Altjahrsgespräch mit dem Regierungschef der Hansestadt

Am Fenster des Bürgermeisters

Vor Jahresausklang haben wir den Bürgermeister besucht. Wir vom Abendblatt. Die große rumorende Stadt ist eingesponnen in die grauen Schleier dieser letzten Dezembertage. Schwer arbeitend. Aufbauend auf neu geschaffenen Fundamenten. Noch aufgewühlt vom Erlebnis der Vorweihnachtswochen, vom nachzittemden Kaufrausch der Massen, der zum ersten Male wieder ganz friedensmäßig aussah, aber doch auch schon wieder manche Sorge und Vorsorge verriet. Das Horizontgewölk ist allen sichtbar. Aber niemand läßt die Arme sinken. Hamburg schafft mit ?geradezu wilder verbissener Lust. Strahlend in allen seinen Sorgen. Was sagt, was sieht, was. hofft Bürgermeister Brauer an diesem Jahresschluß? Das waren Fragen, die "ns heweöt. haben.

Es war 9 Uhr früh. Seltsam blechern klirrten die Schläge der Rathausuhr durch die helldunkle Säulenhalle des massigen Bauwerks. Rote Läufer auf breiten Treppenaufgängen. Zimmer des Bürgermeisters. Schon umlagert von Besuchern. Bald also saßen wir Max Brauer gegenüber. In seinem hohen stillen Arbeitsraum. Unverändert klar und frisch die ruhige Sicherheit seines markanten Gesichts. Wie lange war es her, daß wir so mit ihm sprechen konnten? Fast ein Jahr. Damals noch gönnte er sich" viele Zigaretten. Seit einem Jahr raucht er nicht mehr.

Ganz privat ? was war für ihn die erfreulichste Nachricht des Jahres? Sein Sohn, Chirurg in New York und mit 32 Jahren als Assistent-Professor "teacher" an der Columbia-Universität, hat jetzt eine eigene Praxis. Zwei berühmte New Yorker Ärzte haben ihn in ihre Praxis an der Park-Avenue aufgenommen. Freude des Vaters. Unser Glückwunsch.

Bescheiden und schlichter Ein Blick dann an seiner Seite aus dem Fenster des Bürgermeisterzimmers auf den Rathausmarkt. Drüben def neue Fölsch-Block. Oben noch der Richtkranz. Zur Seite noch der Montagekran. Aber unten schon Leben, Geschäft, zielbewußtes Streben. Und rings um den großen, nun wieder geschlossenen Platz die neuen Fassaden der alten Geschäftshäuser, bescheidener, schlichter als vor dem Bombenbrand, aber gerade darum eindrucksvoll in ihrem Verzicht auf Äußerlichkeit. Hauptsache wir sind da! Schon jetzt ? am frühen Vormittag ? umbrandet vom eiligen Eifer der Großstadt.

Übrigens, wie steht es mit diesem Eifer? Der Bürgermeister langt in seine Schublade: ?Meine größte Freude? Daß Hamburg in diesem Jahre die Ausgangsbasis, für die wirtschaftliche Existenz seiner Bürger zurückgewonnen hat. Denn der Hafen lebt auf! 176 Schiffahrtslinien sind wieder registriert, 40 mehr als im vorigen Jahre und nur neun weniger als in den besten Friedensjahren! 11 600 Seeschiffe kamen an. Und Hamburgs Außenhandel hat 5 Milliarden Mark umgesetzt, doppelt soviel wie 1949! Elf .Millionen Tonnen wurden umgeschlagen. Freilich waren es früher 20 Millionen, aber es bleibt doch ein imponierendes Ergebnis. Dazu kommt eine Industrieproduktion von 3,4 Milliarden Mark und ein Einzelhandelsumsatz von schätzungsweise 190 Millionen Mark.

Ja, die Stadt lebt auf. Sie hat heute schon wieder 1 623 000 Einwohner, fast soviel wie 1936, dem letzten normalen Friedensjahr. Im vorigen Jahre sind 73 000, in diesem Jahre 94 000 Menschen zugezogen. Zwar haben nahezu 30 000 Hamburg wieder verlassen, aber es bleibt ein Gewinn von rund 60 000. Wo kamen sie her? Von den 94 000 Zugezogenen kamen 33 000 aus Schleswig- Holstein, 23 000 aus Niedersachsen. Darunter waren 26 000 Heimatvertriebene, 17 000 Flüchtlinge aus der russischen Zone, 2400 heimkehrende Kriegsgefangene und 23 000 Butenhamburger.

Wie viele Hamburger mögen überhaupt noch draußen sein? Man weiß es nicht. Es können 150 000, es können 50 000 sein. Bei der Volkszählung im Herbst wurden nur 10 000 angemeldet. Vielleicht darf man das Problem nicht überschätzen. Die Zuwanderung schafft täglich neue Sorgen: so waren unter den 94 000 in diesem Jahre 10 200 schulpflichtige Kindej. Das bedeutet einen Mehrbedarf von mindestens 17 Schulen ? bei unserer Schulraumnot! Begreiflich, daß man an vielen Stellen schon wieder zum Dreischichten - Unterricht übergegangen ist.

Auch sonst ist nicht alles glatt gegangen. Wir haben 89 000 Arbeitslose und liegen damit weit über dem Bundesdurchschnitt. Aber es gibt eine eindrucksvolle Gegenzahl: Hamburg beschäftigt 641461 Menschen! Rund 18 000 mehr als zu Beginn des Jahres! Das Heer der Arbeitslosen aber wird durch Zuzug immer wieder aufgefüllt. Das leuchtet ein. Größter Kummer des Bürgermeisters: daß ihn die Last des Finanzausgleichs der Möglichkeit beraubt, den 48 000 Arbeitern. Angestellten und Beamten, die in Hamburg arbeiten, aber in den schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Nachbargebieten wohnen, hier eigenen Wohnraum zu schaffen. Das bleibt eine Aufgabe. Übrigens waren in diesem Jahre bis Ende November schon 19 200 Wohnungen fertiggestellt und im Desember sollen es noch 3000 mehr werden. 1 So läßt sich noch viel berichten: von den Kinos zum Beispiel, die mit 22,6 Millionen Besuchern fast den Vorkriegsumsatz erreicht haben, obwohl sie nur Große Sorge

üher 49 000 Plätze verfügen, fast 20 000 weniger als 1938! Auch die Zahl der Theaterbesucher ist mit 1,1 Millionen um 300 000 höher gewesen als im Vorjahre. Das ist ein Konjunkturbarometer. Vor allem aber hat der Fremdenverkehr in diesem Jahre gewaltig aufgeholt. Gezählt wurden 600 000 Fremde mit 1,3 Millionen Übernachtungen, und 125 000 davon waren Ausländer, dreimal soviel wie im Vorjahr!

"Wir können", so schloß der Bürgermeister, "mit dem Jahre 1950, so schwer es war, zufrieden sein. Mein sehnlichster Wunsch für 1951? Daß nun endlich alle Beschränkungen des Schiffbaus fallen, daß wir unsere Werften wieder ausbauen und unsere großen Schwimmdocks wieder betriebsfähig machen können und ? ja, daß uns der Friede erhalten bleibe!"