Immer noch sind die Alten die besten Turner des Jahres

Schwarzmann, Stangl, Stadel

" Das Jahr 1949 brachte keine Kunstturn- Meliterschaften. Wohl gab es lm Sommer in Köln die Mehrkampf- Meiste" schaften, Geräteturnen zusammen mit lelchtathletischen Prüfungen. Hier siegten die Gebr. Wied. Trotzdem Ist wohl am Jahreswechsel die Kr.-ge nach dem besten Turner erlaubt. Zwar kennt man im Turnen keine Ranglisten wie im Tennis, aber es liegen die Ergebnisse derjenigen Turner vor, die während eines Jahres In einer Fülle von Wettkämpfen ihre Kräfte gemessen haben. Der Pressewart des DAT, Dr. Josef G ö h 1 e r , kommt dabei zu sehr interessanten Feststellungen. Ihm liegen nahezu alle Wertungstabellen des Jahres vor und die von Ihm errechneten Zahlen im reinen Geräteturnen führen zu Feststellungen, die man inoffiziell einer Rangliste gleichsetzen kann. Dabei lag da" Schwergewicht der f.rnerischen Wettkämpfe im Süd- und westdeutschen Raum, dort also, wo heute das c räteturnen ln höchster Blüte steht.

Drei Namen sind es, die sich über das Gros der Turner hinaus erheben: Stadel, Stangl, Schworzmann, Turner, die noch zur alten Olympia-Mannschaft gehören und die seitdem, trotz Krieg und Nachkriegszeit ihr einmaliges Können erhalten haben. Dieses Dreigestirn ist noch von keinem jüngeren erreicht worden. Im Gesamtdurchschnitt des Jahres liegen sie klar ln Führung. Schwierigkeit, Beständigkeit und Leistung haben trotz ihres Alters nicht nachgelassen. Ihr Turnen Ist nach Wie vor Spitzenkunst und selbst so kritische Beobachter wie aus der Schweiz zählen diese drei Namen heute noch für eine künftige deutsche Nationalmannschaft auf. Ist dies nun ein Rückschritt in der Gesamtleistung? Zweifellos Ja, wenn man die Kriegsund Nachkriegsjahre unberücksichtigt läßt. Bedenkt man aber, daß diese drei Turner bereits vor Ausbruch des Krieges und zwar schon 1M6 lm Zenith ihres Könnens standen, zu einer Zeit also, als die jüngeren Kräfte noeh Tumschüler waren, so braucht man nicht von einem Rückschritt zu sprechen; denn die Ausbildung Im reinen Geräteturnen mußte nahezu zehn Jahr" unterbrochen werden. Zehn Jahre sind für die Entwicklung eines Geräteturners eine lange Zelt. Schwarzmann, Stangl und Stadel waren aber schon fertige Könner, ehe die Katastrophenzeit einsetzte. Trotzdem Ut es "Ine Energlelelltung, wenn sie während dieser Jahre Ihr Können und ihre Beständigkeit erhalten haben.

Nunmehr scheint der Punkt erreicht zu sein, der ihre führende Stellung ins Wanken bringt. Im Frühjahr 1950 finden wieder die reinen Geräte-Meisterschaften statt und dabei soll sich erstmalig zeigen, wer von den Jüngeren Kräften, diesen drei einmaligen Könnern Jahnscher Kunst gefährlich werden wird. Da ist vor allen Dingen der Frankfurter Kiefer, der sich klar von der Gruppe der Jüngeren absondert und an vierter Stelle Hegt. Dann aber wird es kritisch. Schon der 5. Rang ist umstritten. Frenger, Gauch, -Gögg e 1 Erich Wied, Theo Wied, Renner liegen ungefähr auf gleicher Stufe, Dickh u t , Alf re-i Schmidt und Bantz folgen dichtauf Sie alle haben sich in den Wettkämpfen des Jahres kaum nachgestanden und sind berufen, das Erfce der alten Olympioniken anzutreten. Es ist eine breite Front, die sich aus der großtn Masse der Kunstturner herausgearbeitet hat, aber sie Ist nicht allein. Hinter ihr folgen Namen wie O v e r - Wien, Schnepf, Helmuth Schmidt, Frisch, Boll, Alfred Müller, Sich, Quierbach, Dllg, Dossier, Clrk e 1 , S t r o b e 1 und ? es hande't sich immer um Zehntel-Punkte - eine weitere Gruppe von zwanzig Turnern, ln der auch einige Hamburger Namen auftauchen. So betrachtet, hat das Turnen einen gewaltigen Auftrieb genommen. Wie einmal aus 120 Turnern acht Vertreter ausgewählt werden konnten für die olympischen Spiele In Berlin, so steht auch heute wieder ein solches Reservoir zur Verfügung und unter ihnen befinden sich die Kräfte, die einmal berufen sein werden, das Erbe Jener drei Turner anzutreten, die den deutschen Namen lm Turnen groß gemacht haben. Die Turner gehen daher ln die zweite Hälfte des Jahrhunderts ln dem Bewußtsein, daß der verlorene Boden aufgeholt ist. Sie haben den Wunsch, Ihre Kräfte ln der kommenden Zelt auch bei Internationalen Gelegenheiten zu messen und sie sind überzeugt, daß sie dabei keine schlechte Rolle spielen werden. Die Wunden des Krieges vernarben und der zwangsläufige Rückschritt ist aufgeholt, eine Leistung, die in der Kürze der Zelt am den internationalen Brennpunkten des Geräteturnens berechtigtes Aufsehen erregt hat.

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