Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Erhardt, Staatssekretär Hallstein, Botschafter Blankenhorn und Botschafter von Maltzan. In Kreisen der Politiker, aber auch der Wirtschaft, werden die Vorschläge von Mendes-France zur Schaffung eines Rüstungspools mit immer größerer Skepsis aufgenommen. Scharf lehnt Erhard vor allem die staatlichen Lenkungsmaßnahmen ab, wie sie Mendes-France fordert.

Der Kanzler dürfte vor allem Wert darauf legen, daß die vielen Fragezeichen im Pariser Saarstatut beseitigt werden. Hinsichtlich der Ost-West-Gespräche vertritt er die Auffassung: Keine Koexistenz auf dem Rücken eines geteilten Deutschland. (Siehe auch Seite 2).