Der Scherzartikel

Er war sechs Wochen alt, als ich ihn kaufte, ein kleiner weiß und schwarz gefleckter Drahthaärterrier. (Meine Wirtin nahm den Teppich auf.) Aber nach einiger Zeit war er stubenrein. Er hatte sich angewöhnt zu bellen, wenn er dringend auf die Straße wollte. Man konnte sich auf ihn verlassen und ihn beruhigt zu fremden Leuten mitnehmen. Er warnte immer rechtzeitig. Ich nannte ihn Fietje.

Ich war dreißig Jahre, unverheiratet und Beamter. Ich hatte also Eigenschaften, die mich in den Augen von Müttern unverheirateter Töchter vor vielen auszeichneten. Und demgemäß hatte ich nicht zu klagen. Ich lebte herrlich und in Freuden. Die Einladungen, rissen nicht ab. Am liebsten ging ich zu Lehmkuhls. Ich lebte in Saus und Braus.

Bis es ruchbar wurde, daß ich einen Hund hatte. Hin 'und wieder hatte wohl schon vorher die eine oder andere Mutter Bedenken bekommen, doch immer wieder die leise und warnende Stimme unterdrückt Jetzt wurde ich von sämtlichen Müttern einmütig und geschlossen als hoffnungsloser Fall aufgegeben. Nur Lehmkuhls blieben bei der Stange. Frau Lehmkuhl gab es nicht auf Trotz des Hundes. Lehmkuhls luden mich auch weiterhin ein. Sie

hart" "dn Töchterlein. Amalie. Amalie LehmkuhL Malchen, Ami, Mali, welch liebreizend" Wortbildungen erlaubt" doch dieser Name! Und so war das ganze Mfldftr-*' Sl" war 32 Jahre geworden, ohne daB ein Mann ihre großen und tiefen Werte und Vorzüge erkannt hätte.

Frau Ti"*"*"W schilderte mir des öfteren und eingehend diese Vorzüge Amaliena. "Amalie Ist nicht wie diese und jene", sagte sie. "Sie ist häuslich, aber auch gern ln Gesellschaft Sie ist still aber doch gern vergnügt und lustig. Sie kann gut kochen und es einem Mann gemütlich machen. Sie ist aber auch begeistert für Kunst und Natur, für alles Schöne. Sie ist eine ideale Hausfrau, aber auch gepflegt und aufgeschlossen. Und vor allem, sie ist . . ." ? Hier machte Frau Lehmkuhl eine vielsagende Pause, hob die Augen zur Decke, senkte sie wieder und sah mich ausdrucksvoll und bedeutsam an.

"Ich verstehe", sagte ich.

"Ja", sagte Frau Lehmkuhl mit Nachdruck und lehnte sich im Sessel zurück, "das ist sie noch." ? "Das können wir nicht immer wissen", wagte ich zu zweifeln. ? "Ich weiß es", sagte sie bestimmt "Ich lege meine Hand dafür ins Feuer."

"Nun", sagte ich, "das verlange ich nicht." ..,,.,

"Was, bitte?" fragte Frau Lehmkuhl peinlich berührt und stieß die Luft heftig aus der Nase.

"Daß Sie die Hand ins Feuer legen." "Ach so", atmete Frau Lehmkuhl erleichtert auf. "Ich dachte schon* Sie meinten . . . Aber lassen wir das."*

Und wir ließen es.

Silvester nahte. Lehmkuhls gaben sich die Ehre, mich zu einer kleinen intimen Familienfeier zu bitten. Natürlich ging ich hin. Und ich wurde nicht enttäuscht. Es gab Gänsebraten mit Rotkohl. Vorher eine Suppe und nachher Pudding. Ich bekam eine Keule und em ansehnliches Stück von der Brust. Sie war schön knusprig und mürbe gebraten, und die Soße war ein Gedicht an Wohlgeschmack.

Frau Lehmkuhl verriet mir, daß es Amalie gewesen sei, die alles eigenhändig gebraten und zubereitet hätte. Ja, Amalie. Da saß sie neben mir bei Tisch, sittsam und hausfraulich und doch auch wieder schelmisch und still vergnügt, wenn sie mir die Schüsseln reichte. Ein nahrhaftes, ein köstliches Mahl. Ach, Amalie!

Es gab Kaffee und Torte und kleine Kuchen. Und Frau Lehmkuhl verheimlichte nicht, daß auch dieses Gebäck von Amalie hergestellt sei, allein und ohne fremde Hilfe. Amalie, Amalie! Amalie bediente den Rundfunkapparat. Es gab ein nettes und lustiges Programm mit vielen Schlagern, und Amalie summte manche Melodie. Oh ja, sie war nicht nur hausfraulich oder grfs> hausbacken.

