Einst Weltstadt-Boulevard / Heute Zentrum ohne Hinterland

Berlin - Friedrichstraße

Von Fritz Dettmann,

Leiter unserer Berliner Redaktion

Berlin, 31. Dezember

Der _toman der Friedrichstraße würde Bände füllen. Mit tausend Figuren aus glanzvoller, lebensfreudiger, zwielichtiger urrd harter Zeit. Mit Melodien, die ganz Europa summte, und dem Beifall der großen Welt, mit Lachen und Weinen, kometenhaftem Aufstieg und jähem Untergang

Was Wirtschaftskrisen und der .,Zug nach dem Westen" einleiteten, vollendete der Krieg. Über der Friedrichstraße schien endgültig das Licht erloschen. In der Schlagader der einstigen Metropole versiegte der Blutstrom. Es blieb eine durch die Sektorengrenze geteilte Ruinengasse, der man von beiden Seiten je nach Art und Vermögen neues Leben zu geben versuchte. Bauliche und kulturelle Konzentration im östlichen Abschnitt schafften viel. Doch den alten Rhythmus konnten sie ihr nicht wiedergeben. Die Wirtschaft mit dem Wechselstrom ihrer Kräfte fehlt. Die Friedrichstraße wurde zu einem Unikum in den Weltstädten: eine City-Hauptstraße ohne Hinterland. ' Die Zukunft Berlins ist auch die Zukunft der Friedrichstraße.

Millionäre über Nacht

Den Namen von Welt trug diese Straße' kaum mehr als sechzig Jahre. Drei preußische Könige standen an ihrer kärglichen Wiege, den großen Atem gab Bismarck. Wer in ihrer Geschichte nach kulturhistorischen Kostbarkeiten sucht, erfährt nur wenig. Sie war das Produkt eines neuen Typs des Berliners, der temperamentvoll, unternehmend und arbeitswütig die Chance nach der Reichsgründung von 1871 wahrnahm. Halbverschenkte Grundstücke brachten plötzlich Vermögen. Kleine Handwerker wurden über Nacht zu Millionären und zogen später in die Feudalsiedlung Grunewald. Eine Flut von Leben. Licht und Betriebsamkeit durchströmte die enge Zeile. Sie wurde zum Broadway zum Repräsentanten einer Metropole.

Die Zahl demonstriert die Macht, Anziehungs- und Ausstrahlungskraft dieses Boulevards überzeugender als alle Worte: wenn abends der letzte Vorhang fiel, entleerten sich mehr als 20 000 Parkettplätze in die Friedrichstraße. Im Umkreis von 15 Gehminuten um den Bahnhof im Spreebogen gab es in dieser Zeit 17 Theater, Opernhäuser und Varietes. Auf einer Länge von 3,3 Kilometern zählte die Friedrichstraße zwischen Oranienburger Tor und Belle- Alliance-PIatz 251 Häuser und 256 Lokalitäten.

Mehrere Dutzend Hotels stellten zwischen der Weidendamm-Brücke und Unter den Linden rund 2000 Zimmer für alle Ansprüche zur Verfügung. Neun internationale Juweliere breiteten in den Schaufenstern ihre Kostbarkeiten für ein internationales Publikum, das " mit den Expreß-Zügen aus Moskau und Warschau, aus London und Paris im Bahnhofsviadukt über der Friedrichstraße landete. In dieser guten alten Zeit mußte der neue Pächter des Zeitungskiosks im Fernbahnhof 1000 Goldmark Abfindung drauflegen, und Herr Castan zahlte für die Räume seines Panoptikums in der Kaiserpassage am Lindeneck hunderttausend Mark Jahresmiete. Kein Makler schloß einen Mietsvertrag unter zehn Jahren.

Wirtschaftliches Korsett

Hochfinanz, Handel und Industrie bildeten das wirtschaftliche Korsett der Friedrichstraße. Um den Komplex der Reichsbank in der Jägerstraße waren mit zwölf Geldinstituten im Bankenviertel die nationale und internationale Finanz konzentriert. Einen Sprung weiter siedelte am Hausvogteiplatz die Konfektion, während der in den Baedekern früherer Jahrzehnte nicht mehr aufgeführte Teil nördlich der Leipziger Straße vom Zeitungs-, Film- und dem Exportviertel in der Ritterstraße seine Impulse erhielt. 1500 hier etablierte Großhandels-Firmen erstellten bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges rund 5 Prozent des gesamten deutschen Exports.

