Versiegelte Lippen

Die Englander werden "ich nicht wundern dürfen, wenn dl" Erklärung du Bundestagsprusidenten Ehlers, dlt neue Bombardierung Helgolandi tel eine Prestige-Angelegenheit, vom deutschen Volk "lt der Wahrheit entsprechend hingenommen wird. Die kurz" und in ihrer Kürze geradezu unverstandliche Mitteilung über die Wiederaufnahme der Bombenabwürfe gibt auch nicht den kleinsten Hinweil, dafl andere Gründe für da" englische Vorgehen maßgebend gewesen sein konnten als das Gefühl jder Verärgerung und der Wunsch des Siegers: Jetzt gerade!

< Das ist tief bedauerlich, und selbst wenn die Engländer wirklich glauben sollten, dai) in der "Aktion Helgoland", psychologisch gesehen, eine Art von Stcaplemus, ein" Flucht aus der bedrückenden Wirklichkeit in nationale oder gar nationalistische wunsdhträum" zu erblicken Mi, sollten sie erkennen, daß dieser Eseapismus eine reale politische Tatsache ist, der man mit versiegelten tippen nicht beikommen kann. Gerade in einem Augenblick, wo der englische Oberkommissar mit den politischen Instanzen seines Landes über die Beendigung dieser mehr als leidigen Angelegenheit verhandelt, sollte Schweigen nicht als das sprichwörtliche Gold, sondern als

ganz einfaches billiges Blech betrachtet werden.

Denn indem die Englander schwelgen, werden sie bei uns den Eindruck verstärken, daß wir nach ihrer Meinung immer noch reines Objekt ihrer Politik und nicht einmal einer Aufklärung über deren Hintergrand* würdig sind. Si" öffnen Tür und Tor für die Agitatoren, die aus der ehrlichen und anständig durchgeführten Protestaktion um Helgoland bisher zu ihrem Leidwesen nicht Kapital schlagen konnten. Sie verschwenden den Segen, der aus der beiderseits fairen und sauberen Liquidierung der Helgoland-Besetzung hätte fließen können. Angesichts der Abwesenheit einer .amtlichen Erklärung stellen sich zwedcbestlmmte Pseudo-Erklärungen, denen der Uneingeweihte die Tendenz nicht sofort ansieht, nur zu leicht ein.

Gibt es aber eine hinreichende oder vielleicht gar überzeugende Begründung für das englische Vorgehen, ein" Erklärung, vor der unter Umständen sogar die um Versöhnung der Gegensätze bemühten Diplomaten die Segel streichen und den, Militär" da" Feld überlassen müssen? Wir können diese Frage nur stellen, wir sind nicht lr> der Lage, sie zu beantworten. Wenn jedoch eine solche Erklärung vorhanden ist, dann wäre jetzt der Augenblick, mit ihr herauszurücken. Nicht vierundzwanzig Stunden sollte man ungenutzt verstreichen lassen.

Es trifft sich gerade so, daß heute abend vor dem Oberseeklub der englische Oberkommissar Sir Yvone Kirkpatrick reden wird. Wir sind uns bewußt, daß ee "bad form", also schlechtes Benehmen ist, einem Gast mit Wünschen zu kommen. Wir müssen das in Kauf nehmen, wenn wir feststellen* daß es uns wl" "Ine vom Schicksal gesandte Gelegenheit scheint, bei diesem Anlaß das Siegel von den Lippen zu entfernen und das gut" Wort zu sprechen, auf das es jetzt ankommt. Ein besseres Forum könnten wir uns für den Beginn eines neuen Abschnitte" in den englisch-deutschen Beziehungen nicht denken.