Unterkunft im Flakturm / Cuxhaven ist eine Stadt vieler Gerüchte

Rum und Stroh für Helgoland

Cuxhaven, 30. Dezember

Am Alten Hafen von Cuxhaven werfen die Weihnachtsbäume glitzerndes Licht auf das eisige Wasser, in dem die Schiffe ihren Winterschlaf halten. Anders ist es im Kutter-Hafen, nur einen Steinwurf entfernt Hier gibt es seit zehn Tagen keine Ruhe. Jeden Abend und jede Nacht kommen junge und alte Menschen, die nach Helgoland übergesetzt werden wollen. Bei Regen und Schneesturm, wie in der vergangenen Nacht, im Schutz des Nebels gehen sie in See, fahren vorbei an der Alten Liebe, um sechs Stunden später am Ziel festzumachen.

Es gibt in Cuxhaven zwei ?Hauptquartiere'', in denen das Telephon Tag und Nacht nicht stille steht. Dort weiß man alles und kann jede, Auskunft geben. Man weiß, wann die Helgoländer Kutter in See stechen. Man weiß auch, wann die nächsten Kutter zurückkehren. Vor allem aber weiß man genau, was che Leute auf Helgoland brauchen. Brot ist nicht so wichtig wie beispielsweise Petroleum oder Benzin oder ein Koffer- Radio. Alles dies ist in der letzten Nacht nach Helgoland abgegangen.

Gestern abend ist einer der Begleiter des Prinzen zu Löwenstein, ein alter

Helgoländer, zurückgekehrt. Als sie nach fünfstündiger Überfahrt am U-Boot- Hafen anlegten, schlief die "Besatzung" noch. Dann jedoch, als die "Neulinge über die Trümmerhalden der Südspitze zum Oberland emporkraxelten, kamen Ihnen die ?Alteingesessenen", alle mit stattlichem Seemannsbart, mit Freudengeheul entgegen.

Es ist auf Helgoland heute eine andere Situation als vor zehn Tagen. Proviant und Auslastung sind genügend vorhanden. Man hat sogar einen Petroleumkocher und einen Ofen. Man hat genügend Werkzeuge und gehacktes Holz. Man hat sogar Kohlen, die allerdings "Inf bis sechs Jahre alt sind. Und dann gibt es viel Strandgut: amerikanische Rationen! Der Teufel mag wissen, woher diese vielen Dosen kommen! Aber jeden Tag werden sie angeschwemmt. Seit heute früh hat man sogar eine Katze auf Helgoland; das erste Tier seit fünf Jahren. Sie heißt Robby ? eine graue Tigerkatze, die die Ratten im Flakturm vertreiben soll.

Die bisherige "Besatzung" hat im ersten Stockwerk des Flakturms geschlafen. Seit heute reicht dieser Wohnraum nicht mehr aus. Man hat daher auch die anderen Stockwerke ?wohnlich eingerichtet. Die nächsten Schiffe bringen genügend Stroh.

Unterdessen hat man auf der höchsten Steile der Südspitze ein großes Kreuz als Zeichen des Friedens aufgestellt, in der Hoffnung, daß die Insel nun nicht mehr bombardiert werden wird. Man ist femer daran gegangen, auf dem Friedhof neue Grabkreuze aufzustellen. Allerdings ist man sich darüber klar, daß die Besatzungsbehörden alles versuchen werden, Helgoland wieder zu räumen.

In dieser Richtung schwirrten gestern Betreten der Insel nun unter Strafe abend in Cuxhaven die wildesten Ge- steht. Die Helgoländer zucken die rüchte. Man weiß, daß der Zollkutter Achseln. Sie wissen, daß das Betreten "Eileen" von heute früh 7.30 Uhr ab Helgolands bisher nicht verboten war. seeklar sein muß. Man weiß aber auch, Für die Schiffahrt hat es einschränkende daß die Besatzung des Kutters zwar Bestimmungen gegeben, die sogar alle nach Helgoland fahren, die Insel aber drei Monate in den deutschen Gesetznicht betreten will, falls sie aufgefordert blättern wiederholt wurden. Aber von werden sollte, die Deutschen gewaltsam einem direkten Betretungsverbot war zu entfernen. nicht die Rede. Selbst englische Dienst-

Ein anderes Gerücht besagt, daß das stellen müssen dies zugeben.

