08.09.12

Vorstellungsgespräch

"Macht euch nicht klein und verbiegt euch nicht"

Beim ersten Termin im möglichen Ausbildungsbetrieb ist Aufregung völlig normal. Gut ist, wenn der Bewerber zu seinen Schwächen steht statt sie zu vertuschen.

Von Deike Uhtenwoldt
Foto: Ingo Roehrbein
Claus Peter
"Macht euch nicht klein, und verbiegt euch nicht", rät Karrieretrainer Claus Peter Müller-Thurau

Eigentlich ist alles klar: Die Bewerbung, die das Vorstellungsgespräch ermöglicht hat, hast du dir noch einmal vor Augen geführt. Über Neuigkeiten aus dem Zielunternehmen bist du aus der Tagespresse und von der Unternehmenswebseite informiert. Und was du über dich zu sagen hast, hast du am Vorabend einem Bekannten vorgetragen. Was soll da noch schiefgehen? Und wieso schlägt jetzt das Herz bis zum Hals?

Zunächst einmal, sagt Diplom-Psychologe Claus Peter Müller-Thurau, sei die Aufregung ganz normal und überhaupt nicht schlimm: "Es geht ja um einen Ausbildungsplatz und nicht um einen Vertriebsleiterposten. Da darf die Hand ruhig schwitzen oder der Gesprächsfaden mal verloren gehen." Gut, wenn man zu solchen Schwächen stehen kann: "Oh, jetzt habe ich den Faden verloren. Wie war noch mal die Frage?" Wer zu sich steht und nicht vorgibt, ein anderer zu sein, keine auswendig gelernten Phrasen drischt, punktet bei Personalern wie Müller-Thurau.


+++So punkten Bewerber beim Vorstellungsgespräch+++

Das ist die Kunst: sich nicht zu verbiegen und sich nicht kleinzumachen. "Mental gut drauf sein" - Boris Becker machte diese Redewendung populär. Für Müller-Thurau gilt sie nicht nur für das Tennis-Match, sondern auch für das allererste Vorstellungsgespräch. Am besten mit dieser Haltung: "Ich dreh den Spieß jetzt einfach um: Das Vorstellungsgespräch ist meine Chance, das Unternehmen und seine Mitarbeiter genau kennenzulernen." Und anschließend selbst und frei zu entscheiden, ob man auch wirklich zusammenpasst.

Mit guter Vorbereitung beginnt das Vorstellungsgespräch. Gerade schüchterne Menschen sollten an sich arbeiten. Gewinnen während des Gesprächs Panikgefühle die Oberhand, helfen kognitive Erkenntnisse nicht weiter, weiß die Kommunikationstrainerin Marion Klimmer: "Die Emotionen sitzen in einem bestimmten Hirnareal, auf das der Verstand keinen Einfluss hat."

+++Im Anzug dem Personaler in Jeans gegenüber+++

Eine Einrichtung der Natur sei das, damit wir in Gefahrensituationen ohne Umschweife und Überlegungen reagieren können. Weil aber in einem Vorstellungsgespräch keine Gefahr für Leib und Leben bestehe, gelte es, das Adrenalin im Gleichgewicht zu halten und ein Maximum an Konzentration zu ermöglichen. Marion Klimmer rät zu Entspannungstechniken wie Atemübungen oder autogenes Training. "Was zu einem passt, probiert man am besten aus. Wichtig nur, neben die gute inhaltliche Vorbereitung tritt die mentale, um so innerlich gestärkt und pünktlich zum Gesprächstermin zu erscheinen." Lieber noch eine Extrarunde um das Unternehmen drehen, als atemlos zum Termin hasten, rät Bewerbungstrainer Müller-Thurau. Dann geht es los: "Kreuz durchdrücken und sich die Namen einprägen."

Beim ersten Small Talk möglichst nicht zu einsilbig werden: "Wie war die Anreise?" Statt einfach nur "gut" zu sagen, könne man begründen: "Ich habe mir die Anfahrtsbeschreibung im Netz angesehen." Die Gesprächseröffnung liegt in jedem Fall beim Gastgeber und mündet meist in eine Unternehmensvorstellung. Ein Pluspunkt für zurückhaltende Kandidaten, findet der Personalexperte: "Sie können gut zuhören und prägen sich das, was über das Unternehmen gesagt wird, genau ein."

+++Der erste Eindruck im Job zählt+++

Das zahlt sich am Ende aus, wenn Rückfragen willkommen sind - sofern es sich um echte Wissenslücken handelt: "Wer Informationen erfragt, die im Netz verfügbar sind, verplempert Zeit." Bevor aber der Bewerber Fragen stellt, sind die Unternehmensvertreter dran: "Erzählen Sie etwas über sich", lautet ein möglicher Einstieg. An dieser Stelle empfiehlt Müller-Thurau ein Luther-Zitat: "Tritt fest auf, mach's Maul auf und hör bald wieder auf." Gemeint ist: Sich auf die Unterlagen beziehen, Kernpunkte nennen und zum Schluss ein Plädoyer einbauen: "Ich denke daher, dass die Ausbildung gut zu mir passt."

