Das Fest der großen Leute i

Am Nachmittag kamen die Stühle; ein ganzer Wagen voll kleiner goldener Stühle, die Beine in der Luft. Und dann kamen die Blumen. Wenn man vom Balkon auf die Leute blickte, die sie hereintrugen, sahen die Blumentöpfe aus wie komische Hüte, die den : Weg entlangnickten.

Natürlich hatte niemand Zeit, Sonne und Mond, die Kinder zu beaufsichtigen. Fräulein half Mutters Kleid zu ändern, und Mutter lief im ganzen Haus umher oder telephonierte an Vater, ja keine der Besorgungen zu vergessen. Sie hatte bloß Zeit zu sagen: "Geht mir aus dem Weg, Kinder!"

Der Ort, wo man sich unbedingt aufhalten mußte, war die Küche. Da war ein Mann, der mithalf, in einer Kappe wie ein Milchpudding, und Minnie, die wirkliche Köchin, war ganz rot im Gesicht und lachte. Was für wundervolle Sachen sie und der Mann für das Abendessen machten! Ganze Fische, mit den Köpfen und Augen und Schwänzen dran, bestreute er mit roten, grünen und gelben Stückchen. Er machte Kringel auf alle Puddings und steckte einen Kragen auf einen Schinken und stach eine ganz dünne Gabel hinein.

"Ah, ihr habt das Eis noch nicht gesehen!" sagte die Köchin. "Kommt mit!" Sie nahm Mond und seine Schwester bei der Hand, und sie guckten in den Eiskasten. Oh! Da war ?ein kleines Haus, ein kleines rosa Haus mit weißem Schnee auf dem Dach und grünen Fenstern und einer braunen Tür, und in der Tür steckte eine Haselnuß als Klinke.

"Nellie, sehen Sie zu, daß- der Tisch ordentlich gedeckt ist!" sagte die Köchin, als das Stubenmädchen hereinkam. "Er sieht wie ein Bild aus", sagte Nellie. "Kommen Sie und sehen Sie sich's an!" Also gingen sie alle ins Eßzimmer. Sonne und Mond erschraken beinahe. Zuerst wollten sie gar nicht an den Tisch herangehen, es war noch nicht wirklich Nacht, aber die Vorhänge waren zugezogen, und die Lichter brannten ? und alle Lichter waren rote Rosen. Rote Bänder und Sträuße roter Rosen waren an die Ecken des Tisches gebunden. In der Mitte war ein See, auf dem Rosenblätter schwammen "Da kommt dann das Eis hin", sagte die Köchin.

"Werden die Leute das alles essen?" fragte Mond. "Das will ich meinen!" lachte die Köchin. Aber Mond war nicht zum Lachen aufgelegt. Rundherum wanderte er um den Tisch, immer rundherum, die Hände auf dem Rücken. Vielleicht hätte er gar nicht aufgehört, wenn Fräulein nicht plötzlich gerufen hätte: "Vorwärts, Kinder! Es ist höchste Zeit zum Waschen und Umkleiden!"

Wagen begannen vorzufahren, der Klang von Gelächter und Stimmen kam von unten herauf. Endlich läutete die Glocke. Das Fräulein stürzte sich auf die beiden, glättete ihm die Haare, zupfte ihr die Maschen zurecht und legte ihre Hände ineinander. "Jetzt geht hinunter!" flüsterte rie.

Und sie gingen hinunter. Mond fand das dumm, einander so bei der Hand zu halten, aber Sonne schien es gern zu haben. An der Tür zum Salon stand Mutter und fächelte sich mit einem schwarzen Fächer. Der Salon war voll von gutriechenden Damen und von Herren in Schwarz mit spaßigen Schwänzen an ihren Rücken, wie Käfer. Vater war unter ihnen und sprach sehr laut und klimperte mit etwas in seiner Tasche.

"Welch ein Bild!" riefen die Damen. "Oh, wie putzig! Oh, wie süß! Oh, wie entzückend! Oh, wie lieb!" Alle Leute, die nicht an Sonne herankommen kenn-

ten. küßten Mond, und eine dürre alte Dame mit Zähnen, die klapperten, sagte: "So ein ernster kleiner Stöpsel" und klapste ihn mit etwas Hartem auf den Kopf.

