Das Saraburger^enDblQH fragte nach der Lieblingsbeschäftigung

Munterer Aufgalopp der Steckenpferde

"Was haben Sie für eine Lieblingsbeschäftigung?" ? so fragte das Hamburger Abendblatt seine Leser. Viel mehr gehetzte Großstädter, als wir je vermutet hätten, ziehen sich am Feierabend in ihre Behausung zurück, um bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, ihrem "Steckenpferd" oder ihrem "Hobby", wie man das auch immer nennen mag, Entspannung und viel Freude zu finden. Diese Menschen haben mehr vom Leben. Hier eine kleine Auswahl aus den vielen hundert Zuschriften. Eberhard von Wiese stellte sie zusammen.

Eis blitzsauberes Häuschen am Ausschläger Eibdeich. Dort traf ich den früheren Schiffszimmermann des Segelsschiffes "Pellworm", Richard Kiehn. In 1200 Feierabendstunden baut er nach Originalplänen ein Modell des "Wapen von Hamburg I", der stolzen alten Dreimasterfregatte. Der Schiffsrumpf ist ganz echt auf Spanten aufgebaut. Siebzig winzige Kanonen wurden mit der Hand gedreht Frau Kiehn näht die Segel und feilt die Hunderte von millimeterstarken "Blöcke" für das Tauwerk. Ein Kunstwerk, ein Meisterwerk. Vierundzwanzig historische Schiffe entstanden schon unter Kiehns geschickten

Händen. Seit zwanzig Jahren gibt ihm -i- und seiner Frau ? ein bezauberndes Hobby Glück und Zufriedenheit.

*

Am anderen Ende der Stadt, in der Stresemannstraße, sitzt Edmund Wolters, Arbeiter in einer Gummi walzenfabrik, am Feierabend über einem vierhundert Seiten starken brasilianischen Roman ? und übersetzt ihn ins Deutsche. So fing es an: Eine ausgewanderte Nichte schrieb dem Onkel portugiesische Briefe. Da wollte er das Kind nicht enttäuschen und stoppelte eine Antwort zusammen. Das Hineinleben in die fremde Sprache machte so viel Spaß. Das Übersetzen wurde einem einfachen Mann zum ? Hobby. "So entspanne ich meinen Körpier, halte meinen Geist frisch und bleibe ein zufriedener Mensch, was ja in der heutigen Zeit ein Kapital bedeutet Also bin ich auch ein Kapitalist!" Welch gute Einstellung zum Leben!

*

Dafi ein "Hobby" eine prächtige Medizin ist, dem Leben Licht und Freude abzugewinnen ? nun, keiner- weiß das besser als Johannes Ivens, kaufmännischer Angestellter in Poppenbüttel. Im Krieg verlor er den rechten Arm. Er konnte nicht mehr Uhrmacher sein. Aber auch mit der geliebten Musik war es nun aus. Kein Klavier mehr, kein Akkordeon! "Ich kam mir wie ein Sänger ohne Stimme vor." Da band sich Ivehs einen Stock an den Oberarm und versuchte es so. Es ging nicht Auch nicht mit der neuen Prothese. Dann schlug er die Tasten mit dem verbliebenen kleinen Oberarm an. Zuerst ging das daneben. Aber jede freie Minute trainierte er ? bis er Wieder "Hänschen klein" klimpern ?*'. konnte. Und das ging so weiter ? drei Jahre mit eisernem Willen. Heute spielt der amputierte Johannes Ivens so flott wie ein Gesunder. Schlager, Opern, Operetten. Eine ganze Nacht hat er sogar zum Tanz aufgespielt.

' - *

Für "Steckenpferde" gibt es keine "Klassenunterschiede". Sie traben munter in allen Kreisen. Der ganze Stolz eines bekannten Hamburger Kaufmanns (geborener St. Paulianer "von der Küste") ist die Hamburgensien-Stube in seinem Landhaus in Quickborn. Da schaut die Frau Senator Hudrwalcker in öl von der Wand. Da stehen in den Vitrinen kostbare alte Porzellantassen, Vasen und Kuchenteller mit Bildnissen aus Hamburger Vergangenheit Da gibt es Adreßbücher bis zurück zum Jahre 1723. Wo der Urgroßvater einmal wohnte, zeigt der in Hamburg verliebte Kaufmann seinen Freunden mit besonderem Vergnügen.

