An der Grenze des Unbegreiflichen / Von Dr. EDUARD WILDHAGEN

Rätsel des Gedächtnisses

Das kennen wir alle: Tagelang verfolgt uns eine bestimmte Melodie, wir können sie nicht loswerden. Oder wir glauben etwas zu erleben, was wir doch früher schon einmal erlebt haben, ohne zu wissen, wann und wo. Wo liegt der Schlüssel zu diesen geheimnisvollen Vorgängen? Der Versuch einer Antwort rührt tief an die Grenzen des Unbegreiflichen.

Ganz plötzlich ist es da, dieses rätselhafte Gefühl- das, was ich jetzt höre und sehe, genau dasselbe, mit allen kleinsten Einzelheiten, habe ich schon einmal erlebt! Das ist kein Ahnen und Glauben, das überfällt uns mit einer zwingenden Unmittelbarkeit, die uns meist nur wenige Augenblicke gepackt hält. Dann, ebenso plötzlich wie er auftauchte, ist er wieder weg, dieser Zustand eines hellwachen, fast überirdisch klaren Bewußtseins. Und dabei sind es meist lächerliche Kleinigkeiten, die sich uns in dieser Weise aufdrängen, als wollten sie sagen: ich bin wieder da !

So klar und bestimmt ist alles, daß ganze Völker den Glauben an die Wiedergeburt auf diesen seltenen Augenblicken aufgebaut haben. Und der große Philosoph Nietzsche hat solche Erlebnisse zum Kernpunkt seiner Lehre von der ewigen Wiederkehr gemacht und in einem bestürzenden Kapitel seirtes Hauptwerkes "Also sprach Zarathustra" in dichterischer Form geschildert, wie ihn dieses "das habe ich schon einmal gesehen" überfallen und überwältigt hat

Jeder von uns hat es erlebt. Keiner kennt eine stichhaltige Erklärung. Mit solchen Erlebnissen, die der eine häufiger, der andere seltener hat, stoßen wir bis an die Grenze des Unerforschlichen vor. Mystisch Veranlagte glauben daher auch, einen Blick in eine andere Wirklichkeit, in eine übersinnliche Welt zu tun, in der unsere starren Gesetze von Raum und Zeit nicht gelten.

Wir rühren an das große Rätsel des Gedächtnisses, dieser Fähigkeit, die unsere Vergangenheit mit dem verbindet, was uns jetzt, in diesem Augenblick, durchwebt. Und da sucht man auch die Erklärung.

Sie beginnt mit der ganz einfachen Frage: Was geht eigentlich in mir vor, wenn ich sage: diesen oder jenen Menschen kenne ich ? dieses oder jenes Kleid gehört mir? Und diese allereinfachste Frage zeigt auch, wie unergründlich wir angelegt sind. Der Psychologe alter Schule denkt es sich so:

- Wir haben Eindrücke durch unsere Sinnesorgane. Und zu diesen Eindrücken stößt aus unserem Innern das Bewußtsein oder das Gefühl oder die Empfindung: "das kenne ich bereits". Nun kann es vorkommen, daß diese beiden Gedankenströme falsch geschaltet sind. Dann verbindet sich dieses sonderbare ?das kenne ich schon* mit etwas, das ich gerade jetzt und zum erstenmal erlebe, das ich also noch nicht kenne. An das Wesen unseres Bewußtseins rührt diese Erklärung keineswegs. Wohl stellen wir fest, daß dieser geheimnisvolle Zustand sich besonders gern einstellt, wenn wir nach einer Übermüdung noch einmal hellwach werden. Aber auch das führt uns nicht weiter.

Schon bedrängt uns etwas Neues. Die ganze Zeit, während wir dieses lesen, und vielleicht schon vorher, begleitete uns von innen her eine Melodie. Irgendein Schlager, irgendein Lied aus der Kindheit. Es singt in uns leise mit. Es spielt sich sozusagen vor. Und nun kommt die Überraschung:

- Wir möchten diese störende Tonfolge gern loswerden wie eine Platte, die wir oft genug gehört haben. Aber sie läßt sich nicht abschütteln. Kaum ist sie zu Ende, da setzt sie neu wieder ein, die kleine Melodie. , Erst noch denkt man, dir wird schon bald etwas anderes einfallen, aber nein, immer ist sie wieder da, obwohl wir sie gar nicht mögen. Sie quält. uns,, und nichts vermag sie zum Schweigen zu bringen.

