Als gegenüber övelgönne noch eine Schiifwildnls war

Kopfsprung von der "Athabaska"

Manch einer, der nach Finkenwerder fährt, wundert sich, wenn der Dampfer am Athabatka-Höft anlegt, über den Namen, der so romantisch nach Wildwest und Indianern klingt. Unser Mitarbeiter Ludwig Dlnklage plaudert aus den Jahren kurz nach der Jahrhundertwende, als dort noch eine Schilfwildnis war und erklärt gleichzeitig den seltsamen Namen.

Gegenüber övelgönne, dort wo jetzt Maakenwerder-, Griesenwerder-, Waltershofer-, Park- und Jacht-Hafen sind, war damals ein weites Sumpf gelände, mit Schilf und Riet bestanden, mit knorrigen und krumpeligen Weiden auf kleinen Erdhügeln. Das ganze war von zahllosen Prielen durchzogen und ein Dorado für allerhand gefiedertes Volk, aber auch für uns rudernden und segelnden Jungs. Mit Jollen und Wherrya kutschierten wir da herum.

Irgendwo in dieser Urlandschaft wohnte der Bauer Pantermühl. Er unterhielt eine kleine Gastwirtschaft, wo es dick belegte Schinkenbrote für 20 Pfennig und ein Riesenglas frischer Milch für fünf Pfennig gab. Einmal war'ihm ein Schwein ausgekratzt Als wilde Sau geisterte e" wocheqfang angriffslustig durch die SCMlfWÖarfe und wurde zu einem Wahren Fabeltier.

An der Elbkaaite des Parksandes stand ein rostbraunes Eisengerippe mit einem kleinen Leuchtturm . darauf . Jedermann nannte das die "Athabaska" und es woben sich viele Legenden darum. Wir sind oft auf das Gerippe hinausgeklettert und haben bei Hochwasser von dortaus den Kopfsprung geübt Daß es sich um das Vorschiff eine" gestrandeten Dampfers handelte, wußten wir nur vom Hörensagen. Aber später bin idi der Geschichte nachgegangen.

Die "Athabasca" war ein Schraubendampfer des Liverpooler Reeders William Tapscott und 1645 Nettoregistertonnen groß, und sie hatte ihren Namen (mit c, während wir das Wort heute mit k schreiben) von einem kandisdien Fluß. Im Oktober 1891 kam sie mit einer Ladung Reis die Elbe aufwärts. Ein dunkler und trüber Abend. Eben lag die Finken wärder Bake achteraus und man hielt nun nadi Backbord hinüber, auf das Neumühlener Feuer zu. Dabei kam das Schiff dem Böhnhasen-Sand, der damals ? der Köhlbrand war noch nicht. reguliert ? vor övelgönne lag, zu nahe und geriet auf Grund. Da Flutstrom lief, kam der Dampfer bald wieder flott, lag nun aber schräge im Fahrwasser, weil der Strom das Hede herumdrückte.

Plötzlich tauchte ein schwarzer Schatten aus der Dämmerung auf. Es krachte und knirschte, und das fremde Schiff bohrte sich eben hinter der Kommandobrücke tief in die "Athabasca" hinein.

Kessel und Maschinenraum liefen sofort voll Wasser, die Schotten hielten nicht mehr dicht und in kurzer Zeit war der Liverpooler Reisdampfer so weit gesunken, wie es eben auf diesem flachen Wasser möglich "ein konnte. Das fremde Schiff, das solche Eile hatte, nach Haus zu kommen, war der Slomann-Dampfer "Procida", Zwei Schlepper mußten sidi abrackern, ihn wieder aus der "Athabasca" herauszuziehen. Das Wrack wurde nicht geborgen, da Schrott damals noch nicht so hoch im Preise stand. Es wurde nur aus dem Fahrwasser geschafft und auf Strand geholt.

Über zwei Jahrzehnte hat das Vorschiff der "Athabasca" am Parksand gelegen und mit seinem Leuchtfeuer die Schiffahrt gewarnt Dann verschwand es, beim Ausbau der Hafenanlagen, unter den Erdmassen. Nur der Name Athabaska-Höft erinnert nodi an den Liverpooler Reisdampfer.

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