Menschlich gesehen:

Diplomat in Weiß

In der schönen Karlsruher Schwarzwaldhalle errang HelmutBantz am Sonntag zum zweitenmal den Titel eines Deutschen Kunstturnmeisters im olympischen Zwölfkampf. Im gleichen schwierigen Wettbewerb war er im Vorjahr in Hamburg Turnfestsieger geworden. Damals "verpatzte" Bantz seine Übung am Seitpferd, und er fiel zunächst weit zurück. "Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben", sagte der blondgelockte, aus Speyer stammende Turner und riß doch noch, sich von Gerät zu Gerät steigernd, den Turnfestsieg mit winzigem Vorsprung an sich. Das zeigt am besten, aus welchem Holz der 32jährige Turnund Sportlehrer aus Wuppertal geschnitzt ist.

Bantz ist zur Zeit die stärkste deutsche Waffe für die Turnweltmeisterschaften dieses Sommers in Rom. In einem für einen Turner ungewöhnlich jungen Alter von 21 Jahren erkämpfte sich Bantz bereits 1942 die Deutsche Kunstturnmeisterschaft im Zehnkampf und drei Einzeltitel dazu. Er ist ein geborener Turner, der Talent mit Fleiß zu verbinden weiß. Als er die Turnhose mit der Uniform vertauscht hatte und in Gefangenschaft geriet, entdeckten die Engländer den deutschen Spitzenkönner in einem Lager auf ihrer Insel. Sie vertrauten Bantz das Training ihrer Turner an.

Beim olympischen Zwölfkampf in Helsinki war Bantz als Neunter der erfolgreichste deutsche Turner. Als "Diplomat in Weiß" gehörte er, den beiden deutschen Turnerexpeditionen an, die 1952 nach Südamerika und 1953 nach Japan führten. Bantz ist der einzige Brillenträger der deutschen Nationalriege. Auch beim Turnen setzt er sie nicht ab, sondern klebt die Bügel am Gesicht fest. Erst seit einer Woche verheiratet, empfing er in Karlsruhe durch Frau Erika den Meisterschaftskuß.

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