Von Senator Professor Dr. Karl Schiller

Licht und Schatten

Immer wieder lockt der Jahreswechsel su Voraussagen und wohl auch su ? Versprechungen. Aber beide Unterfangen sind gerade auf dem Gebiete der Wirtschaft besonders heikel und sollen hier möglichst vermieden werden. Es sollen vielmehr nur einige Hauptprobleme, die sich für die Hamburger Wirtschaft aus der Entwicklung des abgelaufenen Jahres heraus für das kommende stellen, skizziert werden.

Trotz dem relativ stärkeren Steigen der Arbeitslosigkeit ist die Konjunkturentwicklung Hamburgs im Vergleich zu der Gesamtwestdeutschlands hinsichtlich seiner Einkommensbildung unzweifelhaft günstiger gewesen. Die sozial und ökonomisch problematischen Einkommensdifferenzierungen sind dabei allerdings ebenfalls markanter in Erscheinung getreten. Die Bautätigkeit und die hierfür maßgebende staatliche Finanzpolitik sind bedeutende Pfeiler der Gesamtkonjunktur gewesen. Aber die staatsfinanziellen Stützen werden in manchen deutschen Ländern ? und auch in Hamburg ? eine entscheidende Schwächung erfahren durch die bevorstehende Neuregelung des Finanzausgleichs zwischen Bund und Ländern.

Besser verhält es sich mit der kommerziellen Seite der Hamburger Konjunktur: Der Außenhandelskaufmann und der Außenhandelsbankler haben trotz der ruinösen standortlichen Benachteiligung Hamburgs (als Folge der Aufspaltung der gesamtdeutschen Volkswirtschaft) mit Wendigkeit die Chancen der Lockerung des Außenhandelsverfahrens ergriffen. Man kann wohl annehmen, daß dies In gesunder Weise fortgesetzt wird. Halbierte" Hinterland

Auch die Verfcehrawirllcfaaft läßt ein gewisses Wachstum als Stutze zur Weiterführung der Hamburger Konjunktur erwarten. Trotzdem erheben sich hier schon gewisse Zweifel. Das diesjährige Hamburger Hafenum- Bchlagirolumen liegt über dem des Vorjahres und zeigt einen nun fast waagerechten Trend. Die verkehrsmäßigen Hauptnutinießer des westdeutschen Außenhandelsaufschwungs in diesem Jahr sind nicht Hamburg und Bremen, sondern andere Häfen gewesen. Und was Hamburg selbst betrifft, so darf das Ansteigen seines Umschlags nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich In Relation su seinem eigenen Vorkriegsstand Im Vergleich zu allen anderen Häfen Immer noch auf dem niedrigsten Niveau befindet Dies ist die unmittelbarste und augenfälligste Folge der Halbierung seines Hinterlandes. Verkehrspolitisch werden für das neue Jahr dem Hafen Hamburg und auch den anderen Nordseehäfen bedeutsame Aufgaben gestellt. Die Frage des Verhältnisses zwischen den deutschen und den Beneluxhäfen im Rahmen einer auch verkehrsmäßig multilateralen Entwicklung Europas wird immer akuter. Jedoch nicht nur das. Gerade die Hafenprobleme dürfen nicht gesondert von den gesamten Verkehrs- und darübei hinaus Wirtschaftsfragen betrachtet werden. Die organische Tarifreform der Bundesbahn ist für das kommende Jahi zur Debatte gestellt, und damit unausweichlich im Zusammenhang die notwendige Konsolidierung des Verhältnisses zwischen Schiene und Straße; beides strahlt auch zurück auf die Frage des Tarifanschlusses der Häfen an das westdeutsche Wirtschaftsgebiet Hamburg fällt dabei auch aus seiner Interessenlage die besondere Aufgabe zu, das Tor des Interzonenverkehrs so weit wie möglich offen zu halten.

