Gesellenprüfung lieber spät als nie
Die Handwerkskammer qualifiziert in einem Modellprojekt vor allem Migranten, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Eine Absolventin berichtet
Die harte Arbeit in dem viermonatigen Vorbereitungskurs hat sich gelohnt: Berna Cakir gehört zu den ersten Absolventen des Projekts "Nachqualifizierung im Handwerk" der Handwerkskammer Hamburg, die am 1. Februar ihren Gesellenbrief erhalten haben.
"Das ist wie ein Sechser im Lotto", sagt die Bäckereifachverkäuferin aus Lurup. Als Ungelernte hat sie bereits mehr als 20 Jahre Brot, Brötchen und Kuchen verkauft. Die zweifache Mutter war gerade arbeitslos geworden, als sie von der Weiterbildungsmöglichkeit erfuhr. "Das Angebot der Handwerkskammer hat mich sofort überzeugt", erzählt die 44-Jährige. "Das war für mich die Gelegenheit, mir nicht nur ein breites Fachwissen anzueignen, sondern gleichzeitig einen qualifizierten Berufsabschluss zu machen."
Zu den Projektteilnehmern, die die Freisprechung durch ihre Innung erhalten haben, zählen insgesamt sechs Gebäudereiniger und Bäckereifachverkäufer. Im Sommer werden voraussichtlich sieben weitere Friseure ihre Gesellenprüfung ablegen. "Wir sprechen verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund ab 25 Jahren an, die keinen Berufsabschluss oder aber keinen in Deutschland anerkannten Abschluss haben. Voraussetzung für die Teilnahme an unseren Vorbereitungskursen für die Gesellenprüfung ist eine Berufserfahrung von mindestens vier Jahren", sagt die Leiterin des Modellprojekts, Lena Coban. Sie ist sehr stolz auf die ersten Absolventen: "Die bestandene Gesellenprüfung ist für uns alle ein großer Erfolg. Erstmals können sich nun auch Migranten, die zum Beispiel einen Berufsabschluss im Ausland erworben haben, auf kurzem Wege auf die deutsche Gesellenprüfung vorbereiten." Das nutzt allen Beteiligten: Die Kursabsolventen haben mit dem Gesellenbrief bessere Chancen und Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, die Hamburger Betriebe bekommen dringend benötigte Fachkräfte.
Wie groß der Bedarf an Fachkräften ist, merkt Lena Coban immer wieder. Alle Teilnehmer haben schon während der Weiterbildungsmaßnahme die ersten Jobangebote erhalten. Neben der Vorbereitung auf die Gesellenprüfung für Bäckereifachverkäufer, Gebäudereiniger und Friseure bietet das Modellprojekt "Nachqualifizierung im Handwerk" auch andere Weiterbildungsmöglichkeiten an. Etwa zum Logistiker im Gesundheitswesen oder zur Fachkraft für glasfaserverstärkte Kunststoffe - alles Berufe, in denen die Betriebe händeringend nach gut ausgebildeten Mitarbeitern suchen. Die Inhalte des Nachqualifizierungsprojekts sind auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden zugeschnitten. Angeboten werden berufsbezogene Sprachkurse ebenso wie eine intensive Beratung und Begleitung. Außerdem steht für die Nachqualifizierung das gesamte Kursangebot der Kammer zur Verfügung. Zudem werden im Rahmen des Projekts auch Ergänzungsangebote entwickelt, die sich am Bedarf der Betriebe orientieren. Berna Cakir musste beispielsweise schwierige Verkaufssituationen trainieren und im Fach Warenkunde alles über die Inhaltsstoffe der Backwaren pauken. "Fachlich habe ich viel gelernt und kann die Kunden jetzt besser beraten. Außerdem habe ich an Selbstvertrauen gewonnen", sagt die gebürtige Türkin, die ihre Prüfung mit einer "Eins" abgeschlossen hat.
Ihr Durchhaltevermögen hat sich ausgezahlt. Ab März arbeitet Berna Cakir als Regional- und Verkaufsleiterin für eine Hamburger Traditionsbäckerei. Auch in finanzieller Hinsicht hat sich ihr Einsatz gelohnt.




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