Leider hatten Lehmkuhls auch einen Sohn, einen Nachkömmling. Ein aufgeweckter, frühreifer Junge. Egon. ? Sie kennen sicher diesen Tintenfleck, den Geschäfte vorrätig halten, in denen man Scherzartikel kauft. Da Hegt eine Tintenflasche umgekippt auf dem Tisch, und aus der Flasche ergießt sich direkt auf das saubere, blütenweiße Tischtuch ein großer dunkelglänzender Tintenfleck. Mit bangem und entsetztem Schrei stürzt man darauf zu. um noch au retten, was zu retten ist. Und dann Ist die Flasche leer, und der Tintenfleck ist aus schwarzer glänzender Pappe. Das Ganze ist täuschend ähnlich.

Etwas derartig Banales und Abgedroschenes hatte Egon nicht erstanden. Wir saßen genvi'lirh im Z'mmer, aßen Kuchen, unterhielten uns und sahen manchmal auf die Uhr. Frau Lehmkuhl ging hinaus, um etwas zu holen. Ich tippte auf Bowle. Da hörten wir einen Schrei, einen durchdringenden markerschütternden Schrei. Amalie und ich stürzten auf den Flur. Frau Lehmkuhl stand bleich und verstört an die Wand gelehnt und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Fußbodeh. Auf dem Fußboden lag Amalie, die Schaufel!" stöhnte Frau Lehmkuhl und stieß die Luft heftig durch die Nase. Amalie holte die Schaufel. Und dann war es aus ? Pappe, aus brauner mattschimmernder Pappe! Egon mvjfßte ins Bett.

Ich hatte richtig getippt. Es gab Bowle. Und sie war vorzüglich. Wir wurden lustig und vergnügt, beinahe ausgelassen, vor allem Amalie und ich. Sie war wirklich ein nettes Mädchen. Sie war besser, als ihre Mutter sie gemacht hatte. Die Bowle schmeckte, und wir kamen in Stimmung. Um zwölf wünschten wir uns Glück, und Amalie und' ich sahen uns tief in die Augen. Amalie! Später goß sie Blei. Was für komische Dinge dabei zum Vorschein kamen. Bei einem merkürdigen Gebilde bestand Frau Lehmkuhl darauf, es sei ein Ring, und sie blieb bei dieser Deutung, auch als ich widersprach.

Es war eine gelungene kleine Feier. Es wurde spät, ehe ich nach Hause kam. Am anderen Morgen machte ich Lehmkuhls meinen Besuch, um mich für den schönen Abend zu bedanken und zu fragen, wie es den Damen bekommen sei. Ich nahm Fietje mit. Frau Lehmkühl öffnete mir und führte mich ins Zimmer. Den Hund ließ ich auf dem Flur. Wir setzten uns. Es war den Damen glänzend bekommen. Ja, danke.

"Wirklich eine hübsche kleine Feier", sagte ich, "so harmonisch, ohne Mißklang." ? "Bis auf die Geschichte, die Sache mit ..." ? "Oh", sagte ich, das hätte ich schon vergessen. Ein Kinderstreich, ein Scherz. Nun ja, auch sie sehe es so an. Und im übrigen?

Mir schien, als warte Frau Lehmkuhl auf etwas, als erwarte sie irgendeine Erklärung von mir, eine Eröffnung, etwas, das sie maßlos überraschen . würde. Ich war halb und halb entschlossen, ihr diese erwartete, maßlose Überraschung zu bereiten. Da hörte ich draußen den Hund bellen. Er bellte ein paarmal kurz und laut.

"Egon", sagte Frau Lehmkuhl. "Er ist z u ungezogen! Er kann Ihren Hund nicht in Ruhe lassen."

Es war ruhig draußen. Es war merkwürdig ruhig.

"Ich möchte doch lieber einmal nachsehen", sagte ich und ging auf den Flur. Frau Lehmkuhl kam mit. Da lag auf demselben Fleck wie am Abend vorher die braune mattschimmernde Pappe.

"Dieser Junge", sagte Frau Lehmkuhl, "er hat nur dummes Zeug im Kopf." Sie bückte sich und hob die Pappe auf. Die Pappe? Ach nein, es war echt! Goldecht, hätte ich beinahe gesagt. Ich sah es, als sie es in der Hand hielt. "Oh", sagte sie nur und stieß die Luft heftig durch die Nase.

Wen wundert es, daß ich seitdem auch . bei Lehmkuhls nicht mehr eingeladen wurde?

Nach einiger Zeit erhielt ich meine Versetzung in eine andere Stadt. Es ging mir ziemlich dreckig. Da lernte ich meine jetzige Frau kennen. Als wir verheiratet waren, erzählte ich meiner Frau die Geschichte von dem Scherzartikel und daß ich um ein Haar damals Amalie geheiratet hätte, wenn der Hund nicht . . .

"Ja", sagte meine Frau, "ich glaube auch, daß es Glück bringt, wenn man in so etwas tritt."

"Tritt ist gut!" sagte ich.