Die bisher erreichte Aufwärtsbewegung des Hamburger Hafenverkehrs rechtfertigt nicht nur die bislang im Hafen vorgenommenen Aufbau- Investitionen, sie ist vielmehr zu einem wesentlichen Teil deren unmittelbare Folge. Sie haben in rascher Folge die besonderen Fazilitäten des Hamburger Hafens wieder erstehen lassen und eben durch diese wenigstens einen Teil der derzeitigen standortlichen Vorbelastung Hamburgs gegenüber anderen Häfen kompensiert. Dieser Weg muß unbedingt fortgesetzt werden. "Flaschenhälse" auf manchen Spezialgebieten des Hafendienstes würden tödlich wirken. Auf die Sicherung und Fortsetzung einer ausreichenden Investitionsrate im Hafen müssen daher die ernstesten Bemühungen verwandt werden. Schiffbau als Konjunkturreserve

Die hamburgische Industrieentwicklung ist ebenfalls nach oben gerichtet Sie liegt jedoch seit der Währungsreform In einem beachtlichen Abstand gemessen an dem Industrieproduktionsindex, unterhalb der gesamtwestdeutschen. Viele Gründe haben hier mitgespielt. Sicherlich auch der Faktor dei derzeitigen peripheren Standortlage Und ebenso sicherlich auch die Tatsache, daß der immer noch niedrig" Stand des Schiffbaus den hamburgischer Gesamt-Industrieproduktionsindex nach unten zieht. Hier liegt ein Notstand vor.

Der Schiffbau muß im kommender Jahr als die große Konjunkturreserve der hamburgischen Industrieentwicklung mobilisiert werden. Sie könnte als eine ganz wesentliche Stütze dienen, um die Konjunkturlinie Hamburgs von der Industriellen Seite her weiterzutragen und vor allem weiter nach oben zu treiben. Das Jahr 1950 muß ein Jahr des Seeschiffbaus werden. Eine rasche Lösuni der Finanzierungsfrage Ist nicht nui nötig Im Interesse der schiffbauwilliger Reeder, sondern ebenso auch dringendstes Gebot, um den drohenden Substanzverlust der Stammarbeiterschaft au! den Hamburger Groß-, Mittel- unc Kleinwerften abzuwenden

Rangordnung der Investitionen

Für die gesamte hamburgische Investitionspolitik sind hierdurch schon die Priorität en eindeutig gegeben. Neben dem Wohnungsbau müssen Hafen und Schiffbau bei der Investierung staatlicher oder öffentlich gelenkter Mittel (Gegenwertfonds) den eindeutigen Vorrang haben. Der Bundeswirtschaftsminister hat nicht umsonst die weitere Auflockerung des zwischenstaatlichen Verkehrs und damit die volle Wiedereinschaltung Deutschlands in die Weltwirtschaft als die Aufgabe bezeichnet. Dieser auch Hamburg immer deutlicher gestellten Aufgabe kann es nur gerecht werden, indem es seine schmaler werdenden Finanzkräfte eben auf jene Punkte konzentriert, die für seine Miteinschaltung entscheidend sind. Eine gewisse Gewichtsverlagerung der öffentlichen Investitionen auf den Verkehrssektor und den Schiffbau würde eine Einschränkung des öffentlichen Aufwandes auf anderen Gebieten bedeuten. Sie muß darüber hinaus begleitet sein von einer stärkeren Beteiligung Hamburgs an den zentral gelenkten Geldmitteln, zumal es sich gerade bei den Hafeninvestitionen gleichzeitig um solche handelt die Hamburg im Interesse der gesamten Volkswirtschaft vorzunehmen hat.

Die Aufgabe, von Hamburg aus nach außen und oben die Vordringlichkeit dieser Prioritäten zu betonen und durchzusetzen, enthebt uns nicht der Pflicht, im Gegenteil, bedeutet für uns ein Anliegen, uns auch dieselbe klare Rangordnung der Dinge nach Innen und im eigenen Haus aufzuerlegen. Nur mit solchen Einschränkungen wird eine gesunde, d. h. auf wirtschaftlicher Basis begründete Fortsetzung der Hamburger Konjunkturentwicklung auf erweiterter Stufenleiter möglich sein. Nur so können wir im bescheidenen regionalen Rahmen das Ziel einer Vollbeschäftigung erstreben.

Für eine gedeihliche wirtschaftliche Weiterentwicklung Ist auch der Neuaufbau unserer Wirtechaftsverfassung eine Vorbedingung. Die Frage des notwendigen Mitbestimmungsrechtes der Arbeitnehmer im Wirtschaftsprozeß und ihrer Beteiligung in der wirtschaftlichen Selbstverwaltung ist im abgelaufenen Jahr in Hamburg aufgegriffen und neuerdings auch auf der Bundesebene angerührt worden. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese überfällig gewordenen Probleme 1950 gelöst werden müssen.