Kurfttrstendamm gestern, heute und morgen Voilä, das Ist die Welt / Eine gleißende Fassade / Schönheitskorrekturen im Schaufenster / Wo bleibt die Jugend? / Wie auf dem Jahrmarkt

Die Straße der zerstörten Illusionen

Berlin, Kurfürstendamm. Elegant, keß, 'verführerisch, frech, jung und leichtsinnig war diese Straße, von Haiensee bis zur Gedächtniskirche, einmal das Zentrum einer Welt, der Mittelpunkt geistiger, modischer und geschäftlicher Extravaganz. Sie war es vor zwei Jahrzehnten ? und was ist sie heute? Treffpunkt der geistigen Impotenz West- Berlins ? sagen die einen, und die anderen ? ja, die anderen wissen noch nicht genau, was dort entsteht. Vielleicht ein neues Zentrum? Vielleicht nur eine hypermoderne Geschäftsstraße? Vielleicht eine Straße bald zerstörter Illusionen? Wer wagt heute eine endgültige Antwort zu geben, wo an jeder Ecke ein politischer Seismograph zu stehen scheint, der so empfindlich ist, daß er beim sanftesten Hauch hysterisch ausschlägt? Man kann höchstens hingehen, ihn ansehen und erzählen, wie er heute aussieht.

Für wenige Sekunden strahlt In gleichmäßigen Abständen hoch vom Dach des neu erbauten "Maison de France" grellrot der Name einer Zigarette und spiegelt sich auf den beiden feuchten Fahrbahnen des Kurfürstendamms. Aber niemand ist da, der den Namen lesen könnte. Die Nacht ist vorbei, und der Tag hat noch nicht begonnen. Eine Uhr schlägt sechs. In zehn Minuten wird die erste Bahn der Linie 76 an diesem Tage um die Ecke Joachimsthaler kreischen, um dann die drei Kilometer Kurfürstendamm entlangzufahren. Alle zwanzig Minuten wird wieder eine kommen ? früher fuhr sie in Abständen von zwei Minuten.

Etwas unterhalb der aufleuchtenden roten Buchstaben, im vierten Stock des Hauses, hat man eine elegante Bar eingerichtet Dort saß gestern nachmittag ein in Berlin arbeitender Franzose und zeigte einem Besucher aus Paris die Stadt. Beide blickten eine Weile auf die stumm aneinander vorüberdrängenden Menschen, deren Gesichter man von oben nicht erkennen konnte: "Le Kurfürstendamm", sagte der Franzose aus Berlin dann und machte mit der rechten Hand eine Bewegung, als wolle er seinem Freunde die ganze Stadt schenken, "Le Kurfürstendamm, voilä, das ist die Welt!"

Jetzt kommt die 76. Der Schaffner hat einen wilhelminischen Schnurrbart, und die Fahrgäste haben alte, abgetragene Mäntel an. Die Bahn tut, als wäre sie der Wecker für die Straße. Allmählich wird sie wach, lebendig. Reinemachefrauen kommen und löschen die Reklamebeleuchtungen an den Läden. Und bis es hell wird, sieht der Kurfürstendamm aus, wie jede andere Straße: dunstig, müde, kalt. Es ist, als lege er für eine Weile sein aufdringliches Kleid ab; seine Schminke, die ihn anders machen soll, als er ist. Aber nur für wenige Stunden. Mit den Verkäufern der Morgenzeitungen kehrt die gleißende Fassade zurück. Dann tut der Kurfürstendamm für zwanzig Stunden wieder so, als wäre er noch immer der, der er früher war. Zumindestens bis zum Rande des ersten Stockwerks.

Über dreihundert Geschälte stehen wieder auf dem Kurfürstendamm. 17 Juweliere sind darunter, 15 Antiquitätenläden, sechs Teppichhändler, 13 Modesalons. 46 Geschäfte haben nach der Währungsreform Konkurs gemacht. Aber neue Kaufleute zogen in die Verkaufsräume. Die Schaufenster glitzern, Fassaden aus Marmor oder Messing gehören zum guten Ton, einige Läden haben Lautsprecher nach draußen und lassen die neuesten Schlager über die Straße schreien. Man kann Erstdrucke kaufen, krokodillederne Aktentaschen ? oder Unterhosen mit Reißverschluß. Ein Laden ist da mit etwa zehn Meter Schaufensterfront. Dort wird nur eine Sorte Schönheitscreme verkauft. Wer will, kann sich umsonst maniküren oder kleinere Schönheitskorrekturen vornehmen lassen; allerdings im Schaufenster. Acht Uraufführungstheater für nicht immer neue Filme stehen wieder, zwei Theater und zahllose neue Cafes, die im Frühling den "Jarten rausstellen".