Hamburgensien-Forschung ist ein Leben lang für die siebzigjährige Käthe Marquardt im Museum für Hamburgische Geschichte Beruf gewesen. Jetzt gehört das Herumstöbern in der Vergangenheit zur Lebensabendfreude der alten Dame in der Hochallee. Im Augenblickt bearbeitet sie einen uralten Brautwerbebrief . Wilhelm Verpoorteh, Hofprediger des Prinzen von Hessen-Homburg, schrieb ihn Anno 1663 an seine Auserwählte Lucia Eleonora Hanncken in Lübeck. *

Kommt man aber zu Dr. Hans Titschak am Wolfshagen in die Wohnung, dann glaubt man eher, bei einem General a.D. als bei einem Dr. med. iu sein. Des Doktors Interesse und Leidenschaft: Helme und andere militärische Kopfbedeckungen des 19. Jahrhunderts zu sammeln.

*

Wenn man, wie so viele, viä* Steckenpferdreiter von der Sammelwut gepackt ist, dann darf man -kein" Hemmungen haben. Kraftfahrer Otto Mahnke, Rademachergang 8, hat bestimmt keine. Er sammelt nämlich Tabakpfeifen und Autogramme der ersten Prominenten- Garnitur. Siebzig Tabakpfeifen berühmter Leute und viele Autogramme zieren die Wände seines Zimmers. Denn kommt keine Pfeife, kommt doch meist der ersehnte Namenszug. -Zu Spendern für diese originelle Sammlung wurden u. a. die Königin der Niederlande, Bundespräsident Heuß, General Franco, Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Kürzlich überreichte man Hamburgs originellstem Sammler im Rathaus eine Tabakpfeife des Bundesinnenminister Dr. Schröder. Jüngste Trophäen: Autogramme und Pfeifen vom Schweizer Bundespräsidenten Petitpierre und von Krupp.

*

So hat eben jeder seine "Spezialität". Und jeder schwört daß sein "Hobby" die beste Lebensmedizin sei. "Mein Hobby gab mir Freude, Erholung, Geselligkeit Freundschaft Anerkennung und Erfolg. Es vertrieb Ärger und Sorge. Mein Hobby heißt seit 55 Jahren: Singen!" Der sich so schön zur Sangeskunst bekennt ist.

Louis Nickel am Hellbrookkamp 14. Einst Schutzmann im Straßendienst bis 1937 Kriminalkommissar ? und heute 81 Lenze jung. Ja, wirklich jung. Denn Louis Nickel singt noch immer 1. Tenor im "Quartett Teutonia von 1901", Männergesangverein der Polizei Hamburg. Er ist der einzige der noch lebenden Mitbegründer. *

Theaterspielen, sich in Gestalten meist plattdeutscher Dichter verwandeln, das ist die Feierabendfreude von Angestellten, Kaufleuten, Handwerkern in Jenfeld. (Und die Jenfelder stehen mit diesem schönen Hobby nicht allein da.) Ein begeisterter "Star" der? Volksspielbühne" ist Frau Hedwig Petersen. Von der Liebhaberin bis zur "komischen Alten" hat sie s^ch schon durch viele Rollen hindurchgespielt ? und dabei das Kochen und Haushaltführen nicht vergessen. Sie malt auch die Bühnenbilder. Ihre bessere Ehehälfte teilt diese Passion für die Bühne. Emil Petersen, Seemann von Beruf uhd zur Zeit Decks- und Winschmann, hält das "Hobby" mit dem Photoapparat im Bilde fest

* ? ?"

Man kann aucnSchlahgen zu "Steckenpferden" haben. Ein Kreuzotternbiß hätte den Dr. med Klaus Sievers, praktischer Arzt in Ahrensburg, fast getötet Trotzdem tritt er seither dafür ein, die Kreuzotter unter Naturschutz zu stellen. Ein wissenschaftliches Werk über ihre Bedeutung für die Medizin entsteht nach Behandlung des letzten Patienten am Feierabend. Bis Flensburg hinauf ist er als "Schlangendoktor" bekannt