Potsdam in Altona: die schöne Palmaille

Was soll aus Hamburgs Palmaille werden? Der Krieg hat diese in Deutschland einzigartige Straße arg zerzaust. Aber eine Reihe der schönsten Häuser im reinen klassizistischen Baustil ist erhalten und gibt den Stadtplanern die Verpflichtung, sehr behutsam Neues mit dem Alten zu verbinden. Prof. ölsner, Chef der Baubehörde, will einen Wettbewerb für den Wiederaufbau des historischen Teils der Palmaille vorschlagen. Die Palmaille ? das war einmal eine Art Potsdam für Hamburg. Die gute Stube einer alten Dame mit Kapotthütchen und spiegelblanken Mahagonimöbeln. Die Zeit hielt den Atem an ? und spielte immer noch 1800, als Chri-

stian Friedrich Hansen, dänischer Landesbaumeister, der Palmaille ihr klassizistisches Make-up gab. Die unten auf der Elbe orgelnden Dampfer verwandelten sich wieder in romantische Segler. Der reiche Uberseekaufmann und ..Konferenzrat" Baur sagte wie einst: "Hansen, bauen Sie mir zehn Häuser hin."

Das Prunkstück

Das Haus Baurs steht noch. Die Nr. 49. Es wohnt jetzt Bürgermeister Brauer drin. Das einzige Haus, in dem die alte Kultur der Straße gerettet wurde. Mit der schwerelosen ovalen Wendeltreppe. Den berühmten Salon in Grün und Gold den Percy und Lafontaine, Napoleon I. Hofarchitekten, geschaffen haben sollen. Der Reeder Essberger, dem dieses und das danebenliegende Haus gehören, hat Christians Hansens Prunkstück 1938 restaurieren lassen. Als stummen Protest schickte er ein die Kultur der Palmaille darstellendes Photoheft in die Reichskanzlei, als Hitler aus der Straße eine Art Paradeplatz machen wollte; mit einem "gigantischen" Turm-Gauhaus an Stelle des Altonaer Rathauses. Die Bomben schlugen schwere Wunden ? aber zum großen Teil begnügten sie sich mit den baulichen Scheußlichkeiten der wilhelminischen Zeit. Nur das rotziegelige Genralkommando scheint berufen, jene Epoche zu verewigen. Es gehört dem Bund. Der will für die Landesversicherung sogar noch einen Flügel anbauen.

Das Rathaus gegenüber ist von Gerüsten umgittert. Neuer Platz für die Elb-Fassade, die einmal Vorderfront des Altonaer Bahnhofs war. Als die Lokomotiven dann nicht mehr auf der Drehscheibe an der Palmaille Umgeschwenkt wurden und der Bahnhof verschwand, pappte man zur Museumstraße die neue Säulenfassade für das Rathaus an. Im preußischen Einheitsstil für derlei dekorative "Zwecke.

War*, ist geblieben? Der reiche bürgerliche Glanz der Palmaille Ist abgeblättert. Genau wie der Putz von den Häusern mit ihren edlen Gesimsen und Ornamenten. In der Nr. 65 neben dem Generalkommando stöpseln die Telephonfräuleins der "Behördenzentrale" ihre Verbindungen. Ein Haus weiter betreibt man Nervenounktmassage. Einzelwohnungen in der Nr. 59. An einer der berühmte Name Gurlitt. Eine Schwägerin des Malers hat die Wände voll mit seinen Bildern. Warten die gravitätischen Laternen, die griechischen Tempellinien des Hauses Nr. 57 nicht auf die Vorfahrt eleganter Equipagen? Ein Schiffsmakler wohnt hier. ? Und in der 53, wo um die Jahrhundertwende die Frau Senator Baur Altonas bedürftigen Kindern einbescherte, Sitzt die SAGA. Achtlos steigen Besucher die weißgestrichene Wendeltreppe empor. Sie ähnelt der im Bürgermeisterhaus.

