Deutschlands ältester Turnverein wurde in Hamburg gegründet

Reck, Barren und Kletterstange

über 100 000 Gäste erwartet Hamburg zum Deutschen Turnfest 1953. 20 000 von Ihnen nehmen aktiv an den Kämpfen teil, die &m kommenden Sonntag eröffnet werden. Hamburg ist eine Stadt mit alter turnerischer Tradition. 1816 wurde die erste Turnanstalt errichtet, Deutschlands ältester Turnverein ist hier zu Haus, und bereits vor 55 Jahren war Hamburg der Schauplatz des IX. Deutschen Turnfestes.

Blücher eine Stunde lang der Turnerei zusah und den Jüngern Jahns zurief: "Glauben Sie mir, es gibt Augenblicke, wo der Mensch sich auf niemand als auf sich selbst verlassen kann, und wehe dem. der nicht zur rechten Zeit seinen Körper gebrauchen gelernt hat."

Im Winter wurde die unbenutzte Johannes - Klosterkirche (am heutigen Rathausmarkt) als Turnplatz benutzt. Während bald aus politischen Gründen in Preußen alle Turnplätze für 22 Jahre ihre Tore schlössen, wehte in Hamburg der Atem der Freiheit. Sehlagball, Laufen. Faustball. Fuß- und Schleuderball

Vor 230 Jahren erblickte in Hamburg der Menschenfreund Johann Bernhard Basedow das Licht der Welt. Als erster Lehrer führte er 1774 in Dessau die Leibesübungen als Schulfach ein. Seine Erfolge allerdings waren gering und ohne Dauer. Es war Friedrich Ludwig Jahn, der das Turnen unter freiem Himmel begründete. Vor den Toren Berlins eröffnete er im Juni 1811 auf der Hasenheide den ersten Turnplatz. Einer seiner besten Turner war Wilhelm Benecke, der am 18. Juni 1815 nach Hamburg kam und im Garten Fuhlentwiete Nr. 10 Reck. Barren und Kletterstange auf-

stellte. In seinem Landsmann Karl Kru tisch fand er einen Gesinnungsgenossen, mit dem er fleißig turnte.

Die Hamburger staunten und hielten sich zunächst zurück. Doch bald bissen sie an und am 2. September 1816 richteten 30 Turner auf dem Grasbrook eine öffentliche Turnanstalt ein und gründeten Deutschlands ältesten Turnverein, die Hamburger Turnerschaft von 1816. Ihr Turnplatz war so sehenswert, daß drei Wochen später der zu einem Staatsbesuch in Hamburg weilende Marschall wurden In den Sandgruben bei der Sternschanze gespielt. An der Brücke nach Wilhelmsburg wurde fleißig geschwommen. Auf dem Turnplatz wurden Ordnungs- und Freiübungen gepflegt, und neben Reck und Barren standen den Turnern bald ein Klettergerüst, das Pferd, das Sprungtau und der Querbaurn zur Verfügung. Hoff mann von Fallergleben war mehrfach Gast der Turner. Auf der Sternschanze sang die Turnerschaft im Jahre 1841 zum ersten Mal" öffentlich das Deutschlandlied. Vierhundert Mitglieder zählte 1844 der Turnerbund, als die Turnhalle vor dem Steintor erbaut wurde. Sie war nicht heizbar und durch ihr Dach trieb Regen und Schnee. 40 Jahre später wurde sie prächtig erneuert. Heute ist sie das Obdachlosenasyl "Jahnhalle".

Am 1. Deutschen Turnfest in Koburg im Jahre 1860 beteiligten sich 20 Hamburger Turner. Seit langem schon wirkte Adolf Spieß, ebenfalls ein Schüler Jahns, in Hamburg. Auf ihn geht das Schulturnen, der Spielnachmittag, der Schulausflug und die Klassenfahrt zurück. Von 1860 bis 1890 wurden in allen Ortsteilen die bekannten Sportvereine ge-

Sturz von der Leiter

Bei der Arbeit verunglückte gestern auf dem Gelände einer pharmazeutischen Fabrik an der Hammer Landstraße der 45jährige Malergeselle Willi de B. Er fiel von einer Leiter fünf Meter in die Tiefe und starb kurz darauf im Krankenhaus.

gründet. Ein großartiger Höhepunkt war das IX. Deutsche Turnfest vor genau 55 Jahren auf dem Heiligengeistfeld. 40 000 Turner beteiligten sich; fast alle europäischen Nationen und die Vereinigten Staaten von Nordamerika waren vertreten. Über 200 000 Festplatzkarten wurden verkauft und kein Unfall ereignete sich "dank der Umsicht def Leitung und der Wohlanständigkeit des Publikums", wie es in der damaligen Festzeitung hieß. Bei den Wettkämpfen schaffte ein 73jähriger Versicherungsbeamter in 24 Sekunden den Hundertmeterlauf, bei dem vier Hindernisse zu überspringen waren. Der 52jährige Fabrikant Müller dagegen riß die Schnur ab; sein Lauf wurde nicht gewertet. Eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die Turnkleidung aus langen Hosen mit Hosenträgern, schweren Stiefeln, Oberhemd und hohem steifen Kragen, dem sogenannten Vatermörder, mit Krawatte bestand.

Bürgermeister Dr. Mönckeberg hatte den Turnern zugerufen: "Nur ein kräftiger, gesunder Körper und ein auf fester Grundlage beruhender Charakter vermögen Menschen die ruhige Klarheit des Urteils, den frischen Mut und die unermüdliche Arbeitskraft zu geben und zu erhalten, deren er im Kampf des Lebens bedarf."

Vom Hamburger Turnfest 1898 erhielt Bismarck sein letztes Grußtelegramm, das er nicht mehr beantworten konnte. Drei Tage später ging er ein in das Reich der Toten. B.

Eintrittskarten zu den Veranstaltungen de" Deutschen Turnfestes sind bei der Geschäftsstelle des Hamburger Abendblattes am Gänsemarkt erhältlich.

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