Retro-Trend

Die Sehnsucht nach mondäner Lebenslust

Foto: Heinrich v. Schimmer, www.schimmerandsisca.de

Wasserwellen und Knickerbocker: Auf der "Bohème Sauvage" wird in Hamburg regelmäßig der Stil der zwanziger Jahre zelebriert.

Vier Stockwerke sind es in die Vergangenheit. Eine kurze Fahrt im Aufzug, der sich mühsam Etage für Etage vorarbeitet. Es riecht nach süßem Parfüm und Haarspray, vereinzelt werden Lippen nachgezogen, Haare gekämmt. Mit einem Ruck hält der Fahrstuhl. Ein Concierge mit perfekt gestutztem Menjou-Bärtchen öffnet die Metalltüren. Nach einigen Schritten ist man angekommen – in einer anderen Zeit.

Es ist nicht mehr das „Uebel & Gefährlich“ an der Feldstraße, in dem man sich befindet, nicht der Dezember 2010. In diesem Saal mit den schweren Samtvorhängen werden die zwanziger Jahre zurückgeholt. Die Damen tragen taillierte Kleider und Pelzstola. Herren mit Einstecktuch im Smoking flanieren über das Parkett. Im Hintergrund spielt ein Grammophon. Eine Männerstimme singt, etwas kratzig, von Liebe und Schmerz.

Zum dritten Mal hat die „Gesellschaft für mondäne Unterhaltung“ zur „Bohème Sauvage“ in Hamburg geladen. Keine Mottoparty mit billiger Kostümierung. Wer hier feiert, der möchte die Epoche erleben. Der möchte eintauchen in diesen Lebensstil, in die Kultur der Bonvivants und Dandys.

„Wir zelebrieren ein rauschendes Fest zu Ehren der Helden der vergessenen Nächte“, beschreibt es Else Edelstahl. Sie steht an der Bar, vor ihr ein Glas Absinth, das Getränk dieses Abends. Hübsch ist sie, mit ihrer platinblonden Wasserwelle, den roten Lippen und dunkel geschminkten Augen. Else kennen viele der Gäste. Ein Herr mit Stock und Melone bleibt kurz stehen, haucht einen Kuss auf ihren Handschuh. „Werte Dame, es ist immer wieder formidable bei Ihnen“, sagt er und geht weiter, seine weibliche Begleitung im Fransenkleid eingehakt.

Fräulein Edelstahl ist die Gastgeberin der Gesellschaft. 2004 begann sie als Inga Jacobs, Skandinavikstudentin aus Berlin-Friedrichshain, mit einer Privatfeier in ihrer WG. Sie hatte genug von den Partys, auf denen viel getrunken und wenig getanzt wurde. Wo Jeans und Chucks zur Abendgarderobe gehörten. Das Fest, der Salon, war ein Erfolg – und aus Inga wurde Else. Seit 2006 veranstaltet sie einmal im Monat die „Bohème Sauvage“ in Berlin, mittlerweile expandiert man in den Norden. Die Nachfrage ist ungebrochen. 300 bis 600 Gäste kommen, je nach Größe des Veranstaltungsortes.

Die Faszination? „Ohne Grund mondän zu sein“, erklärt es Max von Zimmer. Der Herr im maßgeschneiderten Anzug, Gamaschen und Melone heißt eigentlich Jürgen. Seinen Nachnamen möchte er nicht verraten. Der sei schließlich unwichtig an diesem Abend. Heute zählt nur seine Rolle.

Es ist ein Spiel, das viele der Anwesenden in absoluter Perfektion beherrschen. Die Idee, sich nicht nur entsprechend der Epoche zu kleiden, sondern sich auch so zu fühlen, das reizt sie. Tagelang wird an dem Outfit gefeilt. Es muss authentisch wirken, das verlangt der Dresscode. Moderne Kleidung, schrille Kostüme oder Perücken sind nicht erwünscht.

Raphael Lorenz und Nathalie Deutsch aus Bramfeld haben sich Kleid und Anzug in London schneidern lassen. Beide lieben die Mode der 20er und 30er-Jahre – nicht nur für eine Nacht. „Ich trage die Kleidung im Alltag. Das ist einfach stilvoller“, sagt Raphael, nickt dabei einer Frau im knöchellangen Mantel zu, die bedächtig an ihrer silbernen Zigarettenspitze zieht. Man kennt sich, verabredet sich über Foren wie Swingstyle.de zum Tanzkurs, stöbert in Läden wie Herr von Eden oder Recession by Marla nach eleganter Retro-Mode.

Was diese schillernden Gestalten der Nacht eint, ist aber mehr als eine Kleiderordnung. Es ist die Sehnsucht nach einem Lebensgefühl. Nach Abenteuer und Genuss. In einer Zeit, in der über Facebook und Twitter kommuniziert wird, anonym, schnell und unverbindlich, wo viele Unsicherheiten und Ängste den Alltag bestimmen, wächst das Verlangen nach Werten und Etikette. Die Halt geben, ohne ein Korsett zu schnüren. Die Goldenen Zwanziger waren Jahre des Umbruchs und Aufbruchs. Frauen trugen nach Vorbild Coco Chanels Hosenanzüge und kurze Haare. Es wurde Charleston und Swing getanzt, Jazz gehört. Die Abende, besonders in Berlins prächtigen Sälen, waren lang, voller Musik, Alkohol und ausgelassener Atmosphäre.

Heute, sagt eine junge Frau mit Pelzhütchen, hetze doch jeder für sich durch das Leben. Und was sei die digitale Gemeinschaft schon gegen diese reale Geselligkeit? Sie zieht zum Beweis ein Papierstück aus ihrer mit Perlen bestickten Handtasche. „Darf ich Sie zum Tanz bitten?“, ist darauf zu lesen. Die Depesche wurde ihr zugestellt, jeder Gast hat sie für diesen Abend erhalten. Niemand muss hier auf der Tanzfläche alleine bleiben.

An den Pokertischen verzocken derweil fünf Männer ihre Reichsmark. Zwanzig Millionen-Scheine wurden beim Einlass ausgeteilt – es herrscht schließlich Inflation. Die Burlesque-Tänzerin Xarah von den Vielenregen räkelt sich auf der Bühne, der Absinth neigt sich dem Ende zu. Und auch die Gesellschaft bricht gegen fünf Uhr morgens langsam auf. Mäntel werden von der Garderobe geholt, die Pumps gegen flache Winterstiefel getauscht. Am Ausgang, kurz vor dem Fahrstuhl, bleibt eine Frau mit Federboa und Perlenschmuck im Haar stehen. „Ich mache noch eine Foto von euch“, sagt sie zu ihren Begleiterinnen und zieht ein iPhone aus der Tasche. Die Reise ist vorbei. Nun kehren sie zurück, die Fräuleins, Bohemiens und Adeligen dieser Nacht. In ihr Leben, in die Gegenwart.

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