Ein seltsamer Weg

Mitten in Hamburgs Hafenherz schauen Brauers Besucher durch die hohe Säulenhalle auf der Südseite. Die alten Bäume am Eibhang verdecken die gähnende Leere, die hinter dem Quäkerberg beginnt. Verschwunden das Haus der Familie Zeise. der weltberühmten Schiffsschraubenfirma. Verschwunden das Haus des einstigen dänische" Oberpräsidenten Blücher. Der leere Sockel seines Denkmals steht wie ein Findling in der Palmaille. Mit Lessing und anderen Denkmalprominenten wartet auch Blücher auf die wunderbaren Ratschlüsse der Obrigkeit. Philipp Reemtsma schenkte einst "ein Palais Palmaille 39 einem Schwesternheim. Im Ruinenkeller haust heute die Niederlage der bayerischen Staatsbrauerei. In den verwilderten Dienerhäusern im einst eleganten Rund der Toreinfahrt klammern sich Ausgebombte an die Notquartiere. Von Hamm in den Restbestand bürgerlicher Herrlichkeit. Merkwürdiger Weg.

Vieles ist merkwürdig hier. An der riesigen schwarzen Brandmauer der reformierte Kirche klebt eine Tütenfabrik. An Van - der - Smissens - Allee streunt eine Katze über den Schutt der einstigen Sternwarte (Nr. 37). Irgendwo unten im verfallenen Keller muß noch der Meridianstein liegen. Als der Astronom Professor Dr. h. c. Schumacher hier zu Beginn unseres Jahrhunderts in die Sterne sah ? da ging der O-Meridian noch durch Hamburg. Schumacher, der als erster auf seines Daches Zinnen mit Lichtsignalen nach Cuxhaven "telegraphierte", hütete ihn. Heute ist der O-Meridian in Greenwich zu Hause.

Wohnlauben, Baracken, gackernde Hühner, aufgerissene Hauswände. Abbruch. Flickwerk. Bis auf den bescheidenen Rest von drei Häusern nichts mehr, was zwischen Mühlenstraße (heute Sägemühlenstraße!) und Van-der- Smissens-Allee an die alte Palmaille Nichte mehr vom Haue de" Kommerzlenrats Warburg, nichts mehr von der Nr. 5, wo Liliencron zur Miete

wohnte, bevor er nach Rahlstedt zog. Nichte mehr vom "Palmaillenhain" und dem "Liliencrons-Eck", in dem der trinkfeste Dichter Stammgast war.

Auf der bescheideneren Nordseite, wo die Handwerker noch heute wohnen, ist eines der alten Backsteingiebelhäuschen liebevoll erneuert worden. Auf der Nordseite steht noch Hansens Haus ? und Nr. 100 mit dem harmonischen Torbogen träumt von besseren Zeiten.

Was soll werden? Was neu ersteht, muß Harmonie haben zu dem Erbe der Hansen-Häuser, sagt man bei der Behörde. Modern ? aber die Erinnerung erhalten. Man will Durchblicke zur Elbe schaffen. Will Arkaden vor Läden setzen. Dr. Werner Jakstein, der "Entdecker" der klassischen Palmaille, würde sie am liebsten "la "tue Art Museumsstraße wieder aufbauen. So wie sie einmal war. Aber er aelbft resigniert: Wer soll das bezahlen?

Am verjüngten EcWieue zur Bahnhofstraße ist dieser Tage ein Reliefbild angebracht worden. Karl August Ohrt läßt darauf Damen und Herren in der Tracht des 17. Jahrhunderts das krokettähnliche altitalienische Spiel Palla a magllo (Ball und Schläger) betreiben. Der Graf Otto V. von Schauenburg hat es 1638 als gesellschaftsfähigen Sport eingeführt. Es heißt, daß es nie zwischen den herrlichen Viererreihen der Bäume gespielt worden ist. Die Jahrhunderte gingen dahin. Die Erinnerung blieb an ein Spiel: Palmaille. Die Erinnerung bleibt an eine Straße. Wer erweckt sie aus ihrem Nachkriegs-Dornröschenschlaf? Eberhard von wiese

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