Ausblick eines Rußlandheimkehrers / Grenzen der Sowjetmacht / Russische Wehr bauern an Chinas Grenze / Deutschlands und Europas große Chance

Die Welt von morgen

An der Schwelle des neuen Jahres mag es gestattet sein, den Blick ein wenig kühn in die Zukunft zu richten. Wohin geht die weltpolitische Entwicklung? Was wird mit Deutschland? Und wie steht es um den Frieden im allgemeinen? Wir geben im Folgenden den Gedankengängen eines Rußlandheimkehrers Raum, die das besondere Interesse Dr. Adenauers und des Auslandes gefunden haben.

Der Arzt und Professor der Königsberger Universität, Wilhelm Star- 1 i n g e r , hat zehn Jahre hinter dem eisernen Vorhang gelebt ? von 1945 bis 1947 als Chef der Seuchenkrankenhäuser in seiner sterbenden Heimatstadt, und dann bis 1954 als politischer Häftling im Lagerbereich Potma (südöstlich von Moskau). Volle sechs Jahre saß er mit prominenten politischen Sowjethäftlingen zusammen, die aus ihrer Amtstätigkeit eine intime Kenntnis der Verhältnisse im Lande und der allgemeinen Sowjetpolitik hatten.

Nach seiner überraschenden Entlassung (1954) zog Starlinger die Bilanz seiner Gespräche und Erfahrungen in einer kleinen, streng wissenschaftlichen Broschüre: "Grenzen der Sowj e t m a c h t".* Seine ärztlich-korrekte Diagnose der Sowjet-Gegenwart mündet in einen klugen weltpolitischen Ausblick, der vor allem das Phänomen C h i n a ins Fadenkreuz nimmt. Starlinger schreibt:

Der alte General

-Der Berichterstatter möchte mit einer kleinen Anekdote beginnen, die er im Herbst 1949 miterlebte. Es war die Zeit des Überschwangs nach dem triumphalen Endsieg Maos über Tschiang. In einem kleineren Kreise gebildeter und kritischer Lagerhäftlinge wurden die Ereignisse diskutiert, als bisher größter Sieg Rußlands gewertet und dementsprechend auch begrüßt. In der Runde befand sich ein alter General, der sich aus vielen Gründen allgemeiner Wertschätzung erfreute und dessen Urteil als richtunggebend galt, obwohl er damit am liebsten zurückhielt. Auch diesmal schwieg er. Als er sich schließlich wiederholtem Drängen, doch seine Meinung über den Triumph in China zu sagen, nicht mehr verschließen konnte, geschah folgendes: Er stand auf und sagte: ,Ja, ja, eine halbe Milliarde Menschen und bald mehr ? aber was kommt danach?' ? und ging hinaus.

Allgemeines Schweigen folgte; das Gespräch kam nicht mehr in Gang. Der General hat viele Jahre im Fernen Osten gestanden ..."

Der ungeheure biologische Druck des Riesenvolkes, meint Starlinger, werde sich unweigerlich in den nächsten Jahrzehnten auswirken und bald schon seinen Schatten vorauswerfen. Er führt folgende Tatsachen an:

- Das heute schon eine halb" Milliarde Menschen zählende China weist ? trotz übergroßer Kindersterblichkeit, Elend, Hunger und Seuchen ? einen Jährlichen Geburtenüberschuß von zwölf bis 15 Millionen.ouf Die von Mao vorangetriebene Industrialisierung kann den Volkszuwachs allein nicht auffangen.

- Die Südwanderung der Chinesen trifft auf den sehr starken biologischen Gegendruck der dortigen Völker. Es bleibt auf weite Sicht also nur ein Ausweichen nach Nord und Nordwest (Beispiel: die Mandschurei, die schon während der Japanischen Herrschaft von den chinesischen Bauern unterwandert wurde).

Rußlands gefährdete Grenze

Starlinger fährt fort:

"Man spreche mit ostsibirischen Bauern oder Offizieren, die lange im Fernen Osten standen. Sie berichten merkwürdige Dinge von den Lebensbedingungen an de"Grenze und der dort herrschenden Stimmung. Sie verstehen die hermetische Grenzsperre gegenüber China; sie verstehen die forcierte Ansledlung neuen Bauerntums unter Bedingungen, die in westwärts gelegenen Kolchosen undenkbar wären, mit ausgesuchten Menschen, im ganzen nach Art des uralten Wehrbauerngedankens an gefährdeter Grenze."

Aus dieser Entwicklung, so meint Starlinger, müsse früher oder später eine Rivalität China ? Rußland erwachsen ? unbeschadet der scheinbar .gleichen Ideologie. Das werde zu einer totalen Veränderung der "großpolitischen Weltlage" führen.

Die nächste Entwicklung, so meint Starlinger, werde vom amerikanisch-chinesischen Verhältnis abhängen, das am schwersten belastet sei und irgendeine Entscheidung erfordere. Amerika werde sich entschließen müssen, ob es mit dem neuen China akkordieren oder mit ihm kämpfen wolle.