Eine "fixe Idee"

Je nach Temperament nimmt man es gelassen, etwa wie der Laufjunge, der auf jedem Hinweg und Rückweg immer wieder die fünf öder sechs Töne pfeift, die ihm im Ohr liegen ? oder man gerät in gelinde Verzweiflung. Das grenzt an die oft genannte, die oft verkante "fixe Idee"! Und tatsächlich, es ist gewissermaßen die friedliche Vorstufe zu einer krankhaften Geistesstörung, bei der es nicht um Melodien geht, sondern um eingefahrene Vorstellungen, um Einbildungen, von denen man nicht loskommt, die keiner Vernunft zugänglich sind, die sich immer fester eingraben, je mehr man sie zu beeinflussen sucht, von innen her oder von außen.

- Solche Bewußtseinszustande sind oft untermalt von Angst und Sorge. Man glaubt nicht nur ? nein, man weiß ganz genau, daß in diesem Augenblick ein Kind aus dem Fenster stürzt oder das Haus lichterloh brennt. Und doch ist alles nur ein Gaukelspiel der irregeleiteten Phantasie.

Es gibt eine Wissenschaft ? die Psychoanalyse. Sie hat sich viel Mühe gegeben, solche abwegigen Seelenregungen zu verstehen und zu erklären. Mögen die Psychoanalytiker auch manches richtig sehen ? vorläufig steht einer letzten Glaubwürdigkeit entgegen, daß sie sich untereinander nicht einig sind. Ihre Theorien haben mir ein" begrenzte Tragweite, und dat, was für den einen stimmt und das Lösewort bedeutet, das trifft schon auf den nächsten nicht mehr zu.

Bei aller Gleichartigkeit unserer Grundlagen ist doch jeder, jeder einzelne Mensch, eine eigene Persönlichkeit, die ihr eigenes Leben führt.

Lang ist lang, und breit ist breit. Das gilt für uns alle. Aber die Dinge, die unser wahres Sein ausmachen, die gelten nur für uns allein. Liebe, Haß, Angst, Freude, Sorge, Ernst und Heiterkeit sind kein kleines Einmaleins, das für uns alle verbindlich ist. Und diese Regungen sind der dunkle Untergrund, auf dem sich unser Erleben abzeichnet. Diese Regungen bestimmen viel mehr als wir zugeben möchten, unseren sogenannten Verstand, unser vernünftiges Denken und Handeln. Sie stehen auch Pate, wenn wir versagen.

Talisman in Serbien

Ich denke zurück an den ersten serbischen Feldzug 1915. Damals war ich junger Leunant und Herr über drei Maschinengewehre. Jeden Tag hatten wir Gefechte. Zum Schlafen, zum Essen, zum Ausruhen kam man wochenlang kaum. In diesem Feldzug begleitete mich ein sonderbarer Talisman. Als ich im ersten Boot saß, das über die breite Donau auf den von den Serben Gott sei Dank nur schwach besetzten Berg zuruderte, da brauchte ich gegen meine tierische Angst ein Gegengewicht. Ich suchte nach einer Melodie, nach einer ganz bestimmten, die sich mit den heitersten Erlebnissen meiner Kindheit verknüpfte. Wenn mein Vater besonders strahlender Laune war, dann pfiff er eine Melodie aus Schuberts "Rosamunde". Diese Melodie suchte ich, beunruhigt zuerst, dann verzweifelt, daß sie mir nicht einfallen wollte. Es war, als säße ich in einem schweren Examen und wüßte auf die entscheidende Frage, die über Sein und .Nichtsein entschied, keine Antwort. Und immer stand dazwischen dieses Gefühl: Wann fällt von drüben der erste Schuß? Was kann ich tun, um meine sieben braven Kameraden, die mit mir im Boot saßen, zu schützen? Was sollte ich befehlen? Und immer stärker: fiele mir doch jetzt die Melodie ein, dann wäre ich ruKig! j- Sie fiel mir ein, aber erst am Nachmittag, als alles überstanden war. Und jedesmal in den nächsten Tagen und Wochen, wenn sich eine Lage ergab, der ich mich nicht gewachsen fühlte kam wieder das Ringen um die erlösende Melodie.

"Hier ist es richtig!"

Später habe ich versucht, dieses magische Erlebnis an andere Erfahrungen anzuknüpfen. Am nächsten kommt man einer Erklärung vielleicht, wenn man den Mann mit der Wünschelrute zum Vergleich heranzieht. Bei ihm schlägt die Wünschelrute unwillkürlich aus ? aber wann? Doch wohl, wenn ihm, ohne daß er sich darüber ganz klarzuwerden vermochte "ine innere Stimme- sagt: "Hier ist es richtig!" So kehrte die Melodie damals zu mir zurück, wenn die Gefahr vorüber oder jedenfalls die Angst vor

der Gefahr überwunden war.