Frau Kardos bleibt optimistisch

Sechs Personen wagen den Blick ins neue Jahr

Von Gretel Spitzer

Leiterin unserer Berliner Redaktion

Berlin, 31. Dezember

"1953 wird ein glückliches Jahr werden. Wir werden ein einheitliches Deutschland haben. Korea wird zu Ende gehen. Rußland und Amerika werden zwar keine Freunde werden, sich aber verständigen. Die Anfänge zu einem echten Paneuropa werden sich zeigen . . . Irgendwo auf der Welt wird noch Unruhe sein, fern von uns, in Asien , ." sagte Ursula Kardos in Berlin.

Leise, fast stockend zeitweilig, dann wieder rasch hingeworfen als sei sie sich bewußt, daß der Zuhörer etwas wie "Zu schön, um wahr zu sein", nicht unterdrücken könne, so deutet die grauhaarige schwarzgekleidete Frau, die mir gegenüber fast erschöpft im Sessel saß, die Entwicklung der Weltgeschichte im Jahre 1953 aus den Bildern, die vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen.

Eigentlich wollte Ursula Kardos, die "Hellseherin von Berlin", wie sie zu ihrem Kummer genannt wird, keine Gespräche mehr mit Presse und Rundfunk führen. Es würde ja doch immer alles entstellt wiedergegeben, sensationell aufgemacht. "Nun ist sie auch noch feige", frohlockten ihre Feinde und Kritiker, weil sie schwieg, nachdem die vorausgesagte deutsche Einigung ausgeblieben war.

"Und feige bin ich nicht", wiederholte sie still und beharrlich einige Male, ?und genau wie Sie diesen Tisch hier sehen,

genau so sehe ich die Bilder vor mir und übersetze sie nur in Worte." Nach ihren Bildern kann Frau Kardos unbeirrt Optimistin bleiben. Sieht sie doch für 1953 eine Welt voraus, die zwar ein kriegerisches Gesicht hat, die sich aber ohne Klingenkreuzen zusammenfinden wird. Irgendwie werden die Menschen verträglicher sein als bisher, meinte sie. Viele Konferenzen wird es geben, Konferenzen, Konferenzen ... Sie fuhr sich, fast selbst staunend, durch das kurz geschnittene graue Haar. Aber diese Konferenzen werden endlich einmal nicht sinnlos sein. In der deutschen Regierung v/erde sich einiges ändern, aber nichts Revolutionäres, nichts Sensationelles.

"Aber was habe ich eigentlich mit all diesen Dingen zu tun", sagte sie fast zu sich selbst, "ich bin Psychologin, ich will Menschen helfen, das ist alles." Wer von den Hunderten von Menschen, die Tag für Tag die vier Treppen des Hauses Courbierestraße 6, im einstmals schönen Nollendorfviertel emporsteigen, würde sie "Psychologin" nennen? Denn im Grunde erwarten die Tausende, die im Laufe eines Jahres einmal für wenige Minuten vor ihr sitzen, doch etwas Übernatürliches, wollen einen Ausweg wissen, den sie nicht finden können. Mancher war entschlossen, seinem Leben ein Ende zu machen. Wozu? hat sie ihn

Von Clara Reyersbach

Leiterin unserer Londoner Redaktion

London, 31. Dezember

Zwei bekannte englische Astrologen, Katina Theodossiou und Edward Lyndoe, haben sehr bestimmt auf meine Fragen: "Was wird uns 1953 bringen?" geantwortet: .

Keinen Krieg in Europa ? Keinen Frieden in Korea ? Keinen europäischen Staatenbund ? Ratifizierung des Generalvertrages, der Westdeutschlands Come-back im Gefolge hat ? Österreich weiter ohne Friedensvertrag ? Berlin bleibt besetzt, aber wird nicht blockiert ? Viermächtekompromiß über Triest ? Gefahrenschwangerer Jali ? Sonne am Krönungstag ? Prinzessin Margarets Verlobung ? Bitterkalter Winter. Katina Theodossiou, klein, schlank, 36 Jahre alt, heute dunkelbraunes, glatt gefragt, ihn behutsam zum Sprechen gebracht und ihm neuen Mut zum Leben gegeben. Viele Frauen und Eltern haben nach ihren kriegsgefangenen Angehörigen gefragt. Nicht die Hoffnung aufgeben, meinte sie und bleibt dabei, daß bis 1955 alle zurück sein würden, in kleinen Gruppen wie sie in den vergangenen Jahren kamen.

