Angekommenen - Migranten in Hamburg (Teil 6)
"Man sorgt sich doch um alle"
Dima Shuvalov ist aus Russland. Er wünscht sich mehr Verständnis unter den Menschen.
Seinen Freunden in St. Petersburg hatte Dima Shuvalov nur erzählt, dass er in den Urlaub fahren würde. Doch das war geschwindelt: "Ich wusste nur nicht, wie ich ihnen die Wahrheit sagen sollte." Die Wahrheit wäre gewesen, dass er mit seinen Eltern und der Großmutter auswandern würde. Doch damals, in den großen Ferien 2005, ahnten seine Freunde das noch nicht. Erst als das Schuljahr am 1. September wieder anfing und sein Platz im Klassenraum leer blieb, erfuhren auch sie, dass der damals 15-Jährige von nun an in Deutschland lebte. "Wenn ich heute daran denke, wie das für meine Freunde gewesen sein muss, habe ich immer noch ein ganz schlechtes Gewissen", sagt er. "Aber zum Glück haben sie mir verziehen."
Es gab verschiedene Gründe für die Shuvalovs auszuwandern. Die Eltern, ein Ingenieur und eine Ärztin, rechneten sich bessere Entwicklungschancen aus, und auch der Sohn sollte seinen Berufsweg aus einer guten Position starten können. Dima - er heißt eigentlich Dmitri, aber die Kurzform mag er lieber - erinnert sich: "Ich bin über die Pläne immer nur halb informiert gewesen. Ich war ja erst 15." Ein Mitspracherecht bei der Entscheidung über die Zukunft der Familie hatte er also nicht. Hätte er es gehabt, hätte er sich vielleicht gegen den Umzug ausgesprochen. Die Freunde und alles für ein fremdes Land zu verlassen, dessen Sprache er noch nicht mal beherrschte, war für ihn nicht verlockend.
Ein halbes Jahr lebte die Familie in einem Übergangswohnheim in Poppenbüttel. Daneben lag ein bewaldeter Park. "Dadurch haben wir uns gleich ganz gut hier gefühlt", sagt der 18-Jährige. "Ein bisschen hat es mich an zuhause erinnert, wo ich jeden Sommer auf der Datscha verbracht habe." Beeindruckt hat ihn damals seine Großmutter: "Sie hat im Übergangswohnheim sofort Kontakt gefunden und sich in Zeichensprache mit Afghanen oder Iranern unterhalten." Noch heute sei das so: "Meine Oma spricht nicht gut Deutsch, hat aber überhaupt keine Scheu und auch kaum Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen."
Dima Shuvalov geht in die zwölfte Klasse an der Europaschule Gymnasium Hamm. Dort hat er anfangs viereinhalb Monate lang eine Vorbereitungsklasse besucht, um Deutsch zu lernen. "Anschließend konnte ich die Grammatik und viele Vokabeln, aber beides zusammenzubringen und fließend zu sprechen fand ich wirklich schwierig." Anfang 2006 wechselte er in eine reguläre Klasse. Heute ist er Stufensprecher, wird demnächst zur Gruppe der Schulsprecher gehören und vertritt das Gymnasium in der Regionalen Entwicklungskonferenz. In seinen Leistungsfächern Chemie und Englisch hat er eine Eins. Seit einem Jahr wird Dima Shuvalov vom Verein "Forum - Young Migrant Talents" unterstützt, der begabte Schüler mit Migrationshintergrund und deren Familien mit Rat und Tat zur Seite steht (s. Kasten).
Dem 18-Jährigen gefällt das interkulturelle Miteinander im Verein. Er wünscht sich, dass sich die verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft ebenso gut vertragen würden, wie es die Jugendlichen unterschiedlichster Nationalität dort tun. Und er hält es auch für möglich: "Dass unsere Gemeinschaft so gut klappt, liegt ja nicht daran, dass wir besonders sind, sondern einfach nur daran, dass wir den guten Willen haben, uns zu verstehen."
Wieder in Russland zu leben, kann sich Dima Shuvalov heute nicht vorstellen. "Oder höchstens, wenn ich schon richtig alt bin." Hamburg gefällt ihm gut, aber auch Süddeutschland, das er auf Exkursion mit den Young Migrants kennen gelernt hat, findet er interessant. Er überlegt, ob er dort Politikwissenschaft studieren soll. Gern würde er die Welt bereisen - und in Kanada damit anfangen. Doch wo seine Heimat ist, kann er gar nicht genau sagen. "Heimat ist da, wo man sich wohl fühlt", meint er. "Natürlich bin ich zuerst Russe, aber man macht sich doch Sorgen um alle Menschen und nicht nur um seine eigene Gruppe."




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