Aber über den Läden schauen noch immer die scheußlich schwulstigen Fassaden aus der Gründerzeit herab. Sie sind beschädigt aber leider immer noch nicht vertilgt. Man darf am Tage nicht hochsehen zu diesen wilhelminischen Ruinen, die um die Jahrhundertwende auf dem berühmten märkischen Sand erbaut wurden. Wohl hatte bereits vor 75 Jahren der aus Hamburg zugewanderte Kaufmann J. A. W. Carstenn eine von Wilhelm I unterzeichnete Kabinettsordre in der Tasche, in der ihm genehmigt wurde, aus dem alten Jagdweg der brandenburgischen Kurfürsten eine Großstadtstraße zu machen. Aber Carstenn fand 'keine Geldgeber. Erst als sich Bismarck viel später für die Bebauung des Kurfürstendamms einsetzte ? er vergi ich den Grunewald mit dem Pariser Bois de Boulogne und der Kurfürstendamm sollte nun etne Avenue du Bois de Boulogne werden ? begann die ertragreichste Grundstücksspekulation in Berlins Geschichte. 600fache Verdienste wurden erzielt, bis der Kurfürstendamm endlich vor dem ersten Weltkrieg zum modernen Boulevard geworden war. Die Linden wurden fast entthront und waren nach dem ersten Kriege kaum mehr, als ein Stück Museum. Das königlich-preußische Berlin endete am Brandenburger Tor und die neue Großstadt präsentierte sich am Kurfürstendamm.

Als dann für kurze Zeit das künstlerische Leben unseres Landes von einer jugendlichenGeneration bestimmt wurde, waren ihre Repräsentanten auf dem Kurfürstendamm zu Hause. Jugendliche Bankvolontäre, die mit Effekten und Devisen handelten, finanzierten avantgardistische Theater. Architekt Pölzig entwarf einen Plan, um die Gedächtniskirche versenkbar zu machen. Politiker saßen mit Dichtern, Schauspielern, Malern und Journalisten an einem Tisch.

Wer in der Kunst einen Namen bekam, gehörte automatisch dazu. Und die Gespräche an diesen Tischen gaben den Jungen einen Antrieb, den sie heute suchen. Denn die Jugend ist heute in Deutschland noch genau so vorhanden, wie damals. Aber sie lebt verstreut, bleibt einsam. Auf dem Kurfürstendamm sucht man sie vergeblich. Nicht, weil das Romanische Cafe zerbombt ist, Schwan- .neke oder Roesch, nein, einige davon stehen sogar noch. Sondern, weil Berlin fehlt, Berlin, die Hauptstadt eines 60-Millionen- Volkes.

Doch der flüchtige Besucher bemerkt das natürlich nicht. Für ihn ist der Kurfürstendamm einfach wieder da. Er sieht wie sich bis zum Abend Tausende auf den breiten Fußwegen drängen. Er sieht die schreienden Reklamen. Vielleicht bemerkt er, daß die Wege große Löcher haben; daß die Träger für die elektrischen Leitungen noch immer primitive Holzpfähle sind; daß die neuen Beton- Laternenpfähle viel zu wuchtig sind und nicht zur neuen Eleganz der Straße passen. Er bemerkt brüchige Gemüse-

stände, Bücherkioske uncf Würstchenbuden neben den lederbeschlagenen mondänen Läden. Er hört, daß noch immer Männer mit hochgeschlagenen Mantelkragen flüstern. "Ost ? West... Amis . . ." Er sieht auch, daß die Berliner noch lange nicht wieder so gekleidet sind, wie die Westdeutschen. Aber er geht vorüber, schließt die Augen oder betäubt die aufkommende Nervosität durch den Optimismus der zwei am Kurfürstendamm liegenden Kabaretts: Das "Greif!" mit dem sehr populär gewordenen Claus-Günther Neumann, wo eine Tasse Kaffee 2,60 kostet (das aber dennoch jeden Abend überfüllt ist). Oder bei den Nachwuchskabarettisten "Die Stachelschweine", die im Burgkeller zu Hause sind und einen Knopf als Eintrittsgeld verlangen. Dort ist man optimistisch.

Und verläßt man in der Nacht den Kurfürstendamm, sieht man weithin noch den rötlichen Dunst über seinen Dächern schweben. Einen rötlichen Dunst, wie auch wir ihn sehen können, wenn auf dem Heiligengeistfeld Geisterbahnen, Glückspielsalons und Damen ohne Unterleib für wenige Wochen ihre Buden aufgestellt haben.