Amerika werde nicht kämpfen, meint Starlinger, da selbst ein opferreicher Sieg den elementaren Vorgang der ostasiatischen Neuordnung nur stören, nicht auf die Dauer aufhalten könne. Dann wörtlich:

. mit China akkordieren

-Amerika . . . wird früher oder später ? vielleicht früher als wir denken ? mit China akkordieren, also Tschiang und Formosa aufgeben. Es muß auch Südkorea und Indochina neutralisieren, d. h. früher oder später der chinesischen Integration überlassen. Als Gegenwert erhielte es eine Ablösungvon Rußland im beschleunigten Tempo und zuletzt den Wiederanschluß an den potentionell größten Verbraucherraum der Welt.

Im Westen aber bekäme Amerika, mit ihm Europa und nicht zuletzt Deutschland den zunehmenden Wunsch der Sowjets nach Rückendeckung zu spüren, dessen Gewährung nach Abgabe der Pfänder zu er- örtern wäre . . ."

Zwischen den drei Riesenmächten USA (verbündet mit England), China und Rußland könnte sich dann in absehbarer Zeit ein neues Gleichgewicht der Kräfte herausbilden, meint Starlinger, in dessen Rahmen jede Macht versuchen werde, sich gleichzeitig bei beiden anderen rückzuversichern. Der gefährdetste und empfindlichste Ort werde dabei der Raum am Amur sein. Mit anderen Worten: Deutschlands Chance

Die Position der- Sowjetunion innerhalb dieses Gleichgewichts-Systems wäre die schwächste, und diese Schwäche würde Deutschlands und Europas größte Chance bilden:

Starlinger fährt fort: ?Wie groß dann Deutschlands Aussichten auf Erfüllung seiner Lebenswünsche sein werden, erscheint von zwei Voraussetzungen abhängig:

1 Von der eigenen Bündnisfähigkeit, d. h. dem Bündniswert für den Partner.

2. Von der absoluten Bündnistreu* gegen- über diesem Partner ? d. h. Amerlkal

Nur wenn Amerika als stärkste Macht der Welt überzeugt ist, daß unsere Bündnistreue unbedingt (wenn auch nicht bedingungslos) ist, nur wenn Rußland diese Allianz als unbrechbar und endgültig ansieht ? nur dann wird Amerika unsere Grundforderungen gegenüber Rußland zu seinen eigenen machen können, nur dann wird Rußland diese akzeptieren.

Bis dahin aber wird Rußland sein militärisches Vorgelände mit allen Mitteln zu halten suchen, nicht mehr als Ausfallbasis gegenüber Deutschland und Europa, sondern zunächst als Verteidigungsbasis und später als Pfänderschatz! Erst wenn die echte Verständigung von beiden Seiten, von Amerika und Rußland, gesucht und angestrebt wird, erst dann kann und wird Rußland seine Pfänder geben, Stück für Stück, so langsam als möglich und so teuer als möglich . . .

So unbedingt aber auch die Stellung Deutschlands an der Seite Amerikas festgehalten werden muß, ebenso unbedingt muß Deutschland sich darüber klarsein:

1. daß Rußland immer sein größter, mächtigster und nächstgelegener Nachbar bleiben wird und daß

2. mit einem Rußland, welches Deutschland freigibt, leben läßt und zur eigenen Rückendeckung braucht, eine gute Gemeinschaft möglich ist."

Dr. Starlingers Gedanken, schrieb das bekannte amerikanische Wochenblatt

"US News & World Report", hätten Bundeskanzler. Dr. Adenauer so sehr beeindruckt, daß er bei seinem letzten USA-Besuch mit Außenminister Dulles eingehend darüber gesprochen habe . . . Man könnte dem hinzufügen, daß umgekehrt Starlingers kühner Ausblick fast anmutet wie eine Erläuterung und Begründung des Bonner Regierungskurses.

Im Bonner Auswärtigen Amt ist man allerdings kritisch eingestellt. Man warnt vor einer Überbewertung Chinas und einer Unterschätzung Rußlands, und man glaubt nicht recht an die Unausweichlichkeit einer chinesischen Nordwanderung. Man könnte hinzufügen, daß jede politische Vorausschau in etwa fragwürdig bleibt, weil sich die Unwägbarkeiten, die Kapriolen und Zufälle der Geschichte nicht voraus-"berechnen" lassen.

Nun, Starlinger will nicht eigentlich prophezeien. Ihm geht es nur um eine Welt-Diagnose, die den Blick freimacht und von den allzu engen tagespolitischen Erwägungen. Und es ist ihm auch wohl gelungen, den allgemeinen Zug der Entwicklung, die mächtigen Unterströmungen der Geschichte sichtbar werden zu lassen. M. S.

- Herausgegeben vom "Göttinger Arbeitskreis" in der Reihe der Beihefte zum Jahrbuch der Albertus-Universität Königsberg. Holzner-Verlag, Würzburg.