Auf keinen Fall Standardantworten aus irgendwelchen Ratgebern kopieren. Die Schwäche "Ich bin zu perfektionistisch" kennen die Personaler zur Genüge und können sie nicht mehr hören. Lieber: "In Mathe war ich nicht so gut, aber das kriege ich hin." Bis zum Ende sei Höflichkeit Trumpf, betont Müller-Thurau: "Die Gesprächspartner alle angucken, namentlich nennen und sich bedanken für das gute Gespräch."

Die zehn wirksamsten Tipps gegen Lampenfieber
1. Trainingslager Sicherheit steigern
Das wirksamste Mittel gegen Lampenfieber ist eine gute Vorbereitung. Vielleicht kennen Sie das noch aus Ihrer Schulzeit: Je weniger man gelernt hatte, desto größer war die Furcht vor einer Prüfung. Doch wenn man (ausnahmsweise) gut vorbereitet war, freute man sich fast schon darauf.
Also: Spielen Sie das, was Sie auf der "großen Bühne" erwartet, so oft wie möglich im sicheren Proberaum durch. Halten Sie Ihre Rede. Trainieren Sie Ihre Verhandlung. Führen Sie Vorstellungsgespräche mit dem Spiegel oder, besser noch, mit einem Freund im Rollenspiel.
Je sicherer Sie sich fühlen, desto mehr sinkt Ihr Lampenfieber.
2. Das wunderbare Wissen Gut recherchiert ist halb gewonnen
Der Alptraum jedes Bewerbers? Dass ihm eine Frage gestellt wird, die er noch nie gehört hat. Der Alptraum jedes Redners? Dass die Leute, vor denen er spricht, mehr vom Thema verstehen als er selbst - was zwangsläufig auffällt!
Je mehr Sie im Vorfeld recherchieren, je mehr Wissen Sie sich aneignen, desto weniger können Sie (böse) Überraschungen aus dem Konzept bringen. Recherchieren Sie im Internet. Lesen Sie Bücher zum Thema. Rufen Sie einen Freund oder Bekannten an, der beruflich mit dem Gegenstand Ihres Vortrags zu tun hat.
Mit diesem Wissen wird sich bei Ihnen eine Sicherheit einstellen, die das Lampenfieber zurückdrängt.
3. Testballon steigen lassen Probe in sicherem Umfeld
Warum gleich auf die ganz große Bühne springen? Probieren Sie Ihre Fähigkeiten doch erst einmal im kleineren Rahmen aus. Ehe Sie vor der Aktionärsversammlung im vollen Saal sprechen, können Sie eine kleine Ansprache beim Geburtstag Ihres Freundes probieren. Ehe Sie mit Ihrem Chef über Ihr Gehalt verhandeln, können Sie versuchen, beim Einkaufen einen Rabatt zu bekommen.
Fragen Sie sich einfach: Welche Fähigkeiten werde ich brauchen, um die wichtige Situation zu bestehen? Und wann und wie kann ich diese Fähigkeiten im Alltag trainieren?
Sie werden feststellen: Fast jeden Tag können Sie Testballons steigen lassen.
4. Erfolge im Blick behalten An die guten Erfahrungen denken
Was bringt Ihnen das Üben des Ernstfalls, wenn Sie dabei immer nur sehen, was noch nicht perfekt klappt? Nichts! Die Kunst besteht in einer positiven Wahrnehmung: Achten Sie darauf, was Ihnen schon gelingt. Welche Fortschritte machen Sie beim Üben? Welche Ihrer Testballons sind mit Erfolg gestiegen?
Psychologen wie der Glücksforscher Martin Seligmann haben schon lange bewiesen: Wer in der Welt vor allem das Positive wahrnimmt, ist nicht nur glücklicher als Skeptiker, Schwarzmaler und Selbstkritiker, sondern auch erfolgreicher.
Denn eine positive Selbstwahrnehmung zieht eine positive Ausstrahlung nach sich - während negatives Denken das Lampenfieber nur auf hoher Flamme kocht.
5. Angst als Freund betrachten Umarmen, nicht verdrängen
Was passiert, wenn Sie eine Angst unter die Oberfläche drücken? Sie kommt umso heftiger nach oben, womöglich im ungünstigsten Moment! Was passiert, wenn Sie sich eine Angst erlauben? Sie verliert ihren Schrecken!
Sehen Sie es nicht länger als Schwäche an, dass Sie vor wichtigen Anlässen aufgeregt sind, sondern betrachten Sie diese Angst als etwas Natürliches und Produktives.
