Die Helgoländer Vogelwarte lüftete ein Geheimnis

Zugvögel mit UKW-Empfänger

Eigener Bericht

Aj. Rendsburg, 31. Juli

Schüler, die im Sommer 1943 auf Helgoland bei der Flugzeugabwehr eingesetzt waren, beobachteten, daß Zugvögel auf die Wellen der Funkmeßgeräte reagierten. Prof. Drost, dem Leiter der Helgoländer Vogelwarte, gelang es daraufhin, an der Nordspitze der Insel einen Beobachtungsstand aufzuschlagen. Seine Feststellungen, namentlich an größeren Vögeln, waren überraschend. Schwärme von 50 und mehr Saatkrähen, die in zwei Kilometer Entfernung ruhig ihre Bahn zogen, stoben plötzlich, wie von einem unsichtbaren Feind angegriffen, ver- ängstigt auseinander. Einzeln fliegende Vögel suchten durch unvermutete Schwenkungen oder blitzschnelles Hinabstoßen dem UK-Wellen auszuweichen. Krähen, Möwen, Gänsen und Feldlerchen ging es nicht anders. Erst weit außerhalb des Strahlenbereichs zeigten die Tiere wieder normales Verhalten.

Wie mag der geheimnisvolle "UKW- Empfänger" der Vögel beschaffen sein? Wir stehen noch vor einem Rätsel. Das Merkwürdige ist nämlich, daß stehende und sitzende Tiere, daß die gefiederten Insassen in den Käfigen der Vogelwarte durch Ultrakurzwelle sich nicht angesprochen fühlen.

Während des Krieges mußte Prof. Drost auf komplizierte Versuchsreihen verzichten; hejite sind sie wegen der fehlenden Geldmittel nicht durchführbar. Darum gibt er seine bedeutsamen Entdeckungen der Wissenschaft bekannt, in der Hoffnung auf spätere Fortführung und Deutung.

Interessant ist eine neu aufgefundene Parallele aus dem Insektenreich, bei der es sich allerdings nicht um UK- Wellen, sondern um Ultraschall handelt. Sechsbeiner haben ihre Eigenheiten. Der Zoologe weiß, daß viele Fliegen. Käfer, Schmetterlinge und Wanzen taubstumm, daß Bock- und Mistkäfer nur taub sind, und daß Grillen, Heuschrecken und Zikaden als eifrige Musikanten vom anderen Geschlecht auch erhört werden. Nun gibt es aber Insekten, die zwar stumm sind, aber nicht taub, und zwar die Nachtfalter.

Lange Zeit blieben ihre sonderbaren "Empfangsgeräte" verborgen. Dabei sind sie durchaus nicht klein. Sie liegen zwischen Brust und Hinterleib, jedoch so tief unter dichtem Haarkleid versteckt, daß erst in jüngster Zeit ein deutscher Forscher, Eggers, ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Im letzten Jahr wurden durch Experimente an der Ohrenklinik und am Zoologischen Unive.rstäts - Institut in Mainz aufschlußreiche Feststellungen gemacht. Ultraschall, für uns Menschen unhörbar, umfaßt einen gewaltigen Schwingungsbereich von etwa 20 000 Schwingungen in der Sekunde an aufwärts. Bei 40 000 bis 80 000 Schwingungen verlieren die Falter völlig ihre Fassung. Fluchtartig suchen sie das Weite oder lassen sich schreckerfüllt wie tot fallen. Das tun sie sonst nur bei Annäherung ihrer Feinde.

Ein Todfeind der Nachtfalter ist die Fledermaus. Im Dunkeln orientiert sie sich durch ein Echo-Peilverfahren. Dabei stößt sie Laute aus. die mit 30 000 bis 70 000 Hertz im Bereich des Ultraschalles liegen. Sende- und Empfangsanlage dieser kleinen Säuger ist so hochempfindlich abgestimmt, daß lediglich durch Beschallung jedes Hindernis als Wand, Pfahl, Schmetterling oder Fliege erkannt wird.

Vor rund 150 Jahren machte der italienische Forscher Spallanzani seine viel zitierten Fledermausversuche. r £r verklebte ihnen die Augen, verstopfte die Ohren und drang bis' zu der Erkenntnis, daß Fledermäuse im Dunkeln ihre Hindernisse weder sehen noch fühlen, sondern hören müssen. Eine absurde Entdeckung ? damals dazu verdammt, in Vergessenheit zu geraten. Erst der heutigen Technik war die Lösung des Problems vorbehalten.

Sollten unter diesem Gesichtswinkel auch die rätselhaften Äußerungen der Zugvögel vor der Lösung stehen? Wird der Zugvogel durch seinen geheimnisvollen "UKW-Empfänger" vor Feinden gewarnt? Es müßte allerdings ein seltsames Lebewesen sein, das sich eines organischen "Radargerätes" bedient. Oder sollte der Zugvogel seine Informationen aus der unbelebten Natur beziehen?