Kammerspiele: "Johnny Belinda"

Hilde Krahl als Taubstumme l

Man kennt die rührende Geschichte dieser Taubstummen aus dem Film "Schweigende Lippen". Das Broadway- Erfolgsstück verläuft ohne Überraschungen bis zur Pause. Dann bekommt es Längen und gröbere Akzente. Bäuerliches Amerika irischer Herkunft: hitziges Volk, leichtsinnige Jugend. Das Leben nach der harten Arbeit istRaufen, Saufen, Klatschen. Dazwischen wächst "die Stumme" aus der Einsamkeit zu einem fühlenden Wesen, zu Mutterschaft und Liebe. Ein junger Arzt führt sie dabei. Der medizinische Sonderfall wird zur Rolle. Hilde Krahl demonstriert sie, ohne Text, ganz auf die Intensität des^ Ausdrucks und auf die Kraft ihrer Persönlichkeit gestellt. Dieses bleiche, verhärmte Antlitz, das langsam, langsam erblüht zum Lächeln und Schmerz, wird man so leicht nicht vergessen.

Das andere ist mehr oder weniger beschreibende Atmosphäre. Einige gut ge-

zeichnete Figuren, und Schauspieler wie Jo Wegener, Münch und Beck verstehen etwas daraus zu machen. Andere Rollen sind blasser, oder nähern sich der Karikatur: hier vermißt man die Führung des Regisseurs (Walter Fimer). Bei Böhme und Peine wäre sie nötig gewesen. Wolfgang Liebeneiners Arzt ist liebenswürdig, aber leider ohne Ausstrahlung; als Regisseur ist er uns einstweilen lieber. Weitere Figuren des dramatisierten Romansi Eva Fiebig, Gudrun Thielemann, Tilla Hohmann, Volker von Collande, Laugwitz, Eriksson, Irle und Grau. ? Das erste Bühnenbild stimmt nicht ganz in den Perspektiven, die Mühle aber hat Atmosphäre (H. Hoffmann).

Trotz dreistündiger Dauer stärkster Beifall. Endlich einmal kein Problem, sondern menschliches Schicksal, werden viele gedacht haben. Unschwer, Serien- Aufführungen zu prophezeien.

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