Der bayerische Rundfunk gab eine Absage ? 300 Gäste

Fernsehstart im Bunker

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Die Kleinen übersieht man, heißt es. Und manchmal ist es auch ganz nützlich, wenn die Bäume nicht allzu hoch in den Himmel wachsen. Aber man darf auch wieder nicht zu klein sein. Dann steht man im Wege. Dieses Schicksal erlebt nun Hamburgs "kleinstes Haus" an den eigenen Ziegeln. Als Nachkriegskuriosum führte es mit seinem Zigarrenladen eine Art museales Dasein in der Großen Reichenstraße. Jetzt wird es abgerissen. Der Neuaufbau am Alten Fischmarkt geht über eine Erinnerung hinweg. Auch das pfeifeschmauchende Männlein muß nun abtreten. War es nicht wie ein Symbol dafür, daß auch im kleinsten Haus der Schornstein rauchen kann?

Heute nachmittag eröffnet der NWDR in Hamburg den regelmäßigen Fernseh - Versuchsbetrieb, der zum ersten Male nach dem Kriege eine Direktsendung bringt.

Nach langen Vorbereitungen ist es endlich so weit: Techniker der Fernsehabteilung des NWDR haben aus einem Lagerraum im Großbunker auf dem Heiligengeistfeld ein Studio für Fernsehsendungen geschaffen. Die rauhen Betonwände verschwinden hinter Vorhängen aus unbrennbarem silbergrauem Stoff. Eine Ecke kann für Vorträge und kleine Szenen abgeteilt werden. Scheinwerfer, die früher schon im alten Berliner Fernsehsender standen, wurden für die nötige Beleuchtung aufgebaut. Auch die Aufnahmekamera ist ein Berliner Veteran. Mit der Einrichtung dieses Versuchsstudios kann der neue Fernsehsender des NWDR für seinen Probebetrieb alle Möglichkeiten ausschöpfen. Denn es gibt neben der Direktaufnahme auch einen Filmabtaster und ein Gerät für Standbilder.

Viele Gäste und zahlreiche Journalisten, man spricht von 300 Teilnehmern, werden sich heute nachmittag vor den neuen deutschen Fernsehempfängern drängen und auf den Bildschirmen das erste vollständige Fernsehprogramm der Nachkriegszeit verfolgen und ? kritisieren können.

Wesentlich für die Zukunft des deutschen Fernsehens ist die Bewilligung der Mittel für den Versuchsbetrieb, über die der Verwaltungsrat des NWDR am Sonntag beraten hat. Bis zum Beginn der Pressekonferenz wird über das Ergebnis noch Stillschweigen bewahrt. Der NWDR ist die einzige Rundfunkanstalt Deutschlands, dieFernsehversuche betreibt. Er wünscht die finanzielle Beteiligung aller anderen Sender. Vom Bayrischen Rundfunk kam bereits eine Absage.

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