Menschen aus der Ostzone haben schon immer zu den Ratsuchenden ge-

Rundfrage unserer Redaktionen in Berlin, London und Paris iür 1953

hört, noch nie aber waren es soviel wie 1952. Alle wollen sie weg, nur fort von dem Druck, der Angst; lieber irgendwo im Lager . . . Und immer wieder gab Frau Kardos den Rat: "Bleiben Sie!" Es ist ein Rat der einmal der nüchternen Kenntnis dessen entspringen mag, was Flüchtlingsschicksal bedeutet; dann aber auch ihrem Glauben: bald wird es ein einheitliches Deutschland geben. Wozu also wegrennen?

Es kommen auch solche zu ihr, die mit die Schuld trifft für die Verhältnisse in der Zone. Hochfahrend wollen sie sich lustig machen und sind doch, wie die Tausende vor ihnen und nach ihnen, arme, von Zweifeln geplage Kreaturen, die um die eigene Position, das eigene Leben bangen und die Angst vor dem, was kommen wird, nicht verbergen können. Wer sie sind, das weiß Frau Kardos nicht. Was kümmert sie Namen, sie will Menschen helfen.

Der Strom der Ratsuchenden in die stille, im Kriege fast ganz zerstörte Courbierestraße zum Hause Nr. 6 ? es wird stehenbleiben, hatte Frau Kardos während des Krieges ihre Mitbewohner immer beruhigt; und es blieb stehen, dieser Strom reißt nie ab. "Mittwoch und Sonnabend keine Sprechstunde. Bitte die Nachbarn nicht zu belästigen", dieses Schild hängt auf dem Treppenflur des vierten Stockwerks, auf dem links die Wohnung von Frau Kardos und rechts eine andere liegt, deren Bewohner sich mehr als einmal den Weg durch die auf der Treppe Wartenden bahnen müssen.

Skeptisch, leicht belustigt, war ich vor Jahren, als Frau Kardos nach ihrer Voraussage der Beendigung der Blockade d i e Schlagzeile war, die Treppen hinaufgestiegen. Betroffen war ich sie später hinuntergegangen. Schließlich, was würden Sie sagen, wenn Ihnen mitten in einem Gespräch, das für Sie Dienst bedeutet, Ihr Gesprächspartner sagt: Ich würde an Ihrer Stelle doch noch einmal zum Arzt gehen, die Diagnose war nicht richtig . . . und im übrigen, machen Sie sich keine Sorgen, beruflich klärt sich manches in Kürze. Sie hatte recht behalten.

Sonne am Krönungstag

zurückgekämmtes Haar ? vor fünf Jahren trug sie noch hellblonde Locken ? war die einzige Astrologin, die im vergangenen Jahre den Tod des englischen Königs schwarz auf weiß angedeutet hatte. Diese junge Astrologin, sie wohnt im vornehmsten Stadtteil Londons, gibt ihre eigenen astrologischen Monatshefte heraus und kann es sich leisten, sich ihre Klienten auszusuchen. Durchschnittspreis für ihre Horoskope ist 10 Pfund 10 Schillinge ? das sind über 100 DM ? und aufwärts, astrologische Beratung die Hälfte.

Ihr Hauptbuch: einer der dicksten Folianten, die man sich denken kann. Er enthält Horoskope aller Staatsoberhäupter, politischer Führer, berühmter Männer und Frauen, Adenauers sowohl wie Stalins, Eisenhowers, Titos, des Papstes, Exkönig Faruks und General Nagibs und selbstverständlich Churchills,

Die 36jährige Katina Theodossiou Edens, Attlees, Bevains, Krupps und Ollenhauers sowie sämtlicher Mitglieder des englischen königlichen Hauses.

Ihr Arbeitsmaterial: die deutschen Ephemeriden, dn denen die Position der Sterne für jeden Tag angegeben ist. "Sie sind die besten der Welt", sagte sie, "unerhört zuverlässig." Ihr Arbeitszimmer ist mit Büchern und Papieren gefüllt. Berühmte Geschichtswerke, Bü. eher über Weltwirtschaft, Finanz, Literatur und Malerei füllen die Regale. Aber auch Detektivromane sind vorhanden.

