Es fehlen die Mittel für eine großzügige Arbeit

Was geschieht im Kunstturnen?

Eigener Bericht

Hamburg, 7. November

Das Kunstturnen Im Deutschen Turnerbund stagniert. Dem Kunstturnwart Zellekens fehlen die Mittel für eine sorgfältige Vorbereitung zu den Weltmeisterschaften und für die Heranbildung des Nachwuchses. Die Schwäche der deutschen Kunstturner Ist, abgesehen von etwa zwölf Spitzenkräften, offensichtlich. Es sind die gleichen Könner, die nun schon seit Jahren repräsentativ eingesetzt werden.

In München bewilligte der HauptausschuB des DTB eine Sonderumlage für die Weltmeiste'rschaftsvorbereitungen. Damit sollen entsprechende Lehrgänge aufgezogen werden. So wird vielleicht noch rechtzeitig eine Lücke ausgefüllt. Aber das ist es nicht allein. Wer heute -eine sportliche Spitze halten oder erreichen will, muß hart arbeiten. Die Entwicklung bester Turner aus dem üblichen Vereinsbetrieb heraus ist vorbei. Kunstturner, die nach der höchsten Krone greifen wollen, müssen täglich mehrere Stunden trainieren. Das wird nur wenigen möglich sein. Wir müssen uns daher mit dem Gedanken vertraut machen, daß die Spitzenstellung der deutschen Turner abgeschwächt wird, um so mehr, als ein einsatzfähiger Nachwuchs nicht vorhanden ist. Er könnte erst in fünf bis zenn Jahren wieder da sein, wenn jetzt eine systematische Arbeit beginnt.

Zellekens machte in München dem Oberturnwart des DTB Eichhoff heftigste Vorwürfe, daß er die Voraussetzungen für die Aufgaben des Kunstturnens vernachlässigt habe. "Jetzt zeigen sich die Nachtelle der Auflösung der Kunstturner-Vereinigung", meinte der Kunstturnwart und behauptete, daß er mit dieser Einrichtung ohne Inanspruchnahme des DTB alle finanziellen Mittel geschaffen hätte, die für eine Kunstturner-Ausbildung notwendig seien. Das waren harte und anklagende Worte, die durch das vorliegende Ergebnis noch' bestätigt werden. Die fortgesetzten Ausreden, das Deutsche Turnfest hätte alle Kräfte gebunden, dürften für das Kunstturnen In Wirklichkeit keine Bedeutung haben.

In diesem Zusammenhang Ist eine Unterhaltung mit einem der besten Ausbilder Im Kunstturnen, Eugen Kopp-Villingen, aufschlußreich, der eine intensive Nachwuchsschulung nur in der Dezentralisierung, also in Ausbildungsgruppen der verschiedenen Landesteile, sieht unter Heranziehung der bewährten alten Kräfte. Sie sind in ausreichender Zahl vorhanden. So schuf einmal Martin Schneider die breite Basis, von der die Turner heute noch zehren. Die zentrale Ausbildung ? wie in der Schweiz üblich ? ist für Deutschland wegen der großen Entfernungen nicht möglich.

Der Deutsche Turnerbund steht auch In diesem Punkt vor entscheidenden Fragen. Diese gehen ihn ausschließlich allein an. Dabei Ist die Entwicklung im Frauenturnen nach dem Rücktritt von Prof. Dr. Klinge völlig Im dunkeln, und es sieht so aus, als ob nur eine starke Kunstturner-Vereinigung für Männer und Frauen in der Lage ist, eine verfahrene Situation noch einmal aufzufangen. Reip

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