Das Urteil im "Jud Süß"-Prozeß am kommenden Freitag

Veit Harlan hat das Schlußwort

Hamburg. 16. April

Der große Filmprozeß geht seinem Ende entgegen. Am Mittwoch hielt Rechtsanwalt Dr. Wandschneider sein Plädoyer. Am Donnerstag sprach Veit Harlan sein zweistündiges Schlußwort. Am Freitag, 22. April wird das Schwurgericht das Urteil verkünden.

Es war mehr als eine noble Geste, als Dr. Wandschneider betonte, daß vielleicht das Bild einer Gegnerschaft zwischen Anklage und Verteidigung entstanden sei, während sie alle, Vorsitzender, Staatsanwalt und Verteidiger und Angeklagter selbst doch nur einen Wunsch gehabt hätten, das Recht zu finden. Das Kontrollratsgesetz Nr. 10 biete so vage Auslegungs-Möglichkeiten wie kein anderes "Als Faktum gibt eseigentlich nur einen Gegenstand, nämlich den Film ,Jud Süß'. Es wurden aber Wertungen und Urteile, Standpunkte und Meinungen in einem solchen Maß herangezogen, daß man sagen muß, kaum ein anderer von solcher Prominenz wie Harlan wäre so anständig daraus hervorgegangen."

Die geschichtliche Gestalt

Dr. Wandschneider schilderte noch einmal Harlans künstlerische Entwicklung. Seine eminente Begabung habe ihn zu dem "Staatsauftrag" geführt. Schließlich dürfe man nicht vergessen, daß. die Gestalt des Jud Süß Oppenheimer geschichtlich sei "Über Feuchtwanger, Hauff und andere führte der Weg erst dann zu Harlan, als die Vorarbeiten schon zu einem Drehbuch gediehen waren und die Bauten standen. Diese Tatsachen sehen nicht gerade nach besonders aktivem Widerstand der Herren Brauer und Teichs aus, wie sie ihn hier glaubhaft machen wollten."

Mit besonderer Wärme betonte Dr. Wandschneider, daß er und sein Kollege Dr. Zippel in diesem Fall mehr übernommen hätten als nur eine Strafverteidigung. Sie glaubten an Harlan, an seine unbedingte Wahrheitsliebe.

Im Verlauf der Plädoyers wurde von der Verteidigung Klage darüber geführt, da% Senatsdirektor Erich Lüth auf der Tagung des Pen-Clubs während dieses schwebenden Verfahrens ausgesprochen habe, es sei eine politische Notwendigkeit, Harlan zu verurteilen. Am nächsten Verhandlungstag teilte die Staatsanwaltschaft den Wortlaut der Sätze von Lüth mit, die sich auf Harlan bezogen, und fügte hinzu, daß sie in einem geschlossenen Kreise gesprochen worden seien.

"Man nimmt mich zu wichtig."

Donnerstag vormittag hielt Veit Harlan eine Rede, deren Umfang 80 Seiten betrug.

"Daß das Ganze alles andere als Theater Ist", sagte er, ?habe ich durch den Strafantrag des Oberstaatsanwalts erfahren. Ich kämpfe hier um mein Leben. Ein mit Gefängnis bestrafter Regisseur kann nicht in seinen Beruf zurückgehen. Ich weiß das. Das Gericht, das hier über mich gehalten wird, macht meiner Ansicht nach einen großen Fehler. Es nimmt mich zu wichtig. Der Oberstaatsanwalt hat Maßstäbe an meine Filmwerke gelegt, die niemals an sie gelegt werden können. Die Beteuerungen des Rechtsanwalts der Nebenkläger, Dr. Pardo, haben mir gezeigt, daß hier ein furchtbarer Haß als mein Gegner auftritt Die Vergeltung kriecht durch Deutschland. Ich fühle mich nicht als Angeklagter. Ich fühle mich in den Strudel einer furchtbaren Vergangenheit hineingerissen.

Zwei Jahre und 103 000 Mark Geldstrafe fördert der Oberstaatsanwalt gegen einen Mann, der nichts weiter getan hat als ln dem Film "Jud Süß" Regie geführt zu haben, der die wildesten Stellen des antisemitischen Goebbels so weit gemildert hat, wie es nur irgend ging. Ich glaube, es steht einzig da in der Geschichte des Rechts, daß ein Künstler einer künstlerischen Tat wegen eine solche Strafe erleiden soll. Der Oberstaatsanwalt fand die Pointe, mich "des Teufels Regisseur" zu nennen. Ich glaube, wir waren alle des Teufels! Ob wir nun Staatsanwälte in der Hitlerzeit waren, Rechtsanwälte, Generäle, Künstler oder Wissenschaftler."

Die Berliner Zeugen

Harlan zählte noch einmal die zahlreichen jüdischen und halbjüdischen Zeugen auf, auf die der Film keineswegs antisemitisch gewirkt habe. ?Wenn mich der Oberstaatsanwalt fragt, warum Ich die Vergewaltigungsszene, die in Verbindung zu der Folterung stand, nicht weggelassen habe, so muß Ich antworten, irgend ein Verbrechen mußte der Jude ja begehen, um gehängt zu werden. Eine Vergewaltigung aber ist etwas keineswegs typisch jüdisches.

Wenn der Zeuge Erich Engel in Berlin schlecht für mich ausgesagt hat, so tat er es nicht nur aus Wohn- oder Berufsgründen, sondern vor allen Dingen deswegen, weil er mir als altem Freunde bei der antisemitischen Milderung des Stoffes geholfen hat. Eine Tatsache, von der man sich heute in Berlin gern absetzt.

Zum ersten Male wurde bei dem Film ,Jud Süß' ein Befehl erteilt. Mir scheint, daß der Oberstaatsanwalt vergessen hat, was die Verweigerung eines Befehls im Kriege zu bedeuten hatte. Auch in mein Privatleben mischte sich Goebbels ein, ich verlor durch seinen Entscheid meine drei Kinder. Wenn das kein Notstand war, dann gibt es den Begriff des Notstandes überhaupt nicht."

Harlan ließ sich über die Glaubwürdigkeit der Berliner Zeugen aiis und erwähnte, daß die gleiche Frau Meyer- Hanno, die Jüdin und Kommunistin ist und deren Mann er in der Hitlerzeit vor dem sicheren Tode bewahrte, damals zahllose Dankesbriefe an ihn geschrieben habe. ?In Berlin sagte sie mit unvorstellbarer Härte gegen mich aus. Am nächsten Morgen kam sie zu mir und zu meinen Töchtern und bat mich um Verzeihung.

Ich habe in meinem Leben niemals einen Menschen denunziert. Ich bin niemals Nationalsozialist gewesen. Ich kann auch nicht verstehen, wieso es Gotteslästerung ist, wenn der Jude in allerhöchster Gefahr betet. Ich halte es sowohl für zeitgemäß wie für wahr, mit dem Zitat aus dem Osterspaziergang zu schließen: "Oh glücklich, wer noch hoffen kann aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!" H - B - "scher

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