Stürmische überfahrt zweier Heidelberger Studenten

Flaggen auf Helgoland

Eigener Bericht

m. Cuxhaven, 21. Dezember

-Wir werden heute nacht auf Helgoland sein und die Europafahne, die Fahne der Bundesrepublik und die Helgoländer Fahne hissen. Die Bombardierung der deutschen Insel mitten im Frieden ist ein Unrecht. Da alle noch so beredten Denkschriften, Eingaben und Bitten an die Besatzungsmacht auf Ablehnung stießen und ohne Erfolg blieben, sind wir zum Handeln übergegangen.

Helgoländer! Helft uns! Kommt her- über auf unsere alte Heimat, bringt Werkzeuge mit für den Aufbau! Wir wollen nicht, daß Helgoland dem Meeresspiegel gleichgemacht wird."

So heißt es in dem Aufruf zweier Heidelberger Studenten, des 21jährigen Soziologie-Studenten Georg von Hatzfeld und des 22jährigen Theologie-Studenten Rene Leudesdorff. In der Nacht zum Mittwoch um drei Uhr sind sie von Cuxhaven aus mit dem Fischkutter "288 Paula" in Begleitung zweier Journalisten der "Frankfurter Abendpost" nach Helgoland gestartet. Proviant haben sie angeblich für eine Woche mitgenommen. Die weitere Verpflegung sei gesichert, behaupten sie beider Abfahrt. Als Unterkunft solle ihnen der noch erhaltene Flakbefehlsturm dienen, der mit seinen vier Stockwerken tief in den Felsen reicht. Stroh für das Nachtlager soll darin genug vorhanden sein. Die beiden Studenten hoffen, daß viele Helgoländer "sofort mit allen verfügbaren Schiffen zu einer waffenlosen Invasion nach der Insel hinüberfahren werden". Wenn ihnen drüben beim Bombenabwurf etwas geschehe, so meinten sie, daß an vielen westdeutschen Universitäten die Studenten für sie demonstrieren würden.

Das Ziel der nächtlichen Ausfahrt blieb der deutschen Polizei und der Grenzüberwachung in Cuxhaven zunächst unbekannt. Erst im Laufe des Tages ist ein britisches Boot der Frontier-Control ausgelaufen, aber schon am Abend unverrichteter Sache zurückgekehrt. Zufällig war auch ein britisches Streifbobt mit mehreren Offizieren zu einer Inspektion drüben, die aber auch nichts von den deutschen Studenten bemerkt haben.

Die beiden Journalisten sind am Mittwochabend gegen 23 Uhr mit dem Kutter

nach Cuxhaven zurückgekehrt. Auch die vier Mann starke Besatzung war an Bord. Der erste kurze Bericht lautete: "Die Flaggen wehen über Helgoland. Die britische Luftinspektion haben wir auf der Insel gesehen. Die Rückfahrt erfolgte bei schwerem Seegang mit Hindernissen".

Nach näheren Einzelheiten befragt, gaben die beiden Journalisten folgende flüchtige Schilderung:

"Die Fahrt war schrecklich aufregend! Mehrere Male hatten wir Maschinenschaden. Wir trieben eine Zeitlang auf dem Meer."

"Und wie war das Wetter?" ? "Sturm! Sturm! Sturm!"

"Wann haben Sie Helgoland erreicht?" ? Das wissen wir nicht genau. Mittwochnachmittag gegen 15 Uhr."

"Und was machten Sie auf der Insel?" ? "Erstmal einen Rundgang. Alle waren entsetzt über die Zerstörungen. Kein Stein mehr auf dem anderen. Auf dem Friedhof Menschenschädel und Gebeine."

"Und die Flaggenhissung?" ? "Wir hißten die Europaflagge, die Helgolandflagge und Bundesflagge."

"Wo?" ? "Auf dem Oberland." "Und wie war die Rückfahrt?" ? "Die beiden Studenten sind drüben geblieben. Die haben die Insel für die Helgoländer symbolisch in Besitz genommen. Wir andern fuhren zurück. So gegen 18 Uhr."

Die beiden Journalisten wurden von der deutschen Polizei verhört. Von zuständiger Seite wird jedoch die Ansicht vertreten, daß zum Eingreifen keine Veranlassung bestehe, denn es gebe keine deutschen Gesetze, die den Aufenthalt auf der Insel verbieten. Es stünden lediglich Verbotstafeln auf der Insel. Die beiden Journalisten sind noch in der Nacht zum Donnerstag mit dem Auto nach Hamburg gefahren, aber bei Horneburg verunglückt, indem ihr Wagen mit einem Lastzug zusammenstieß. Der eine von ihnen liegt im Krankenhaus Stade, der andere erlitt einen Nervenschock und ist nach Hamburg weitergefahren.

Am Mittwoch sind wegen schlechten Wetters keine Bomben auf Helgoland geworfen worden. Bei besserer Sicht rechnet man heute mit neuem Bombenabwurf.