Das Lampenfieber lässt sich auch als guter Freund ansehen: Es tippt Ihnen auf die Schulter und macht Sie darauf aufmerksam, wie wichtig ein bestimmter Termin für Sie ist und wie gut Sie ihn vorbereiten müssen.
6. Die Sache zählt Ergebnis im Auge behalten
"Was könnte ICH alles falsch machen?" Wer so denkt, ist vor allem mit sich selbst beschäftigt - aber nicht mit dem, worum es in den meisten Fällen geht: mit der Sache. Als Redner haben Sie ein Thema, als Verhandelnder ein Verhandlungsziel, und beim Vorstellungsgespräch geht es darum, dass eine freie Position besetzt werden soll.
Sehen Sie sich doch einmal als Vertreter einer (guten) Sache. Es geht weniger um Sie persönlich, vielmehr um das (sachliche) Ergebnis.
Diese Sichtweise nimmt Druck von Ihnen, zumal Sie auf der sachlichen Ebene meist sehr kompetent sind - sonst würde Sie niemand als Redner oder zu einem Vorstellungsgespräch einladen.
7. Gedankenreise Innerer Ort der Ruhe
Wie wollen Sie in der wichtigen Situation wirken - angespannt und zittrig? Nein! Wahrscheinlich eher: entspannt und heiter. Dann versetzen Sie sich vorher in Gedanken an einen Ort, an dem Sie tatsächlich in diesem Zustand waren, zum Beispiel an Ihren schönsten Urlaubsstrand.
Stellen Sie sich dieses Bild in allen Farben vor. Hören Sie auf den Wellenschlag. Spüren Sie den warmen Sand unter Ihrem Körper. Und merken Sie, wie eine heitere Gelassenheit durch Ihren ganzen Körper läuft, von den Füßen durch die Beine, von den Beinen durch den Unterkörper, vom Unterkörper durch den Oberkörper und bis zum Kopf.
Ich wette mit Ihnen: Dieses Gefühl, das Ihren ganzen Körper durchflutet, wird stärker als Ihr Lampenfieber sein - und nach außen abstrahlen.
8. Atemübung In der Ruhe liegt die Kraft
Wenn Sie in einer wichtigen Situation vor anderen Menschen auftreten, hängt viel davon ab, wie ruhig Sie wirken und wie voll Ihre Stimme klingt. Beides, die innere Ruhe und Ihr Stimmvolumen, können Sie durch Ihre Atmung beeinflussen.
Gewöhnen Sie es sich an, vor solchen Situationen ganz tief zu atmen - so tief, dass sich Ihr Bauch hebt und senkt, hebt und senkt, bis Sie immer ruhiger und gelassener werden. Das Ein- und Ausatmen hat eine meditative Wirkung.
Und wenn Sie schließlich auf Ihre ganz persönliche Bühne springen, läuft dieser ruhige Atem von alleine weiter - als hätten Sie ein Spielzeugauto aufgezogen. Das wird auch an Ihrer Stimme zu hören sein, die (in der Lunge) aus dem Vollen schöpfen kann.
9. Freundliche Gesichter Positive Verstärkung
Wenn Sie mit mehreren Menschen zu tun haben, etwa als Redner vor einem Publikum stehen: Suchen Sie nach freundlichen Gesichtern! Halten Sie Ausschau nach Menschen, die lächeln, nicken und Ihnen das Gefühl vermitteln, dass Sie und Ihr Anliegen hier höchst willkommen sind.
Kehren Sie mit Ihrem Blick immer wieder zu diesen Gesichtern zurück und blenden Sie andere Gesichter, die Ihnen feindlich erscheinen, einfach in Ihrer Wahrnehmung aus. Genießen Sie das Gefühl, dass die Menschen an Ihren Lippen kleben.
Je eher Sie glauben, dass Gescheites von Ihnen erwartet wird, desto eher werden Sie gescheite Dinge sagen.
10. Scheitern als Chance Nicht unterkriegen lassen
Was passiert eigentlich, wenn der Schuss tatsächlich nach hinten losgeht, wenn Sie in der Situation nicht so agieren, wie Sie es sich vorgenommen haben? Glauben Sie mir: Der Himmel wird nicht einstürzen, die Erde wird nicht beben, und niemand wird Ihnen eine Peitsche über den Rücken ziehen.
Im Gegenteil: Jedes Scheitern ist eine Lerngelegenheit für Sie. Wenn etwas nicht klappt, können Sie später fragen: Woran hat es genau gelegen? Und wie bekomme ich es besser hin? Scheitern ist immer eine Chance
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