Menschlich gesehen

Nerven behalten

Seelenruhig, als sei er nicht in der erregenden Atmosphäre olympischer Kämpfe, sondern daheim in der kleinen Turnhalle der Harzstadt Goslar, trat Altmeister A 1 f r e d S c h w a r zm a nn gestern in der Messehalle von Helsinki an das Reck. Stürmischer Jubel brauste auf, als der 41jährige deutsche Kunstturner, der Olympiasieger von 1936, mit kraftvoller Eleganz seine Übung beendete. Während seine weitaus jüngeren Kameraden viel zu nervös an die Geräte gingen, errang Schwarzmann mit seiner prächtigen Kür die erste deutsche Silbermedaille der Olympischen Spiele in Helsinki.

Vor 18 Jahren erkämpfte er sich in Dortmund die Deutsche Meisterschaft im Zwölfkampf. Mit drei Gold- und zwei Sübermedaillen übertraf er dann in Berlin auch die kühnsten Erwartungen. Er wurde der erfolgreichste deutsche Teünehmer der Spiele. Seine Ruhe und seine Sicherheit ließ auch die deutsche Riege wachsen, die den Mannschafts-Zwölfkampf gewann.

Lange Jahre war Schwarzmann Heeressportlehrer in Wünsdorf. Aus dem Kriege kehrte er mit so schweren Verwundungen zurück, daß es lange fraglich schien, ob er überhaupt je wieder an seinen geliebten Geräten würde turnen können. Mit zäher Energie aber überwand er schließlich doch die Narben, die der Krieg ihm schlug, und 1949 nahm er erstmals wieder an einem Schauturnen in Eßlingen teil. Der Entschluß dazu war typisch für den Menschen Schwarzmann. In Eßlingen traf er nämlich erstmals nach dem Kriege wieder seinen großen Gegner von 1936, den Schweizer Turner Eugen Mack. "Ich will mit ihm turnen, um ihm zu danken", sagte er, "denn Mack ist ein treuer Kamerad; nahm er doch meinen Jungen zu sich in die Schweiz, um mir meine Kriegswunden heilen zu helfen."

Der Sieger von Berlin hat das Unwahrscheinliche wahr gemacht. Trotz allem, was das Schicksal ihn auferlegte, ist er in Helsinki wiederum der erfolgreichste deutsche Turner geworden.

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