Der Bundespräsident verleiht das erste Verdienstkreuz

Das Lied vom braven Mann

Vo. Bonn, 20. September

"Ich konnte mit dem Herrn Bundespräsidenten sprechen wie mit meinem Vater", sagte der 24jährige Bergmann Franz Brandl vom Kupfererzbergwerk Sontra in Hessen, der als erster Deutscher das "Verdienstkreuz am Band des Verdienstordens der Bundesrepublik" erhielt.

Brandl, ein Heimatvertriebener aus Bad Königswart im Sudetenland, der sechs Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht hat und erst 1950 heimgekehrt ist, erhielt diesen Orden, weil er bei einem Wassereinbruch im Reichenbergschacht des Kupfererzbergwerks Sontra im November 1950 unter eigener Lebensgefahr zwei Arbeitskameraden vor dem Ertrinken gerettet hat.

Brandl, dem Bundespräsident Heuss den Orden selbst überreichte, hatte von der Ehrung bis zu diesem Augenblick keine Ahnung. Er war auf Einladung des hessischen SPD-Abgeordneten Dr. Arndt nach Bonn gekommen und glaubte, er werde lediglich dem Bundespräsidenten vorgestellt werden. . Sonnabend abend, zehn Uhr Über die Tat Brandls wird im einzelnen bekannt:

Es war Sonnabend abend gegen zehn. Etwa 70 Bergleute waren gerade zur neuen Schicht in die Grube eingefahren. Plötzlich ein unheimliches Getöse. Stollen brachen zusammen. Riesige Wassermassen strömten in die Grube. Verzweifelt suchten sich die Bergleute zu retten. Die Wucht des Wassers war so gewaltig, daß sie immer wieder umgeworfen wurden und nur mit Mühe den Stollenausgang erreichten.

Audi Brandl, der zusammen mit zwei Bergleuten auf noch fünf Kameraden wartete, vernahm in einem höhergelegenen Stollen das Geräusch. Als die Kameraden noch immer nicht kamen, versuchte er, ihnen entgegenzugehen, denn er fürchtete, daß ihnen etwas passiert sei. Aber schon unterwegs schoß ihm das Wasser entgegen.

Bis zum Hals im Wasser

Mühsam gegen die Fluten und Gesteinsmassen ankämpfend, arbeitete sich Brandl zu seinen beiden Kameraden zurück, um sie zu warnen. Fast zwei Stunden dauerte der Kampf, den die drei Kumpels mit den Naturgewalten zu bestehen hatten, bis auch sie sich retten konnten. Oft bis zum Hals im Wasser watend, versuchten sie, sich in der Dunkelheit vorzutasten. Die Grubenlampen gingen immer wieder aus. Mit übermenschlichen Kräften schleppte Brandl den einen seiner Kameraden, der immer wieder zusammenbrach, vorwärts und riß den anderen, wenn er aufzugeben drohte, wieder hoch. Kaum, daß sie den Ausgang erreicht hatten, war der Stollen mit Wasser gefüllt. An fünf Minuten hatte das Leben der drei Bergleute gehangen. ________

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