Der Hausflur ist kein Hundezwinger, sagt das Gericht

Die Hosen sind gerettet

Es gibt viele Zimmer, in denen mehr oder weniger geduldige Menschen ihre Zeit verwarten müssen. Aber nur die Heilkunst kann es sich erlauben, das, was man sonst geschämig Vorzimmer, Konferenzraum oder Empfang nennt, ehrlich als "Wartezimmer" zu bezeichnen. Meist strahlen diese Räume eine gewisse Beruhigung aus, zumal wenn sich die Insassen gegenseitig ihre Krankheiten ® schildern und aus

dem Vergleich Trost schöpfen können. Bei Tieren ist das freilich anders. Die gequälte Kreatur packt angesichts des Leidensgenossen besonderer Zorn. Selbst an der Leine wird die auf Mann dressierte Dogge schwer zu bändigen sein, wenn neben ihr eine Dame mit ihrer erkälteten Mieze sitzt, die zudem noch Zahnschmerzen hat.

Verständlich, daß Tierarzt Dr. Rudolf N. seinen Patienten ein Wartezimmer zur Verfügung stellen wollte. Das Wohnungsamt sagte: "Nein, zwei Räume sind genug. Der dritte darf nicht zweckentfremdet werden. Er ist beschlagnahmt. Nehmen Sie weiter die Diele als Wartezimmer; das tun die Menschenärzte auch." Dr. N. wies zum ersten auf die Untermieter hin, deren Röcke und Hosenbeine vor den wartenden Vierbeinern nicht sicher seien, zum anderen auf die Fehden, die möglicherweise unter den

allzu eng nebeneinander placierten Tieren ausbrechen könnten, auf den Schmutz und die Unruhe und nicht zuletzt auf seine zahlenden Klienten, die nicht wiederkämen, wenn sie so unkomfortabel und gefährlich warten müßten. Er klagte beim Landesverwaltungsgericht. Man holte den Präsidenten der Tier- ärztekammer und nahm eine Ortsbesichtigung vor. Der Präsident forderte für den Veterinär in der Großstadt: ein geräumiges Behandlungszimmer ? in dem sich selbst ein kalbsgroßer Hund einmal umdrehen kann ? , einen weiterejj hellen,.,verschJießbaren Raum, in dein die vorgeschriebenen Geräte". Tische und das empfindliche Mikroskop stehen müssen, als Apothekenzimmer. Und drittens ein Wartezimmer.

Das Gericht hob daraufhin die Beschlagnahmeverfügung der Behörde auf. Das Wohnungsamt legte Berufung ein.' Nun entschied das Oberverwaltungsgericht endgültig und für manchen ähnlichen Fall grundsätzlich: "Die wohnungsgesetzliche Ermächtigung der Behörde findet dort ihre Grenzen, wo die Gesundheit und die Existenz der Betroffenen gefährdet ist. Eine Trennung von Behandlungs- und Apothekenzimmer ist erforderlich. Es leuchtet ein, daß Dr. N. zwecks Aufrechterhaltung seiner Existenz unter normal gewordenen Verhältnissen und bei einem wieder anspruchsvollen Publikum außerdem ein Wartezimmer benötigt."

Karo, Mieze und das Äffchen Koko haben nun ihren extra Warteraum. Die Untermieterhosen sind gerettet.