Chinesische Eier

Diese Geschichte, an deren Wahrhaftigkeit selbst von den eingefleischtesten Skeptikern wohl kaum gezweifelt werden kann, ereignete sich vor dem ersten Weltkrieg. China war damals ein bekanntes Eierausfuhrland, das in der Saison ganze Schiffsladungen exportierte. Auch wir übernahmen eines Tages in dem seinerzeit noch deutschen Tsingtau eine Ladung Eier. Lieferant war die bekannte Eierexportfirma Li Hung Tschang Ltd. in Tsingtau, Tientsin Road 207, die im übrigen auch die Schiffsbesatzungen im Kleinhandel belieferte. .

Daß frische Eier eine wertvolle Ergänzung der auf Salzfleisch, Schiffszwieback und Dörrpflaumen abgestellten Schiffsverpflegung darstellen, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. Es versteht sich auch von selber, daß sich Jeder von uns für die Weiterreise mit einem großen Vorrat von frischen Eiern eindeckte, zumal Li Hung Tschang für zwei Schock der Klasse 1 nur etwa 1,50 Mark berechnete, einen Preis, der heutzutage auch in Deutschland kaum wesentlich unterboten werden dürfte.

Es sei nicht verschwiegen, daß ein überstarker Eiergenuß bei uns an Bord anfänglich zu gewissen psychischen Störungen geführt hat, ja sogar zu einer Art von Epidemie, über die der bekannte Forscher Prof. Dr. Milei von der Universität Heidelberg s. Z. in den "Medizinischen Monatsheften", Jahrgang 1913, Heft 11, eine vielbeachtete und aufschlußreiche Abhandlung veröffentlicht hat ("Akute Eieritis sinensis auf einem deutschen Schiff").

Die mildeste Form der Erkrankung nach übermäßigem Eiergenuß äußerte sich in einer plötzlichen und durch nichts begründeten Ablehnung des Eiergenusses überhaupt; es traten aber auch ernstere Symptome auf. So lehnte z. B. unser Zimmermann, ein verdienter Miterfinder des Eiergrogs, nach dem GenuB von 200 Eiern in einer Woche plötzlich auch den Eierkognak ab. Er sang fromme Lieder und mußte abgemustert

Stimmte uns dieser außergewöhnliche Vorf all schon bedenklich, so mußten wir bald erfahren, daß auch Nauke, einer unserer Schiffsjungen, von der geheimnisvollen Krankheit ergriffen worden war. Er hatte höchstens 199 Eier gegessen als er plötzlich die Sprache verlor, wie ein Huhn gackerte und dabei betroffen wurde, daß er im Kabelgatt aus altem Tauwerk Nester baute.

Tragisch war auch das Schicksal von Moses, unserem zweiten Schiffsjungen, den die perniciöse Eieritis mit ganzer Wucht gepackt hatte. Als ihn einer harmlos mit "Ei! Ei! Ei! Wer kommt denn da?" begrüßte, brach er wie vom Blitz getroffen zusammen und mußte bewußtlos weggetragen werden. Dreimal "Ei" hintereinander war über seine seelischen Kräfte gegangen. Der Vorfall zwang uns dann, uns in unserer täglichen Unterhaltung völlig umzustellen und die Silbe "ei" möglichst zu vermei-

Es würde zu weit führen, wollte. ich all die verschiedenen Erscheinungsformen der Eieritis im einzelnen aufzählen. Ich muß daher auf die umfangreichen und tiefgründigen Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Milei verweisen, der sogar noch mehr Fälle geschildert hat, als bei uns überhaupt vorgekommen sind. Glücklicherweise ebbte die Erkrankung bei uns auch nach und nach a.b. als die Eiervorräte beträchtlich abgenommen hatten.