-Im Namen der Völkerverständigung**

Trotz aller Strafandrohungen der er auf Helgoland landete, "daß diese britischen Besatzungsbehörden ist heute Insel wieder frei wird. Ich bin nicht früh um 4 Uhr abermals ein Fischkutter nach Helgoland gegangen im Geiste des mit über 12 Personen an Bord nach Hasses, sondern im Geiste wahrer Völ- Helgoland ausgelaufen, um die bisherige kerversöhnung. Schon 1946, als ich noch ?Besatzung" zu verstärken und zu ver- in den Vereinigten Staaten war, bin ich proviantieren. In engstem Zusammen- für die Helgoländer, die Ostvertriebenen hang damit hat Prinz von und zu und alle' Entrechteten eingetreten, da Löwenstein, der sich in seiner Eigen- ich auf dem Standpunkt stehe, daß das schaft als Präsident der "Deutschen Recht unteilbar ist. Solange man Helgo- Aktion" auf der Insel befindet, durch länder und Ostdeutsche, solange man Vermittlung seiner Frau, der Prinzessin Sudetendeutsche und alle die vielen Helga, eine weitere Aktion gestartet: anderen aus ihrer Heimat vertreiben von allen deutschen Universitäten wer- darf, ist nirgends in der Welt das Recht den im Laufe des Sonnabends je drei gesichert." Prinz von und zu Löwenstein Vertreter, davon zwei ausländische und richtet an das deutsche Volk die Bitte, ein deutscher, nach Cuxhaven fahren, in Stadt und Land die "Aktion Helgoum von hier ebenfalls nach Helgoland land" mit allen Mitteln zu unterstützen, zu starten und im Zeichen der Europa- um der Idee zum Siege zu verhelfen. Union waffenlos für die Freiheit der Dieser Appell, noch nicht 24 Stunden Insel und ihre Wiederbesiedlung zu alt, hat starken Widerhall gefunden, kämpfen. "Im Namen der Völkerver- Aus allen Teilen Deutschlands, fast noch ständigung wollen wir durchsetzen", mehr aus dem Ausland, hat der Klub sagte Prinz von und zu Löwenstein, als der Halluner Moats in Cuxhaven, die rechtniäßige Vertretung der alter Helgoländer, Zustimmung gefunden. Tausende haben materielle Unterstützung zugesagt. Heute sollen an sämtlichen deutschen Hochschulen Protestaktionen stattfinden, um den Gedanken der friedlichen Wiedereroberung Helgolands in alle Volkskreise zu tragen.

In diesem Sinne ist die Fahrt des Kutters zu werten, der heute früh 4 Uhr nach Helgoland gestartet ist. 14 begeisterte Menschen, darunter zum erstenmal auch eine junge deutsche Frau, sind mit einem kleinen, fast seeuntüchtigen Schiff nach Helgoland gefahren. Sie kommen nicht mit leeren Händen. Außer ihrem Optimismus bringen sie wertvolle Ladung mir. Zwei Stunden lang wurde sie verstaut. Riesige Bündel Stroh, eine erhebliche Menge Drahtglas, um die Fenster im Flakturm auszubessern. Fleischkonserven und Milch, Seife und Waschlappen. Selbst eine Kneifzange fehlte nicht. Und natürlich Rum! Viel Rum wurde an Bord gebracht. Selbstverständlich wollen die Halluner Moats "zünftig" Silvester feiern. Aber auch Klosettpapier hatten sich die von der Insel gewünscht.

Dies alles hat sich in den frühen Morgenstunden' dieses vorletzten Tages im alten Jahr abgespielt. Allerdings unter Ausschluß der Obrigkeit. Wenn die Engländer heute früh nach Helgoland starten sollten, um die Insel zu räumen, werden sie vor einer heiklen Aufgabe stehen.