Sie ist mit der Astrologie verheiratet, kennt jede Phase in den Horoskopen der politischen Führer. "Adenauer hat glänzende Aspekte, solange er lebt, und wird nicht fallen", sagte Katina. Und die Wahlen? Miß Theodossiou ? den griechischen Namen hat sie vom Vater ? zuckte die Achseln. Sie schlug Adenauers Horoskop auf. Seine Politik ist die Grundlage für Deutschlands Aufstieg. Juli/August sind für ihn gesundheitlich bedenklich. Sie blätterte um zum Horoskop der westdeutschen Bundesrepublik. "Große wirtschaftliche Zukunft", murmelte sie. "Die Nazis werden nicht wieder an die Macht kom. men. Aber Krupp wird wieder Waffen produzieren, genau wie früher." Und die Wiedervereinigung mit den Ostprovinzen? "Die kommt", sagte sie. "Aber nicht 1953, erst in den sechziger Jahren. Und dann ohne Krieg und obwohl Deutschland bis dahin geschätztes und geachtetes Voillmitglied des Atlantikpaktes geworden ist."

Wahrsager und Pianist Über Adenauers Horoskop sprach einige Tage später der Astrologe Edward Lyndoe, der Musik studiert hat und Pianist werden wollte und zur Astrologie umsattelte. Dieser 51jährige, mittelgroße Mann mit tiefschwarzen Augenbrauen, einem gesunden runden Gesicht, hatte 1951 fast auf den Tag König Faruks Abdankung in den Sternen gelesen. Lyndoe macht keine Privathoroskope, beschäftigt sich nur mit politischer Astrologie, schreibt für Wochenzeitungen und Monatszeitschriften nicht nur in England ? Millionen Worte mindestens pro Jahr. Und er lebt nicht in London, sondern weitab von der Großstadt in Tunbridge Wells in Kent zwischen Hügeln und grünen Feldern und Gärten. Da seine Jungen (zehn und acht Jahre) Windpocken hatten, trafen wir u"s im ältesten Gasthof der kleinen Stadt "The Elizabethan Barn", einer ehemaligen Scheune, in der Königin Elizabeth I. in ihrer Jugend Maienblüte getanzt haben soll. Die Balken der alten Scheune sind schwarz und rissig vom Alter. Aber Lyndoes Ahnen haben nicht unter ihnen gesessen. "Mein Ur-Ur-Urgroßvater", sagt er stolz, "kämpfte als dänischer Offizier im Stabe Blüchers." Lyndoe ist in London geboren, hat eine reizende Frau, Tochter eines norwegischen Chefredakteurs.

"Adenauer", sagte Lyndoe, "hat ein Machiavelli-Horoskop. Er ist meiner Meinung nach der gerissenste Politiker Deutschlands seit Metternichs Zeiten. Sein Horoskop ist eines der ganz wenigen deutschen Führer der letzten 100 Jahre, in dem kein Selbstmordmotiv angedeutet ist." (Kaiser Wilhelm, der Kronprinz, Hitler hätten alle Selbstmordcharakteristiken gehabt.)

Katina Theodossiou hatte 1951 schon vorausgesagt, daß, wenn Eisenhower entscheiden würde, sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen, er "das Rennen machen werde". Er wird Europa helfen, nicht durch Anleihen für militärische Aufrüstung, sondern durch Konzessionen der amerikanischen Handelspolitik, las Katina J aus den Sternen. "Aber es wird ihm nicht gelingen, Frieden in Korea zu schließen. Im Gegenteil. Die Sterne sagen, daß Korea noch lange eine schwärende Wunde bleiben wird."

"1953 ist ein merkwürdiges Jahr", meinte Katina, "wirtschaftlich wird alles besser werden. Aber 1953 wird gleichzeitig das gefährlichste und dunkelste Jahr der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden. Nicht in Hinsicht zu dem was es bringt, sondern was es sät. Denn die politischen Entscheidungen, die im Juli 1953 getroffen werden, werden das Schicksal des Jahrhunderts besiegeln, den Keim für den Weltkrieg 1989?92 legen."

Aber halten wir uns an 1953: Es wird mehr Unruhen in Ägypten bringen. Für Großbritannien den kältesten Winter seit zehn Jahren und die glänzendste Krönung aller Zeiten. Die Aspekte für die Krönung sind phantastisch gut. Das Wetter wird sonnig und alle Versicherungsgesellschaften werden Geschäfte machen, da schon Millionen von Pfunden für Versicherungen gegen schlechtes Wetter ausgegeben worden sind. Prinz Philip wird den Titel Prinzgemahl erhalten. Königin Elizabeth wird ? nach den Sternen ? noch ein drittes Baby ? , wenn auch nicht 1953, zu erwarten haben

und Prinzessin Margaret wird endlich die Welt von den Kopfschmerzen erlösen und verkünden, wen sie heiraten wird. Sie wird sich, sagen die Astrologen, Mitte 1953 verloben, aber erst 1954 heiraten, und es wird eine Liebesheirat werden.