Wir hatten, wie schon erwähnt, eine große Eiermenge als Ladung übernommen, die aber nicht dem menschlichen Genuß diente und daher keinen Einfluß auf unser Seelenleben hatte. Es handelte sich um Eier für technische Zwecke ? angeblich zur Albumingewinnung, Seifenfabrikation usw. ? , die deshalb auch nicht in ihren zerbrechlichen Schalen transportiert zu werden brauchten, sondern "ausgeschlagen" zu etwa je 10 000 Stück in zwei Meter hohe und entsprechend dicke Holzfässer gefüllt und dann luftdicht verschlossen wurden. Wir hatten einige hundert von diesen Fässern geladen. Kurz vor der Abfahrt, als schon die Luken geschlossen waren und der Landgangssteg gerade eingezogen werden sollte, kam jedoch mit fliegendem Zopf Mr. Woo Hop, unser Spediteur, und beschwor uns, noch ein reklamiertes Faß mitzunehmen, das im Eiltempo auf einer zweirädrigen Karre herangekarrt wurde. Wir nahmen auch das noch an Bord und laschten es, mit einer geteerten Persenning bedeckt,. der Einfachheit halber an Deck fest.

Dieses harmlose Faß erregte von Anfang an das stärkste Mißfallen unseres für die Sauberkeit an Deck verantwortlichen Bootsmannes, dem es in seiner auch sonst sehr blumenreichen Sprache je nach der Tageszeit ein "Dorn im Auge", ein "Stachel im Herzen" oder ein "Pfahl im Fleische" war, was allerdings bei der Größe des Fasses unser beschränktes Einfühlungsvermögen oft überstieg. Die Antipathie unseres Bootsmannes gegen das Faß entsprang weniger dem Gedanken an die dem menschlichen Genuß entzogenen 10 000 Eier ala der für ihn grauenhaften Vision, die er uns bei jeder Gelegenheit offenbarte: "Und wenn wir erst in die Tropen kommen, dann vergammeln die Eier, und dann platzt das Faß, und dann haben wir den Schiet an Deck!"

Der Gedanke, daß das Faß eines Tages seinen schmierigen und stinkenden Inhalt über das Deck ergießen könnte, nahm bei unserem Bootsmann nach und nach manische Formen an. Er wurde verschlossen und grüblerisch, konnte stundenlang bei dem ominösen Faß stehen, den Blick hypnotisch auf das Deck gerichtet, und wie eine Beschwörungsformel die unheilvollen Worte murmeln: "...und dann haben wir den Schiet an Deck!"

Aber er wäre nicht unser energiegeladener Bootsmann gewesen, wenn er sich nicht eines Tages aus Seiner Lethargie gerissen und das Problem tatkräftig angepackt hätte. Er stellte, sehr zu unserem Leidwesen, für den Tag "X" eine Deckwaschrolle auf, die fleißig durchexerziert wurde, bis jeder Handgriff saß. In der Rolle war genau geregelt, wer im Ernstfalle die Deckwaschschläuche zu holen hatte, wer sie anzuschließen hatte, wer die Maucnia" wahrschaute, wer einen m^edienen, vre* "" "?"=., ? Steuerbord-, wer das BactcDordliek der Persenning anzuliften hatte, um darunter spülen zu können, usw. Nach der Einzelausbildung folgte dfe Gruppenausbildung, und dann kamen unvermutete Probealarme, die uns ständig in Form halten sollten: Trommelwirbel, Trompetenstöße, Glockengebimmel und der Alarmruf '. ?Schiet an Deck!" Wir waren so in ständiger Einsatzbereitschaft und sehnten schließlich selber den Tag herbei, an dem wir uns im Ernstfall bewähren konnten. ?*

Inzwischen nahm" die Reise ihren programmäßigen Verlauf, wenn man von dem Taifun absieht, dessen schwere Kreuzseen uns bös durchschüttelten und auch das Faß nicht zur Ruhe kommen ließen. Aber es hielt, der Taifun ging vorüber, wir kamen langsam in die Tropen, und eines Tages liefen wir fahrplanmäßig in Singapur ein. Die Befürchtungen unseres Bootsmanns waren augenscheinlich unbegründet gewesen. In Singapur nahmen wir noch einige hundert Tonnen Kopra und 600 Sack frische Kokosnüsse über und setzten dann unsere Reise durch die Malakkastraße fort.

