Labour-Opposition rebelliert

Wird westdeutsche Aufrüstung vertagt?

Von unserer Londoner Redaktion

Rh. London, 8. Februar

"In der Frage der Wiederbewaffnung Westdeutschlands sind keine Schritte unternommen worden, die unwiderruflich sind", erklärte gestern Unterstaatssekretär Davies im Unterhaus. Die Erklärung, die zur Beruhigung des rebellierenden linken Flügels der Labour Party angegeben wurde, hat in London Aufsehen erregt. Es heißt, daß die Regierung um der Einigkeit der Partei willen die übrigen Atlantikpakt-Mitglieder bitten wird, die deutsche Aufrüstung zunächst um ein Jahr zu verschieben. Attlee ist bei der knappen Labour-Mehrheit im Unterhaus auf jede Stimme angewiesen.

In einer geheimen Fraktionssitzung ? der zweiten innerhalb von acht Tagen, ? sollen 40 Abgeordnete des linken Flügels der Labour Party Ministerpräsident Attlee kategorisch erklärt haben, daß sie nur dann für das Rüstungsprogramm der Regierung stimmen werden, wenn der Plan einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands fallengelassen wird. Die weiteren Bedingungen des oppositionellen Flügels sind: keine "Sanktionen gegen China und baldige Einberufung einer Viermächtekonferenz.

Attlee soll beruhigende Erklärungen abgegeben haben. Die Regierung werde versuchen, die deutsche Wiederbewaffnung hinauszuschieben. Die Besprechungen der Oberkommissare mit der Bundesregierung hätten nur rein informatorischen Charakter. Auch einige Minister, vor allem Dalton, sollen die Auffasun gen der Rebellen teilen.

Dramatische Kampfabstimmung

Im Unterhaus gewann gestern die Regierung mit 308 gegen. 298 Stimmen die Kampfabstimmung über die Verstaatlichung der Eisen- und Stahlindustrie.

Labour jubelte; aber Churchill rief ihnen zu: "Dies ist erst der Anfang. Wir kämpfen weiter." Das Gesetz über die Verstaatlichung wird nun am nächsten Donnerstag in Kraft treten. Bis auf drei Abgeordnete ? unter ihnen Außenminister Bevin ? hatte Labour alle Unterhausmitglieder mobilisiert. Einige waren in Sanitätswagen direkt vom Krankenhaus gekommen. Für die Grippe- Rekonvaleszenten hatte man Kaminfeuer gelegt.

Erst nur wirtschaftlich

Von unserer Frankfurter Redaktion

cfv. Frankfurt, 8. Februar

Die Bundesrepublik sei zwar in den westeuropäischen Verteidigungsblock einzubeziehen. Zunächst habe sie jedoch nur einen wirtschaftlichen Beitrag zu leisten. Der militärische Beitrag stehe erst später zur Diskussion. Dies ist das wohl wichtigste Ergebnis des Frankfurter Treffens amerikanicher Diplomaten.

Ein Sachverständiger der amerikanischen Heeresverwaltung hat inzwischen bereits Untersuchungen über die westdeutsche Rohstofflage angestellt.

Bomben auf Helgoland

Von unserer Londoner Redaktion

Rh. London, 8. Februar

"Die britische Regierung hat vorerst nicht die Absicht, die Insel Helgoland als Bombenziel für britische und amerikanische Flugzeuge aufzugeben", erklärte Luftfahrtminister Henderson vor dem Unterhaus. Die Insel sei das "ideale Bombenziel" für Nahbomber.

Anlaß zu dieser Erklärung gab die Feststellung des konservativen Abgeordneten Professor Savory, daß 31 britische Lotsen- und Schiffahrtsgesellschaften eine Leuchtstation auf Helgoland errichten wollen. Er empfahl, das Bombenzielgebiet in das Flachwasser in der Nähe der Insel zu verlegen.

Henderson antwortete, die nautische Kennzeichnung der Insel sei für die Schiffahrt unwichtig. Im übrigen habe ein Wasserziel für die Bombenflugzeuge der RAF keinen Wert, da es wenig markant und schwierig zu beleuchten sei.

"Unsere größten Feinde"

Aufruhr und von den Regierungsbänken Zwischenrufe: "U n s e r e größten Feinde!", gab es gestern im britischen Unterhaus, als der Labour- Ageordnete Paget (Mansteins Verteidiger) die Kritiker der Landsberg- Revision fragte: "Glauben Sie, daß Aussichten vorhanden sind, daß Deutschland Westeuropas Waffengefährte wird, solange wir darauf bestehen, ihre besten Befehlshaber im Gefängnis zu halten?"

Der Staatssekretär des Auswärtigen, Davies, erklärte: "Die in britischen Gewahrsam befindlichen deutschen Kriegsverbrecher müssen ihre Strafen voll abbüßen. Sie haben lediglich die übliche Milderung bei guter Führung zu erwarten. Die von der britischen Oberkommission in Erwägung gezogene Urteil srevision bedeute nicht notwendigerweise eine Herabsetzung des Strafmaßes. Die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgesprochenen Strafen würden a u f k e i n e n F a 1 i gemildert werden. Die britische Regierung ist weder unterrichtet noch gefragt worden, bevor die Amerikaner Krupp und andere wegen Kriegsverbreehen verurteilte Häftlinge aus Landsberg entlassen haben." Diese Regierungserklärung folgt einer scharfen Kampagne der britischen Presse gegen die Landsberg-Revision durch US-Oberkommissar McCloy.