Dienstag, 29. Mai 2012, 14:37

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Info
  • Rechner
  • Ticket kaufen
  • studiVZ
  • meinVZ
Magazin Hafen Magazin Senioren

Karriere

Serie: Angekommen - Migranten in Hamburg (Teil 7)

Von Tomasz zu Thomas

"Man definiert sich über seine Persönlichkeit, nicht über seinen Pass", sagt der Unternehmer.


Foto: Bodig

Thomas Ochmann kam 1987 nach Deutschland. Gemeinsam mit seiner Frau machte er sich damals in seinem kleinen Fiat auf den Weg. Zunächst fuhren sie durch Tschechien, dann passierten sie die deutsche Grenze. In die Freude angesichts der neuen Chancen mischte sich ein bisschen Wehmut: "Schließlich dachten wir, wir würden unsere Eltern und Geschwister nicht so bald wiedersehen." Dass zwei Jahre später sogar die Berliner Mauer fallen sollte, konnten die beiden damals ja nicht ahnen. "Aber als es dann passiert ist, haben wir vor Freude geweint", erinnert sich der Inhaber der Hamburger IT-Beratung AKRA.

Heute ist es für die Ochmanns ganz normal, zwischen Hamburg und Wroclaw (Breslau) zu pendeln. "Mit dem Auto braucht man für die Strecke nur sechs Stunden", sagt der 47-Jährige. "Wir fahren oft hin - zu Besuchen, zum Einkaufen oder um in die Oper zu gehen." Das ist selbstverständlich geworden, ebenso wie vieles andere. "Ende der 80er-Jahre habe ich es vermieden, auf der Straße laut Polnisch zu sprechen. Heute denke ich nicht mal mehr darüber nach, in welcher Sprache ich mich gerade unterhalte." Natürlich gebe es in Deutschland immer noch Vorurteile gegen Polen, sagt Ochmann. Aber darauf will er gar nicht zu sprechen kommen.

Dafür, nach Deutschland auszuwandern, hatte sich das Paar wegen Thomas Ochmanns deutscher Vorfahren entschieden. Dass beim Wechsel der Staatsbürgerschaft sein ursprünglicher Vorname Tomasz auf der Strecke blieb, hat ihn nicht gestört. "Ich bin doch derselbe geblieben. Man definiert sich über seine Persönlichkeit - und nicht darüber, was im Pass steht." Darum könne er es auch nicht verstehen, wenn polnische Auswanderer immer noch darauf bestünden, "vertriebene Deutsche" zu sein - und sich weigerten, Polnisch zu sprechen. Viele junge Migranten dagegen beeindrucken ihn: "Sie sind heute so unverkrampft. Sie können ihrem Selbstverständnis nach Türken oder Polen bleiben - und trotzdem ihren Job machen und anerkannt sein. Das ist der Unterschied zur älteren Generation."

Unverkrampft ist Thomas Ochmann aber auch selbst: In Katowice hatte er Informatik studiert, in Deutschland arbeitete er dann drei Jahre als Waldarbeiter in Schleswig-Holstein. "Ich war mir nie für etwas zu schade", sagt er. "Außerdem hatte ich dabei mit Menschen zu tun - eine gute Ergänzung zur Sprachschule." Der Waldarbeit folgte eine Umschulung zum EDV-Kaufmann, dann eine Festanstellung in einem Beratungsunternehmen. 1999 gründete er gemeinsam mit Fabian von Borcke selbst eine Firma. Seitdem entwickelt er mit seiner Firma AKRA Software und IT-Lösungen für andere Unternehmen. Im Jahr 2000 stellte er den ersten Mitarbeiter ein. Heute sind 45 Kollegen verschiedener Nationalitäten bei AKRA tätig, darunter zwei Auszubildende. Junge Leute im Haus zu haben, macht ihm Spaß. "Mit der Firma kann ich ihnen die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten zu zeigen und sich zu beweisen."

Sucht Thomas Ochmann neue Mitarbeiter, achtet er nicht auf deren Nationalität. "In der IT-Branche gibt es in Bezug auf die Herkunft sowieso keine nennenswerten Unterschiede mehr", sagt er. Die Unterschiede lägen eher in den Charakteren begründet: "Es gibt ITler, die aufgeschlossen sind, und solche, die es nicht sind - unabhängig von ihrem jeweiligen Hintergrund."

Auch im privaten Umfeld Ochmanns kommen verschiedene Nationalitäten zusammen. "Allerdings gibt es einen polnischen Schwerpunkt", gesteht er ein. Das mag an der Sprache liegen, denn er und seine Freunde vermischen Polnisch und Deutsch gern. Für manches deutsche Wort gebe es im Polnischen keine Entsprechung, zum Beispiel für den "Spaß", fällt Ochmann dazu ein. Der werde dann einfach in das Polnisch eingebaut.

Dass er mal eine eigene Firma haben würde, hätte Ochmann noch wenige Jahre vor der Gründung nicht im Traum gedacht. Und dass sie sich so gut entwickelt schon gar nicht. "Eigentlich hatten wir eine kleine Beratung bleiben wollen", sagt er schmunzelnd. Trotzdem wächst AKRA. In den letzten Jahren sind weitere Niederlassungen in Frankfurt und Wroclaw entstanden.

Was er sich von der Zukunft wünscht? "Dass alles so weiterläuft", sagt Thomas Ochmann. In Polen habe er die Unsicherheit verspürt, die entstehe, wenn man sich nicht auf Gesetze verlassen könne, wenn keine "Normalität" herrsche. "Diesen Unterschied einmal kennengelernt und hinter sich gelassen zu haben, schafft eine innere Zufriedenheit. Da muss man keine besonderen Ziele mehr haben."

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus