Das Sonnabend-Gespräch mit Hans Erasmus Fischer

Von Mensch zu Mensch

einmal über uns "nachdenken". Das kann nur heilsam und fruchtbar sein. Ich halte es jedenfalls für besser, als am ersten Tag des neuen Jahres mit ausgefranster Brieftasche, brummendem Schädel und' einem Griff nach dem nächsten Rollmops aufzuwachen. Der erste Vorsatz, so denke ich, sollte daher sein, Silvester fröhlich und ausgelassen, mit echter Heiterkeit zu erleben, anstatt als fahle "Alkoholleiche" ins Bett zu sinken und das neue Jahr mit einem erbärmlichen Katzenjammer zu beginnen. Das ist bei Gott keine "spießige Moralpaukerei", sondern das Resultat eigener, früherer Erlebnisse und Erkenntnisse. Dies unter uns.

Alle Jahre wieder

Frau B. M. aus H.: "Alle Jahre wieder endet der letzte Tag des Jahres mit einem schrecklichen Streit zwischen meinem Manne und mir. Jedesmal sagt er, daB er selbstverständlich von seinem Büro direkt nach Hause käme und wir gemeinsam Silvester feiern würden. Und jedes Jahr rufe ich ihn am 31. Dezember mehrfach im Büro an, sage ihm, wie Ich mich freue, höre seine nette Stimme, die mir wieder und wieder versichert, wie glücklich er sei, daB er nun dieses Jahresende mit mir erleben dürfte. Und ich Schaf richte in blindem Glauben alles her, koche sein Lieblingsgericht, ziehe mein schönstes Kleid an und ? warte. Es wird Abend, es wird Mitternacht ? er kommt nicht. Am Morgen erscheint er, betütert und zerknirscht, und ei-zählt immer die gleiche Geschichte: da wären die Kollegen gewesen, man habe einen kleinen ,Vortrunk' veranstaltet und dann, na ja, und dann war die Lampe aus. Ich kann da* einfach nicht mehr ertragen. Sonst ist er ein so guter und vernünftiger Mann, bloB Silvester fällt bei ihm die Klappe. Was tue ich nur?"

Meine Antwort: Für viele Männer ist der Weg von der Arbeit bis nach Hause zuweilen mit "Lütt un Lütt" gepflastert. Sie müßten sich wie Odysseus am Mast (ihres Willens) festbinden, um

den Sirenenklängen der zischenden Bierhähne oder der knallenden Korken zu entgehen. Mancher hat aber leider den Mast nicht bei sich, oder es fehlt ihm der notwendige Bindfaden. Ihnen würde ich raten, sich zu Freunden oder Bekannten zu begeben, um mit ihnen Silvester zu feiern. Sollte Ihr Mann den Mast bei sich gehabt haben, so legen Sie ihm einen Zettel auf den Tisch: ich bin bei Soundso. Komm her, wenn Du magst oder ruf mich an, wenn ich kommen soll. Kommt er, wie gehabt, im Morgengrauen heim, so erzählen Sie ihm, wie glänzend Sie sich amüsiert hätten. Sie können ihn sogar ein wenig eifersüchtig machen. Vielleicht kommt

Liebe Leserin und Heber Leser! Wir stehen heute an der Schwelle des neuen Jahres. Nun packen wir unseren Rucksack voll mit guten Vorsätzen, füllen unsere Herzen mit Hoffnung und Optimismus. Leider verfallen wir dabei nur allzu leicht in den Fehler, die Uberstandenen Schwierigkeiten des nun verlöschenden Jahres beiseite zu dringen, sie su verkleinern, ja, sie tan blinden Rausch der Silvesternacht vollends su vergessen. Gute Vorsätze können aber nur dann wirksam werden, wenn wir uns der Vorsätze erinnern, die wir am deichen Tag vor einem Jahre faBten und nicht wahrmachten. Wir sollten den Ablauf der letsten 365 Tage, wahr gegen uns selbst, überprüfen, um unsere Schuld und unsere Fehler zu erkennen. Nicht Indem wir uns Asche aufs Haupt streuen, sondern indem wir uns einmal fragen: was habe 1 c h falsch gemacht? So wie auf die Dauer nur der Tüchtige Glück hat, so hat auf die Dauer nur der Untüchtige Unglück (von unverschuldeten Schicksalsschlägen abgesehen, denen wir unentrinnbar ausgeliefert sind). Bei sich selbst muß man daher anfangen, die Quellen für Unordnung, Kummer und Sorgen zu suchen; bei sich selbst zuerst; und dann erst bei den anderen. Vorwärts kommen wir nur durch eigene Erkenntnisse: "In unserer Brust ruhn unseres Schicksals Sterne!"

So wie der Buchhalter am Ende des Jahres seine Bilanz zieht, sollten wir es auch tun. Aus dem Soll und Haben müssen wir unsere Schlüsse (und Entschlüsse) ziehen. Tun wir es, dann werden wir es 1956 besser machen und glücklicher sein.

Bevor also die abscheulichen "Kanonenschläge", Knallkörper und andere (sinnlosen Krach machende und leider nur allzuoft gefährliche) "Dinger" explodieren und noch bevor der Alkohol die Sinne umnebelt, sollten wir ruhig er so zu seinem Odysseus-Mast. Ihnen beiden wäre es herzlich zu wünschen.

Eine Mutter fragt

Frau T. L. aus H.: ?Mein Sohn hat die Primareife der Wissenschaftlichen Oberschule. Da er aber Industriekaufmann werden will, besucht er nun die Wirtschaftsoberschule, um sich für seinen künftigen Beruf vorzubereiten. In der Schule wird gewünscht, daB sich die jungen Leute in den Ferien praktisch betätigen. Sd suchten und fanden mein Junge und iwei seiner Kameraden einen Job in einem großen Kaufhaus. Sie bekamen dafür 70 Pf pro Stunde. Alt der Lehrer es erfuhr, gab es zwischen ihm und mir eine erregte Aussprache. Der

Ein Geck - mit fünfzig?

Meine Antwort: Nachdem wir Männer Jahrzehnte hindurch alle modischen Extravaganzen der Frauen entweder stillduldend, mit Humor oder sogar mit höchstem Vergnügen erlebten, während wir uns zähneknirschend in weiten Schlapphosen, Watteschultern und "zweireihig" durch unser modisches Elend schleppten, können wir nun endlich einmal aus unserer genormten Haut heraus. Ich muß gestehen, daß ich einfach hingerissen bin, wenn mein Schneider, der ein hervorragender "Anzieh-Psychologe" ist, mir immer wieder etwas Neues vorschlägt Wenn Ihr Mann Jazzfans-Ofenrohre und papageienbunte Krawatten trüge, dann könnte man ihn in seinem Alter womöglich als Gecken bezeichnen. Aber bitte, bedenken Sie doch, daß wir Männer nun auch der Mode kleine Opfer bringen, wie das holde Geschlecht es in viel höherem Maße in der Zeit der Schnürkorsetts tat: die kurzen Mäntel sind nämlich kalt, und ich komme mir immer vor, als stünde ich mit denBeinen im Eisschrank. Doch das ficht mich nicht an und Ihren Mann offenbar auch nicht Bitte, bedenken Sie, was Männer schon alles mit Frauenmoden durchmachten, und lassen Sie uns das kleine Vergnügen der Verwandlung! Jede Mode ist schick, wenn sie geschmackvoll ist und in den Grenzen gehalten wird, die zu jedem Alter passen.

Frau H. O. aus H.: "Mein Mann Ut SO. Das zunächst mal im voraus. Er verdient gut und Ist tüchtig. Das zur Illustrierung. Er war auch immer ganz vernünftig, so- Lehrer sagte wörtlich: .Schämen Sie sich nicht, Ihren Sohn, der die Wirtschaftsoberschule besucht, als Boten Geld verdienen zu lassen? Ich erwiderte darauf, daB doch viele Studenten ihren Lebensunterhalt und damit ihr Studium durch zusätzliche Arbeit ermöglichen müßten. ,Das ist ganz etwas anderes', schnitt mir der Lehrer das Wort ab. Da mein Sohn ein Jahr vor dem Abitur steht, mußte ich die sehr hart geführte Zurechtweisung stillschweigend hinnehmen. Inzwischen hat mein Sohn eine andere Aushilfsstellung bekommen. Er muß tüchtig zupakken. Alle sind freundlich zu ihm. Er lernt die Sorgen der Arbeiter kennen, ißt mit Ihnen in der Kantine, und ist mit einer Schicht von Menschen zusammen gekommen, die er bisher nicht kannte, vor deren Leistung er hohen Respekt hat. Heimlich überlegt er natürlich auch, wie er seinen Verdienst, den er bis auf den letzten Groschen spart, für die Sommerreise anlegen kann. Ich freue mich, daß er so tapfer aushält und kann den .Standesdünkel* seines Lehrers nicht verstehen. Darf man heute noch so denken?"

Meine Antwort: Man durfte niemals so denken. Heute ist es jedoch geradezu altmodisch. Ein junger Mensch sollte sich immer umsehen und schon frühzeitig lernen, was jede ehrlich getane Arbeit wert ist. Ich kann mir richtig vorstellen, wie die Arbeiter ihren Jungen herzhaft "bemuttern". Und daß er etwas für seine Sommerreise spart, finde ich großartig. Da gibt es nichts zu schämen. Der Herr Studienrat ist offenbar die Höhenluft seines Katheders gewöhnt, und die ist manchmal wohl etwas dünn. Lassen Sie sich bitte nicht beirren. Ihr Junge soll in der Schule fleißig sein. Nur eines erscheint mir wichtig: er sollte sich in den Ferien nicht überarbeiten. Darauf muß nun wiederum die Mutter achten. weit eben Männer vernünftig sein können. Nun aber ist bei ihm die .Modekrankheit' ausgebrochen. Eines Tages erschien er im Maßanzug mit engen Hosen, mit Weste (hat er nie getragen!), bei der der unterste Knopf aufblieb (trüge der Mann von Welt so, behauptete er), statt breiten

Schultern hatte er müde, und dann kam er ein paar Wochen später in einem Mantel, der Ihm gerade bis an die Knie reichte, und einem Hut mit breitem Rand, in dem er aussah wie ein pensionierter Cowboy. Gehört sich das für einen guten Bürger und Kaufmann mit Reputation? Ich geniere mich direkt. Er sieht ja aus wie ein Geck und das mit 50!"