Plus Size

Designer entdecken das dicke Geschäft

Foto: Marina Rinaldi

Roberto Cavalli macht es, Marc Jacobs überlegt noch und Karl Lagerfeld ist auch nicht abgeneigt: Kleidung jenseits der 42 kommt in Mode.

Den Sinn für Realitäten vermisst man seit langem. In der Modebranche, mit ihren dünnen Models, der omnipräsenten Size Zero, ist fast so etwas wie eine Parallelwelt entstanden. Blickt man auf den Laufsteg, existieren Größen jenseits der 42 nicht. Und wenn, dann befinden sie sich im Kaufhaus ganz hinten, in der Schmuddelecke.

Übergrößen-Mode, das klingt nicht hip und schick. Das klingt nach Schlabbershirt und Jogginghose. Für Designer - ein Randthema. Eines, mit dem man keine Fotostrecke in den Hochglanzmagazinen füllen und Blogger wie Kritiker zu Jubelstürmen hinreißen kann. Zwar tragen laut des Modemessen-Veranstalters Igedo 56 Prozent der deutschen Frauen Größe 42 und mehr, die Modeschöpfer jedoch ignorieren diesen Fakt. Fast trotzig.

Haute Couture, das galt bisher, ist Magerwahre. Trotz zunehmender Proteste weigerten sich die Kreativchefs vehement, Mädchen mit normalen Maßen zu buchen. "Runde Frauen will niemand sehen", propagierte Karl Lagerfeld stets. Und doch mehren sich die Anzeichen, dass ein vorsichtiges Umdenken in der Branche stattfindet.

So sorgte im Herbst eine Twitter-Nachricht von Robert Duffy, Präsident der Marke Marc Jacobs, für Furore in der Szene. "Wir müssen größere Größen produzieren", hieß es darin. Und Duffy zwitscherte weiter: "Wir sind momentan in Gesprächen über eine Plus-Size-Kollektion". Bestätigt wurde das von Jacobs nicht. Allerdings: Mit "Above Average" könnte es laut seines Partners bereits einen Namen für die Übergrößen-Kollektion geben.

Den Trend zur femininen Silhouette hat derweil das Nobelkaufhaus "Saks Fifth Avenue" in Manhattan erkannt. Hier sollen zukünftig Kreationen von Labels wie Chanel, Dolce & Gabbana und Valentino bis Größe 52 angeboten werden. Und ausgerechnet Roberto Cavalli, bekannt für seine hautengen Kleidchen, brachte als einer der ersten die Plus-Size-Kollektion "Class White Label" auf den Markt.

Selbst Lagerfeld, der Mann, der anlässlich der "Brigitte"-Initiative "Ohne Models" auf die "dicken Muttis mit der Chipstüte" schimpfte, scheint seine Meinung überdacht zu haben. Er fotografierte für die Sonderausgabe des amerikanischen "V Magazine" Plus-Size-Models, inszenierte sie stark und sexy. Zur Muse erkor er nicht etwa ein blasses, dürres Mädchen, sondern die "Gossip"-Frontfrau Beth Ditto. Jene üppige Sängerin mit dem schrägen Stil, die sich selbst als "fette Lesbe" bezeichnet - und regelmäßig in der ersten Reihe der wichtigen Fashion Shows sitzt.

Weit entfernt von einer Size Zero ist Christina Hendricks, Star der 60er-Jahre-Kultserie "Mad Men". Sie zeigt Hüften und Hintern, in stilvollen Kostümen und Etuikleidern mit hoher Taille. Der Retro-Trend geht einher mit einer neuen Begeisterung für Kurven. Das Magazin Esquire wählte die Schauspielerin zur "schönsten Frau Amerikas".

Gefragt ist auch Crystal Renn. Das Model hungerte sich als Jugendliche fast zu Tode, wog nur noch 45 Kilogramm. Heute trägt sie 42 - und ist damit sehr erfolgreich. So ist sie das Gesicht der neuen Denim-Kollektion der Marke Marina Rinaldi. Ein Label, das schon 1983 erkannte, dass die Frau auf der Straße nicht 1,80 Meter groß und 50 Kilo leicht ist - sie aber dennoch modisch und trendbewusst gekleidet sein möchte. "Wir machen keine Plus-Size-Kleidung, wir produzieren einfach normalere Größen", sagt Produktmanagerin Monica de Bellis.

Das Angebot beginnt bei Größe 42 und reicht bis zur 54. Zeltartige T-Shirts und Stretchjeans gibt es hier nicht. Dafür elegant bis sportliche Mode, die Kurven betonend, nicht versteckend. Die Nachfrage ist groß: Drei Millionen Kleidungsstücke in 93 Ländern werden pro Jahr verkauft - Tendenz steigend. In Hamburg soll im Frühjahr in der ABC-Straße ein zweiter Shop eröffnet werden. "Die Größen vieler Labels werden seit Jahren kleiner", sagt Monica de Bellis. Der Umfang der Kundinnen aber wächst. Absurde Zustände.

Der Markt für Übergrößen ist profitabel. Denn 42 und mehr sind keine Seltenheit, sondern die Norm. Das dämmert nun den Einkäufern und Designern - langsam. Denn allen positiven Anzeichen für ein gesünderes Körperverständnis in der Branche zum Trotz: Sie muss weiter zulegen. In den vergangenen Wochen erst sind Bilder einer erschreckend dünnen Crystal Renn aufgetaucht. Bleibt zu hoffen, dass sie sich nicht erneut dem Modediktat beugt. Ein Diktat, dass kein Couturehaus mehr unterstützen sollte. Im eigenen wirtschaftlichen Interesse. Und im Interesse vieler Frauen.