"Gute Nacht, meine Herzchen", sagte Mutter, und schlang die Arme um sie. "Fliegt hinauf in euer kleines Nest!"

Fräulein hatte solche Eile, sie ins Bett zu bringen, daß sie sogar Mond bei seinem Abendgebet unterbrach und sagte: "Sag's nur schnell fertig, mein Kind, ja!" Und im nächsten Augenblick waren sie beide im Dunkeln.

Eine lange Zeit nachher wachte Mond auf. "Sonne, bist du wach?" ? "Ja, du auch?" ? ?Ich auch. Weißt du was? Komm, schaun wir über die Treppe hinunter!

Sie hatten sich gerade auf der obersten Stufe niedergelassen, als die Tür zum Salon aufging. Sie hörten die Gesellschaft durch die Halle ins Eßzimmer hinübergehen. Dann wurde die Tür geschlossen, und sie hörten Pfropfen knallen und Lachen . . .

Als sie zum zweitenmal aufwachten, konnten sie nur Vaters sehr laute Stimme hören und -die Mutter, die unaufhörlich lachte. Vater kam aus dem Eßzimmer, lief die Treppe hinauf und fiel beinahe über ' sie beide. "Hallo!" sagte er. "Bei Gott, Kitty, komm und sieh dir das an..." Mutter kam heraus "Oh, ihr schlimmen Kinder!" rief sie von der Halle herauf.

"Holen wir sie herunter und geben wir ihnen einen Knochen zum Abnagen", sagte der Vater. Mond hatte ihn noch nie so lustig gesehen. "Oh, ja, Vati, bitte! Du nimmst uns hinunter!" bat Sonne. Und so gingen sie in das herrliche Eßzimmer zurück. Aber ? o weh! Was war da geschehen? Die Bänder und die Rosen waren alle losgebunden und verstreut. Die kleinen roten Servietten lagen auf dem Boden und alle die zuvor glänzenden Teller und blitzenden Gläser waren schmutzig. Die schönen Gerichte, die der Mahn aufgeputzt hatte, waren zerstört, und Knochen und Krumen und Obstschalen lagen atif allen Tellern. Und das kleine rosa Häuschen mit dem Schneedach und den grünen Fenstern war kaputt ? zerbrochen, halb zerschmolzen inmitten des Tisches,

"Komm her, Mond!" sagte Vater und tat, als sähe er es nicht. Sonne hob ihre Pyjamabeine und wackelte zum Tisch, stieg auf einen Sessel und quiekte darauflos.

"Nimm dir ein wenig von dem Eis!" sagte Vater und schlug noch ein Stück von dem Dach ein. "Vati. Vati", quiekte Sonne, "die kleine Klinke ist noch dran, die kleine Nuß!, Darf ich die essen?" Und sie langte hinüber, zog sie heraus und verschmauste sie.

"Komm, mein Junge!" sagte der Vater.

Aber Mond rührte sich nicht von der Tür. Auf einmal warf er den Kopf in die Höhe, und , er brach in ein lautes Geheul aus. "Ich find, es Ist abscheulich ? abscheulich!" schluchzte er.

"Da! Siehst du?" sagte die Mutter. ...Siehst du"* ? ?Marsch, hinaus!" sagte Vater, aber nicht mehr lustig. "Augenblicklich gehst du!".

Berechtigte Übertragung aus dem Englischen von Herberth E. Herlltschka. Hamburgs älteste Schauspielerin Am 3. Januar feiert Jenny Brinekmann ihren 05. Geburtstag, fern der von ihr so geliebten großen Stadt an der Elbe, auf deren Bühnenbrettem sie mehr als fünf Jahrzehnte stand: erst als Soubrette und muntere Liebhaberin, zuletzt als Mütterdarstellerin und drastische Alte. Im heutigen St.-Pauli- Theater lag. ihre längste und schönste Zeit. Es gibt noch manchen Hamburger, der über diese Spezialistin für dralle Köökschen Tränen vor Lachen vergossen hat. 1929 trat sie ab. In völliger geistiger Frische und bei guter Gesundheit verbringt sie ihren Lebensabend in ihrem gemütlichen Landhaus im holsteinischen Dorfe Ellerau. Die paar Jlhrchen bis zum 100. wird sie auch noch schaffen. Wir gratulieren herzlichst!