Doch mitentscheidend für die Hochkonjunktur der Zentrumsstraße war in der Blütezeit die Initiative des einzelnen. Auch die in den letzten Jahren der Kaiserzeit einsetzende Invasion der bayerischen Brauindustrie, die Millionen in den "Bierkirchen" der Friedrichstraße investierte, schreckte nicht den privaten Untemehmergeist. Hundert Meter abseits der Gerstensaft-Paläste etablierte sich an der Endhaltestelle der Pankower Straßenbahn in der Mittelstraße ein gewisser Otto Baarz. Er spekulierte auf die Rangierpause und den Durst der Schaffner.

Zehn Jahre später floß bei Baarz das gepflegteste Bier Berlins in Strömen. Er wurde mehr als ein Begriff dieser Stadt. Am Quell seines Pilsners labten sich Prominente aller Fakultäten und Namenlose. Nicht schlechter war der Ruf seiner Fleischportionen. Beste Qualität Aber wer Kartoffeln dazu erwartete oder eine Serviette, war im falschen Lokal. Von einer Kommandobrücke dirigierte der Bierkapitän das Geschäft. Wenn ihm der Oberkellner das erste Pilsner reichte, war es Schlag sechs. Man konnte die Uhr danach stellen.

Zwanzig Jahre später hatte Baarz einen Tagesumsatz von 4000 Mark. Drei- ßig Jahre später hatte er nichts mehr. In einer Novembernacht 1943 mußte er zusehen, wie ein Feuersturm in wenigen Minuten sein Lebenswerk verwehte. Als er 1945 starb, war ihm nichts geblieben als der Ruf, in der Friedrichstraße ein Stück gastronomischer Geschichte gemacht zu haben.

. . . und Fritzi Massary

Baarz und Friedländer, der durch den organisierten Handel mit Theater-Billetts zum Millionär wurde, gehörten zu den erfolgreichsten Männern der Friedrichstadt. Die erfolgreichste Frau war Fritzi Massary. Als die "Herren vom Maxim" (ihr Debüt Anno 1902) und aus dem Palais de Danse längst in der Versenkung verschwunden waren, beherrschte die Massary noch die Bühne des Metropoltheaters in der Behrensstraße. Kriege und Krisen gingen an dieser Frau von Format spurlos vorüber, ein lebendiger Bestandteil der Friedrichstraße. Sie war schon da, als die Sensation der ersten beweglichen Licht-Reklame am Steilufer der Friedrichstraße Berlin in Atem hielt. Und sie war noch da, als mit dem "Eisernen Gustav" Berlins letzter Pferdedroschken-Kutscher auf der Wintergarten-Bühne Abschied nahm, und Otto Reutter voll dunkler Vorahnung deklamierte, daß in fünfzig Jahre "alles vorbei sei".

Was war das alles gegen die Massary, daß Parlament und Synode sich mit gewissen billigen und schreienden Genüssen auf der Friedrichstraße befassen mußten? Daß währungssicher gefüllte Taschen nach der Markentwertung den Berliner Broadway in einen Tummelplatz Europas und eine "Filiale der Hölle" umwandelten?

Das ist alles vorbei

Das würde vorbeigehen, wie es gekommen war. Fritzi Massary aber überdauerte alles. Und es verschönte die Sorgen des Alltags, in den Gazetten vom "ewigen Wunder ihrer Konservierung" zu lesen, zu vernehmen, daß 30 Schneiderinnen eines Berliner Salons wochenlang nur an den neuen Kostümen der Massary arbeiteten und daß ihre Wirkung auf einer eigens erstellten Privatbühne des Modehauses im Licht von Scheinwerfern und Soffitten erprobt wurde.

Zwanzig Jahre später war alles vorbei. Eine neue Friedrichstraße wächst aus zwei politischen Abschnitten. Über die Pläne und Hoffnungen, die sich in Ost- und West-Berlin an ihre Wiedergeburt knüpfen, wird noch gesprochen werden.