Stalin wird im Sommer zurücktreten. Malenko könnte, nach seinem Horoskop, die Erbschaft übernehmen. Aber wer auch immer Stalin folgt, wird den eisernen Vorhang nicht hochziehen. Rußland steuert, wenn die Voraussagen der Astrologen stimmen, in eine Riesenfinanzkrise hinein, der eine politische' Krise 1955/56 folgen soll. Sie werde Rußland zwingen, sich aus Europa abzusetzen und eine Konzession nach der andern zu machen. Aber vorher wird es sich mit Händen und Füßen sträuben, nachzugeben und sich bis zur letzten Minute weigern, den österreichischen Friedensvertrag zu unterzeichnen.

Weitere astrologische Prophezeiungen für 1953: Afrika ? mehr Unruhen, Frankreich ? mehr Krisen, Burma ? offener Krieg, Vereintes Europa ? nicht

Von Werner Kallmerten

Leiter unserer Pariser Redaktion

Paris, 31. Dezember

Der Juli 1953 wird es in sich haben, erklärten die französischen Astrologen. Zwischen dem 11. und 15. werden schwere Krisen des kommenden Jahres ihren Höhepunkt finden. Es wird in jeder Beziehung heiß hergehen. Vom 5. ab wird die Temperatur tropisch sein, und ein plötzliches Ereignis, "eine Art Attentat" auf eine Einzelperson oder auf ein Land, soll schwere politische Verwicklungen nach sich ziehen. Aber: Ende gut, alles gut ? Krieg wird es ganz bestimmt nicht geben.

Von den Sterndeutern bis zu den Kennerinnen des Kaffeesatzes gibt es in Frankreich für 1953 nur eine Parole: ein böses Jahr ? aber wir werden noch einmal davongekommen sein . . . "Wir" sind die Franzosen, für die Deutschen sieht es schlimmer aus. Zweimal spielt Deutschland in den Voraussagen eine bein unserem Leben, Rußlands Sterne im Niedergehen, Chinas Mao wird der Tito des Ostens, und Bevan wird, sagen die Astrologen, niemals britischer Premierminister werden. Japan aber wird konkurrieren und allen Industriellen der Welt Kopfschmerzen bereiten.

Wirtschaftlicher Aufstieg Deutschlands

deutende Rolle: Im März wird es zwischen "einem alüierten Land" und Frankreich einer französischen Kolonie wegen zu einem Zwischenfall kommen. Deutschland ist mit im Spiel und "Spannungen sind zu befürchten".

Madame Lydia befragte ihren indischen Spiegel, den ihr der Hindu-Magier Gourou einst schenkte. Sie sah vor allem keinen Weltkrieg im Jahre 1953. Es wird aber ein unruhiges Jahr für Frankreich werden, meinte sie, mit allerlei politischen Krisen. Gold werde auf der ganzen Welt im Wert sinken. Übereinstimmend mit anderen Kolleginnen sah Madame Lydia einen Trauerfall im englischen Königshaus voraus. Prinzessin Margaret werde auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Heiratspläne ihrer Familie zunichte machen.

Die Mode (wo wäre die französische Prophetin, die ihr nichts vorauszusagen hätte) werde von den mehrfarbigen zu den einfarbigen Kostümen und Röcken übergehen. Bevorzugte Farben: Sch,warz, Grün oder Gold. Sensationell ist Lydias Voraussage bezüglich der Handtaschen: Leder wird ganz verschwinden und durch Stroh ersetzt werden.

Der Magier Holkar trug eine Mönchskutte und meditierte über drei brennenden Kerzen. Als Junge fand er in seinem Elternhaus in Compiegne alle verlorenen Gegenstände wieder und wurde dadurch auf seine seherische Begabung aufmerksam. Seine Weissagungen: Keine Ausweitung der gegenwärtig herrschenden Kriege. Deutschland werde sich mit Riesenschritten zum führenden Industrieland Europas entwickeln.

Auch Maria Lagrave sieht in ihrer Kristallkugel einen Trauerfall für England, der während der Krönungsfeierlichkeiten die Insel überschattet. Anfang des Jahres werde eine neue französische Regierung die Außenpolitik auf eine vollkommen neue Linie ausrichten.