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Karriere

Trend: Wie das Mitmach-Internet die Geschäftswelt verändert

Kunden arbeiten kostenlos mit

Neues Design oder neue Produkte: Verdrängen freiwillige Laien bald die professionellen Kreativen?

"Wenn du einen Apfel hast, und ich habe einen Apfel, und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Aber wenn du eine Idee hast, und ich habe eine Idee, und wir tauschen diese Ideen aus, dann wird jeder von uns zwei Ideen haben." George Bernard Shaw

Die Firma Threadless mit Sitz in Chicago, gegründet im Jahr 2000, verkauft mit großem Erfolg ein einfaches Produkt: bedruckte T-Shirts. Die beiden Gründer und ihre knapp 20 Mitarbeiter erwirtschafteten damit bereits 2006 einen Jahresgewinn von 9 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 30 Millionen Dollar.

Das Design dieser T-Shirts allerdings stammt nicht von professionellen Modegestaltern, sondern von Kunden, die ihre Entwürfe auf die Website des Unternehmens stellen. 800 Design-Einsendungen erhält Threadless pro Woche, und mehr als 200 000 Nutzer bewerten die neuen Designs. Drei bis vier Designs, die von den Nutzern als besonders gelungen beurteilt wurden, werden in hoher Auflage gedruckt und für 15 Dollar pro Stück verkauft, rund 60 000 T-Shirts sind es im Monat. Der Urheber eines Gewinnerdesigns erhält 2000 Dollar.

Dieses Geschäftsmodell basiert auf dem Mitmach-Internet Web 2.0 und hat viele Namen: Nutzung der Schwarmintelligenz, interaktive Wertschöpfung, Abschöpfen der Kopfarbeit durch Open Innovation, Crowdsourcing. Und es wird von Softwareunternehmen genauso angewendet wie von Auto- und Sportartikelherstellern und anderen Branchen. Die Strategie ist dieselbe: Kunden sind nicht nur passive Konsumenten. Vielmehr werden sie aktiv in Unternehmensaufgaben einbezogen. Der Kaugummihersteller Wrigley's hat mit seinen Kunden eine neue Geschmacksrichtung entwickelt. Tüftler verbesserten die neue Software, die Microsoft als Beta-Version, also unfertig, ins Netz gestellt hat. Adidas-Kunden beteiligten sich online an einem vom Unternehmen initiierten Ideenwettbewerb um Sportschuhdesign. Auch Audi und BMW nutzten schon die Potenziale ihrer Kunden in dieser Weise.

Die große Masse (crowd) betätigt sich in Marktforschung, Herstellung, Marketing und Vertrieb, bindet sich an ein Produkt und fördert dessen Verkauf. Das alles geschieht freiwillig und kostenlos. Allein die Anerkennung zählt.

Davon profitieren freilich die Unternehmen, aber welche Konsequenzen hat dieses Vorgehen für die Arbeitswelt?

"Zynisch könnte man sagen: Warum viele Designer, Kreative, Ideengeber oder Programmierer beschäftigen, wenn die Kunden weltweit auch freiwillig für ein ,Vergelt's Gott' tätig werden?", provoziert Arno Rolf, Informatikprofessor an der Uni Hamburg. "Oder in der zeitgemäßen Form für einen Award und die Namensnennung auf dem mitentwickelten Produkt - ,co-designed by Willi Müller'." Tatsächlich verändert sich mittelfristig die Beschäftigungs- und Auftragslage für die kreative Klasse: Profis werden durch Laien ersetzt. "Dieser Wandel ist aktuell besonders stark in der Medienbranche zu beobachten", sagt Arno Rolf. "Schon jetzt binden klassische Printmedien Bürgerjournalisten als kostenlose Zuträger an sich, was zur Folge haben kann, die traditionelle Journalistenarbeit zu rationalisieren."

Nach dem oben genannten Prinzip des Crowdsourcing arbeiten auch die Betreiber der Weblogs. Auch sie bedienen sich der freiwilligen und kostenlosen Mitarbeit ihrer Nutzer, verstehen sich aber nicht als kommerzielle Unternehmen, sondern als soziale Netze: als kritische Stimme des aufgeklärten Verbrauchers und Wegbereiter für einen basisdemokratischen Durchbruch. Als Beispiel sei das Portal www.nachdenkseiten.de genannt, das kritische Berichte zur Finanz- und Wirtschaftskrise publiziert.

Die Weblogs werden vorwiegend durch Spenden finanziert. In der Presselandschaft haben sie sich inzwischen zu einer neuen Meinungsmacht etabliert. 50 000 Weblogs soll es allein im deutschsprachigen Raum geben, mehr als 7 Millionen in den USA. Nicht nur Privates geben die Blogger der Weltöffentlichkeit preis, sondern auch ihre Kritik an Firmen, Produkten und Politik. Es bilden sich Foren, die den Unmut vieler bündeln und damit Druck ausüben. Auch den letzten US-Wahlkampf haben sie entscheidend mitgeprägt.

So funktioniert Crowdsourcing einerseits als radikal profitables Geschäftsmodell, aber auch in Form nichtkommerzieller sozialer Netzwerke. Gibt es eine Annäherung beider Formen?

Diese Frage war ein Thema auf dem Blogger-Kongress re:publica, der Anfang April dieses Jahres in Berlin stattfand. "Wir wollen von den Bloggern lernen", sagte Stefan Pfeiffer, Marketingchef der IBM-Softwaregruppe Lotus, dort. Denn die Funktionalität sozialer Netzwerke ist durchaus geeignet, die Firmenkommunikation zu verbessern. So werden bei IBM firmeninterne Massenchats zu einem vorgegebenen Thema angeboten, in denen jeder Mitarbeiter unzensiert seine Meinung sagen darf, zur Unternehmenskultur genauso wie zu Sachthemen. 150 000 Beschäftigte haben sich bislang an diesen Chats beteiligt, 46 000 Ideen wurden aufgezeichnet. Daraus ergaben sich zehn praktikable Geschäftsideen. Eine Win-win-Situation: Ideenpools dieser Art bringen dem Unternehmen Erfolg. Gleichzeitig motivieren sie die Mitarbeiter und fördern ihre Kreativität.

 

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