Es kam aber doch, wie es kommen mußte: Am 23. Juli 1911, um 0.03 Uhr nach mittlerer Ortszeit, auf 1 Grad 34 Min. 31,5 Sek. Nordbreite und 102 Grad 11 Min. 56,5 Sek. Ostlänge erschütterte ein leichter Stoß das Schiff, ein schwacher dumpfer Knall folgte, ein unangenehmer Geruch machte sich bemerkbar: Bes"^ eißea^Abse^ec,

Sand wewm,/

Das große Faß war geplatzt! Trommelwirbel! Trompetengeschmetter! Glockenläuten! Ein Ruf, von Mann zu Mann wiederholt: "Schiet an Deck!" durchgellte die stille Tropennacht. In Sekundenschnelle waren wir auf unseren Alarmstationen. Die Schläuche entrollten sich, das Wasser rauschte, Sand stiebte, Besen rotierten, die Persennigsliftgäste lifteten auf Kommando die Lieken der Persenning an und ? ließen sie in panischem Schrecken wieder fallen ...

Über diese Nacht des Grauens sind nun schon lange Tang und Seegras gewachsen. Trotzdem verfolgte uns noch jahrelang das Bild, das sich unseren ungläubigen Augen darbot: Im fahlen Schein flackernder Fackeln erhob sich aus den Trümmern des Fasses ein plustriges gelbes Etwas und richtete sich zu Übermannsgröße auf: ein riesiges Hühnerküken mit Augen so groß wie Kuchenteller und einem gelben Schnabel von der Größe einer mittleren Waschbalje, im übrigen aber in jeder Beziehung wohlgestaltet und trotz seiner Ausmaße fast zierlich zu nennen!

Es mag vielleicht den einen oder anderen unverbesserlichen Skeptiker geben, der einen ? vielleicht auch nur leisen ? Zweifel an der Wahrheit dieses Vorkommnisses hegen könnte. Er möge mit seinen Zweifeln zurückhalten, bis

er das hier erstmalig veröffentlichte Gutachten unseres damaligen Schiffsarztes gelesen hat, der ebenfalls jedem Aber- und Wunderglauben abhold war. Er wurde leider seinerzeit mit seinem Gutachten von der exakten Wissenschaft totgeschwiegen. Das lag daran, daß er mit seinen Erkenntnissen dem damaligen Stand der Wissenschaft weit voraus und die Zeit Hoch nicht reif genug war für seine biologischen Erkenntnisse, daß die Vertreter der exakten Wissenschaft mit ihren veralteten Theorien über ornithologische Genetik ihren Thron wackeln sahen.

Ich will versuchen, das Gutachten unseres Schiffsarztes, das er mit Rücksicht auf uns populär-wissenschaftlich gefaßt hatte und das daher der einfachste Mann verstehen wird, wörtlich wiederzugeben:

"Die ursprünglich funktionär isolierten Aminosäuren und Lipoide der Ei- Korpuskeln sind durch die heftige Pulsation während des Taifuns stark in ihrem molekularen Gefüge gestört und homogenisiert worden. Es kam zur Bildung kolloidaler Verbindungen, die vom Laien nicht mit Unrecht als ?Rührei" bezeichnet werden. Hierbei waren osmotische Druckgefälle in den Membranen des Protoplasmas unvermeidlich; sie mußten folgerichtig zur Zellkerntellung und zur Neuordnung der Chromosomen führen. Hierzu bedurfte es jedoch noch eines heterogenen Impulses, der die Ionisierung der Kerne und die Polarisation der vielen Einzelzellen zu einer neophytischen Makrozelle einleitete. Ausgelöst wurde dieser Impuls bereits durch die rapide Änderung des elektrischen Potentials in den barischen Elementen der Zyklone und die damit verbundene katalytische Reaktion. Die spätere akkumulative Immission kalorischer Molekeln durch die Sonnenbestrahlung mit ihrer Neutronen-Emission in das Ei-Magma vermehrte die Affinität der Globuline in solchem Maße, daß in Kettenreaktionen die Polymerisation der Proteinderivate zu Makro-Molekülen eintrat. Durch Mutation des Plasmas und Anreicherung der Chromosomen mit Glykogenverbindungen mußte zwangsweise auch eine neophytische Koagulierung der Lipoide mit zentraler Polarisation eintreten, /oder noch einfacher gesagt: das bisherige Rührei schied sich infolge der inneren Sekretion wieder in Eiweiß und Eigelb und ordnete sich dann zu einem ,Großei'. 'TU den Faßwänden als .Eierschale' wurde dann dieses Ei in der Tropensonne nach allen biologischen Grundsätzen ausgebrütet. Ein ganz einfacher und natürlicher Vorgang" ? das fanden wir auch!

