Ein "Hobby" als Lebensretter

Es waren die eisig kalten Wintertage des Jahre der großen Völkerwanderung 1945. Das einzige, das Kostbarste, das ich aus. dem Inferno gerettet hatte, gab mir Mut zum Weiterleben: Mein Junge. Nach Irrfahrten, die den letzten Pfennig aufzehrten, landeten wir in dein Kellergewölben der Ruine eines westdeutschen Bahnhofs. In der Aufregung jener Tage hatte man so vieles Unnötige eingepackt So lagen zu unterst in meinem Rucksack Pit und Pat, kurz P. und P. .genannt. Sie waren einmal die Hauptdarsteller eines kleinen Handpuppentheaters zu Hause, das Entzücken aller großen und kleinen Kinder. Lange schaute ich P. u. P. wehmütig an. Ein Andenken an unsere verlorene Heimat. Mein Junge war vor Ermattung eingeschlafen, und auch mir fielen die Augen zu. Im Traum hatte ich das Kleid der Fluppenkönigin an ? und P. und P. lächelten mir aufmunternd zu. Lange dauerte es, bis ich in die Wirklichkeit zurückfand. Aber in dieser trostlosen Nacht in der Bahnhofsruine reifte ein Entschluß. Der Traum hatte mich nachdenklich gestimmt: Pit und Pat sollten uns helfen.

Wir kamen nach Hamburg. Zunächst verschaffte ich meinem Jungen Unterkunft und eine Lehrstelle in einem alten Hamburger Kaufmannshaus. Aber wo

blieb ich selbst? In einem Wohnbunker, in dem das Wasser von den Wänden tropfte, fand ich einen Platz. Die Tage nutzte ich gut. Ich vervollständige das Ensemble für ein Puppentheater, bastelte eine kleine Bühne und ging mit P. und P., versehen mit den nötigen Genehmigungen auf die Wanderschaft. In Schulen und Heimen fanden P. u. P. begeisterte Aufnahme. Glänzende Kinderaugen, jubelnde Kinderstimmen verhalfen mir zu klingendem Lohn. Ich hatte nur ein Ziel: Mein Junge sollte einmal ein Mensch mit guter Ausbildung werden.

Die Jahre vergingen. Mein Junge hatte ausgelernt und ist nun seit langem in Amt und Brot. Ich brauche nicht mehr von Ort zu Ort ziehen. Pit und Pat, unsere Retter aus der Not, haben wieder Ruhe. Sie sind nun wieder das, was sie früher ? und immer waren: unser Hobby. Dankbar streicht meine Hand oft über die knisternden Gewänder der kleinen Gefährten meiner späten Wanderschaft. H. HENNIG

Hamburg-Eidelstedt, Kieler Straße 756

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