Ein Benimmbüchlein für amerikanische Zivilisten / Fast unsichtbare Fußgänger

US-Knigge für Deutschland

Wovor fürchten sich die Amerikaner in Deutschland? Vor den Autofahrern und den Bakterien ? vor sonst nichts. So ist es jedenfalls in dem vom amerikanischen Hauptquartier in Heidelberg herausgegebenen ?Handbuch für US-Zivilisten in

Deutschland" zu lesen.

Von Erich Bodendiek

Leiter unserer Frankfurter Redaktion

Frankfurt, 31. Dezember

Dieses Westdeutschland, so wird den Amerikanern zunächst einmal klargemacht, ist noch nicht einmal so groß wie der Staat Oregon. Und die Zahl der auf diesem kleinen Gebiet lebenden Menschen beträgt ein Drittel der Bevölkerung der USA. Die Regierung in Deutschland ähnele der in USA, mit einem Präsidenten, einem Oberhaus, genannt "Byint-ess-rath", und einem Unterhaus, genannt "Byint-ess-tahkh".

"Sie werden aber nur wenige Exemplare der großen blonden ?rein teutonischen Arier' in Deutschland vorfinden", sagt das Büchlein, um aber gleich hinterher die enttäuschten US-Bürger wieder zu beruhigen. "Die Deutschen sind wohl von allen Europäern den Amerikanern am ähnlichsten." Kein Wunder, da ja ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung deutsche Vorfahren hat.

Von Kindheit an, so behauptet dieser US-Knigge, lernen die Deutschen Disziplin. "Es gibt keinen Zweifel darüber, wer der Herrscher in einem deutschen Haus ist. Es ist ,Vati', und stellvertretender Kommandant ist ,Mutti'." Eine Seite der deutschen Natur, die die Amerikaner nur schwer mit der deutschen Geschichte in Einklang bringen können, ist die Vorliebe für Blumen, Musik, Kunst und Familienleben. Aber sie trösten sich damit, daß bis zur -" Gründung der Bun- "mtf^ desrepublik die Äif^\/?X\ Deutschen niemals ~*ßi ffiffiöLo wirklich Gelegenheit hatten, sich po- &? v%yVy litisch als Bürger im T^y^^ft>V^_^ europäischen Reigen föJaj^SJ] der Nationen zu ent- Ä Jvxfgö wickeln. ?Es gibt s<&*<i$'jffi s i weniger Völker, die *^fc' fleißiger sind und ? sich weniger vor ***r

der Arbeit fürchten, als die Deutschen."

"Deutsche Sprak, schwere Sprak", das wird auch den amerikanischen Zivilisten beigebracht. Sie würden sich wohl nur schwer zu' der Überzeugung durchringen, daß alle Deutschen die gleiche Sprache sprechen. "Aber lassen Sie sich durch die Unterschiede in der Aussprache nicht umwerfen ? bleiben Sie beim Hochdeutschen." In Deutschland gebe es immerhin über ein Dutzend verschiedenartiger Dialekte, und ein geborener Schleswig-Holsteiner werde einen Urbayern auch nicht verstehen können.

Gefahren auf der Straße

Es sei durchaus möglich, daß den Amerikanern in Deutschland mehr Gefahren an Leib und Leben drohen, als in der Heimat. Die größte Gefahr bestehe aber für sie auf den Straßen. Das liege nun einmal, so sagt der Knigge, daran, daß sich auf den deutschen Straßen außer Autos auch Fahrräder, Ochsenkarren, langsam fahrende Traktoren, Schlepper und Jauchewagen bewegen. Und die deutschen Autofahrer seien wohl auch ein bißchen sorgloser als die amerikanischen.

"Seien Sie nicht überrascht, wenn sie ein kleiner Porsche oder Volkswagen überholt", mahnt der Knigge, denn die europäischen Autos seien nach dem Gewicht bemessen schneller als die amerikanischen Wagen. Auf der Autobahn, überholt der Deutsche mit unglaublicher Geschwindigkeit, um dann wenige Kilometer weiter anzuhalten, um zu frühstücken.

"Diese Leute haben noch nicht so lange Automobile. Sie gehen jetzt durch den Geschwindigkeitswahn, genau so wie die Amerikaner vor 25 oder 30 Jahren." Das Sicherste sei es also, diesen wilden Fahrer Platz zu machen. Aber auch auf Fußgänger müsse der Amerikaner in Deutschland aufpassen, denn die könnten hier überall die Straße überqueren. Und außerdem hätten sie die Angewohnheit, auf Straßen ohne Bürgersteig stets auf

der rechten Seite zu gehen. Da sie im Durchschnitt auch noch dunkle Kleidung trügen, seien sie also des Nachts praktisch unsichtbar.

Und nun die zweite große Gefahr: Die deutschen sanitären Einrichtungen, die nicht den amerikanischen entsprechen. "Es gibt hier in Deutschland eine stets drohende Seuchengefahr unter der eingeborenen Bevölkerung." Das Trinkwasser sei nicht immer einwandfrei.

Da ja immerhin die europäischen und auch deutschen Sitten von den amerikanischen abweichen, werden auch in dieser Hinsicht gute Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Auf jeden Fall solle der Amerikaner es vermeiden, alles, was er in Deutschland sieht, dahin zu kommentieren, daß es das in den USA viel größer und besser gebe. "Denn nichts ärgert den Deutschen mehr, als das zu hören." Gewiß seien die ameri kanischen Straßen besser, die Automo bile komfortabler und die Küchenein nchtungen praktischer. Aber auch die Deutschen hätten manche Dinge, auf die sie stolz sein könnten. Sie seien zum Beispiel viel formeller. Sie schüttelten sich die Hände und verbeugten sich. Und die Männer zögen den Hut niclit nur vor Damen. Auch sollten die Amerikaner nicht darüber staunen, wenn sie sehen, wie ein Deutscher mit dem Messer Kartoffelbrei oder Erbsen oder Fleisch auf die Gabel schiebt, denn die Europäer benutzten das Messer nicht nur zum Schneiden von Fleisch. Im übrigen, so stellt der Knigge fest, seien die europäischen Tischsitten älter als die in den USA.

Geduld ? das sei etwas, was der Amerikaner in Deutschland lernen müsse. Auf der Straße zum Beispiel, gebe es Schwärme von Radfahrern, die den Verkehr behindern. Aber der USA- Bürger solle daran denken, daß auch diese Radfahrer lieber mit dem Auto fahren würden. Schließlich seien die meisten Straßen in Deutschland für Fußgänger, Ochsenkarren und Radfahrer angelegt.

"Nicht ungeduldig werden, wenn man lange vor geschlossenen deutschen Eisenbahnübergängen warten muß." Und auch stets daran denken, daß die deutschen Läden normalerweise in den Mittagsstunden schließen. Und schließlich keine Riesentrinkgelder geben, denn dadurch seien die Vorkriegstouristen aus den USA in der ganzen Welt so unpopulär geworden. "Aber dafür 1ernnn sie ,Danke schön!' und ,Bitte schön!' sagen, es ist nicht schwer auszusprechen."

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