Was aus dem Küken geworden ist? Nun, die erste Reaktion unseres zu Tode erschrockenen Bootsmannes war der Schrei: "Über Bord mit dem Mistvieh!". Das war aber leichter geschrien als getan, denn das Putthühnchen lehnte mit Hilfe seiner hürnenen Waschbalje jede Zumutung eines Vollbades außenbords ab und piepste dabei mit einer Lautstärke von soviel Phon, daß uns unsere Schiffssirene dagegen wie eine Äolsharfe vorkam und wir mit ?verletzten Trommelfellen von ihm abließen.

Auf den einstimmigen Wunsch unseres Kapitäns hin blieb Puttchen dann an Bord; für Hagenbeck in Hamburg. Schwierig war anfangs die Frage der Fütterung, da sich Hirse in diesem Falle als ungeeignet erwies. Puttchen pickte mit einem Schnabelhieb nämlich nicht nur die hingestellte Hirse samt der gro- ßen Steingutschüssel auf, sondern auch noch ein fußtiefes Loch in unser Holzdeck. Wir mußten also kernigeres Futter verwenden und fanden es in unserer Kopraladung und vor allem in den frischen Kokosnüssen, die Puttchen sehr gern nahm. Wie ließen daher im Dienst der Wissenschaft die paar hundert Tonnen Ladung ruhig draufgehen.

Puttchen gedieh wunderbar und wuchs fast stündlich an Leib und Seele und uns zunehmend ans Herz. Es war so zutraulich, daß ihm unser Bootsmann, der selbst die Betreuung übernommen hatte, manchen kleinen Verstoß gegen die Schiffsordnung verzieh, so auch die Alpenlandschaft von Hühnermist, die schließlich jeden Verkehr über das als "Auslauf" für Puttchen reservierte Vordeck unmöglich machte. Wir halfen uns dadurch, daß wir außenbords Stellings ausbrachten, über die wir bequem bis zur Back gelangen konnten. Nach etwa 14 Tagen reichte Puttchen bereits bis zum Peildeck, und wir hatten unsere Freude daran, wie es in seiner jungmädchenhaften kindlichen Spielerei die messingnen Kompaßhauben, die kupfernen Ventilatorenköpfe und sonst alles anknabberte oder wegpickte, was glänzend war. Nur als Puttchen eines Tages unseren neuvergoldeten Flaggenknopf samt Verklicker mit einem kleinen Anlauf wegholte, waren wir etwas ungehalten.

Trotzdem erfreute sich Puttchen allgemeiner Beliebtheit, und wir malten uns schon den Triumphzug aus, wo Puttchen in Hamburg, beiderseitig flankiert durch die gesamte Schiffsbesatzung, durch die Stadt zu Hagenbeck geleitet werden würde. ' Ein unergründliches Schicksal hat es anders gewollt: Puttchen saß nachts, wie immer, auf dem als Sitzstange herabgelassenen 5-t-Ladebaüm und schlief. Plötzlich hörten wir ein wildes Flattern und gleich darauf ein Aufklatschen. Puttchen war durch irgendetwas erschreckt worden und ins Wasser gefallen, wo es als Nichtschwimmer wie ein Stein absackte. Ein ihm in der ersten Verwirrung nachgeworfener Rettungsring half nichts mehr, wir mußten uns mit dem Verlust abfinden. Daran änderte auch der Stoßseufzer unseres Bootsmanns nichts: "Wenn in dem verdammten- Faß bloß Enteneier gewesen wären!" ?

Wenn Ich erst jetzt mit dieser anerkannt wahren Geschichte vor die Öffentlichkeit trete, so tue ich es in Erfüllung unseres Vertrages, daß nur der dereinst über Puttchen berichten dürfe, der 44 Jahre keine unwahre Seegeschichte erzählt hätte. Ich erfülle diesen unseren Vertrag reinen Herzens.