Der Schiffer und sein Kahn

Als in Hamburg der Schleppzug zusammengestellt war, übernahm der Schiffer und Eigentümer des Kahns, den wir "Hoffnung" nennen wollen, den ersten Rudertörn. Er hat einen Elbe- Maßkahn von 1000 Ladetonnen unter den Füßen. Mit einem Seufzer der Erleichterung handhabt er das "Hackbeil", wie die Binnenschiffer das Ruder nennen. Nach 256 Tagen Untätigkeit hat er endlich wieder Ladung. Nach Aussig bestimmt, die Reise wird etwa drei Wochen dauern. Ob er Ladung für die Talfahrt bekommen wird?

Der Schiffer ist 62 Jahre, stammt au" Aken, 50 Kilometer oberhalb Magdeburgs. Viele Eibschiffer kommen von dort. Sein Vater war auch einer. Sein Kahn ist 1914 gebaut. Der Vater hat die 45 000 Mark mühsam zusammengekratzt. Das Schiff ist mit 65 000 Mark versichert. Das Fahrzeug ist gut in Schuß, aber unverkäuflich. Mit Kähnen ist heute kaum noch etwas zu verdienen.

1902 fing er als Schiffsjunge bei

seinem "Alten" an. Er hat hart arbeiten müssen. Wenn er mal in Hamburg an Land wollte, drückte ihm der "Olle" zwei Mark in die Hand. Damit war der Durst nach Vergnügungen wieder für ein halbes Jahr gestillt. Nachdem er drei Jahre als Schiffsjunge und noch zwei als Bootsmann gefahren hatte, machte er sein Elbepatent. Keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der zwar aufgeweckt, aber wie viele Kinder von Kahnschiffern, nur in kleinen Raten in die Schule gehen konnte.

Der Kahn ist in Magdeburg ins Schiffsregister eingetragen. Das gehört zur Russenzone. Wollte er eine Hypothek aufnehmen für Reparaturen, dann müßte er Ostmark haben. Die Wohnung liegt ebenfalls hinter dem Eisernen Vorhang und es besteht die Gefahr, daß diese beschlagnahmt wird. Die Sorgen reißen nicht ab. Wenn er einen Mann anheuern wollte, würden Monate mit Schreibereien vergehen. Denn der in Hamburg Angenommene ist in der Russenzone Ausländer. Neun Fahrzeuge gehören zu dem Schleppzug, mit dem er jetzt zu Berg fährt, vom Bug des Schleppers bis zum letzten Heck 800 Meter lang. Ein unbeholfener Wurm. Aufpassen muß man wie ein Schießhund. Höchstens vier Kilometer in der Stunde dem Strom entgegen/ Natürlich kennt der Schiffer, der 48 Jahre fährt, jeden Strauch, jeden Baum Die Elbe ist ihm nicht Landschaft, sie ist Kilometerstein und Zahl.

Beim Rechnen steigt ihm der Zorn hoch. Die Versicherung kostet 1500, die Haftpflicht 50 DM im Jahr. Für die Soforthilfe muß er 3 Prozent vom Einheitswert bezahlen. Jährlich muß er 30 Mark an die Handelskammer geben. Dazu kommen Schleppgeld, Lotsenlohn, Proviant und ? der Teufel weiß noch was! Die Fracht wäre nicht so schlecht Für Hamburg? Magdeburg zahlt man 2,80, für Riesa ? Dresden 3,70 und nach der Tschechei 3,20 die Tonne. Davon könnte man schon existieren ? wenn man Ladung bekäme.

Dann dx Kontrollen. Bed Lauenburg fängt es an. Wasserschutz und Zoll kommen an Bord. 120 Kilometer weiter wiederholt sich das Spiel. In Wittenberge steigen Volkspolizei und Russen mit Maschinenpistolen an Bord. Je nach Laune vergehen hier eine Viertelstunde oder ein halber Tag. An der tschechischen Grenze geht's wieder los. Gefahren wird nur am Tag 12 Standen lang. Nach drei Wochen an Ort und Stelle. Die Tschechen sind freundlich, aber nicht gesprächig. An Land geht man ohnehin nur, wenn 's unbedingt nötig ist

Auch die Rückreise ist kein reines Vergnügen. Man spart wenigstens den teuren Schlepplohn. Antriebskraft ist das Stromgefälle. Richtig beladen muß der Kahn sein, sonst steuert er schlecht und läuft auf Grund. Oft muß der Schiffer staaken, mit dem schweren Knüppel dem Fahrzeug die Richtung geben.

So ist das Leben auf der Elbe zwischen Hamburg und der Tschechei, zwischen den Kilometersteinen 618 und dem Kilometer 0, zwischen den Eibbrücken und der Grenze bei Schandau. gkl.