Serie: Angekommen - Migranten in Hamburg (Teil 4)
"Was ich kann, könnt ihr auch!"
Ayfer Sengül-Loof ist Lehrerin am Gymnasium Hamm. Sie möchte ihren Schülern Vorbild sein.
"Wenn man etwas wirklich erreichen will, dann schafft man es auch!" Das hat Ayfer Sengül-Loof selbst erfahren. Und das ist es, was sie heute ihren Schülern weitergibt. Die 37-Jährige ist Lehrerin für Englisch, Türkisch und Sport an der Europaschule Hamm. Dort lernen Kinder 62 verschiedener Nationalitäten fürs Abitur. Die gebürtige Türkin, seit 1995 mit deutschem Pass, möchte ihnen vermitteln: "Was ich kann, könnt ihr auch."
Als sie vier Jahre alt war, zog Ayfer Sengül mit der Mutter und einer jüngeren Schwester aus einer Kleinstadt in Anatolien nach Hamburg - dem Vater hinterher, der bei Danfoss arbeitete. Leicht habe sie es als Kind der ersten Gastarbeiter-Generation nicht gehabt. Die Eltern sprachen kaum Deutsch, den Ton von Behördenmitarbeitern ihnen gegenüber erlebte die Tochter oft als unhöflich. Aber ihre Eltern seien entschlossen gewesen, sich in Deutschland gut einzufinden. Eine Rückkehr war von Anfang an nicht geplant. "Meine Eltern haben mir immer wieder gesagt, wie wichtig eine gute Bildung ist, um in Deutschland anerkannt zu sein", erinnert sich Sengül-Loof.
Sie war eine gute Realschülerin, wiederholte dennoch die zehnte Klasse, um mit hervorragenden Noten auf die höhere Schule zu wechseln. Am Technischen Gymnasium in Flensburg war sie damals das erste türkische Mädchen. Recht elitär sei das Institut gewesen - und entsprechend stolz war die damals 18-Jährige, es dorthin geschafft zu haben. "Das war eine zündende Erfahrung für mich", sagt Ayfer Sengül-Loof heute. Dass sie studieren würde, war damit klar. "Meine Eltern sind der Ansicht, dass Kinder, was Bildung angeht, immer eine Stufe über ihren Eltern stehen sollten." Dass sie sich fürs Lehramt entscheiden würde, lag auf der Hand: "Ich wollte schon immer mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben." Im Studium lernte sie ihren heutigen Mann kennen, einen "echten Hamburger Jung". "Wir bringen in unserer Ehe das Beste beider Kulturen zusammen."
Erfolgserlebnisse, wie sie sie als Jugendliche gehabt hat, wünscht die 37-Jährige auch ihren Schülern. Die Chancen dafür stehen gut: "Wir sind das einzige Hamburger Gymnasium mit Vorbereitungs- und Übergangsklassen", betont sie. Neben dem normalen Stoff wird dort intensiv Deutsch unterrichtet, um die Kinder auf die Regelklassen vorzubereiten. "Ein russisches Mädchen, das im Herbst 2007 zu uns kam, hat so in nur einem halben Jahr Deutsch und Englisch gelernt. In ihrem letzten Zeugnis standen fast nur gute Noten."
Die Lehrerin strahlt, wenn sie solche Geschichten erzählt. Ihr Verdienst dabei hat seinen Preis: "Die Arbeit muss man mit Überzeugung machen. Man braucht Durchhaltevermögen und investiert überdurchschnittlich viel Zeit." Zum Beispiel um die Eltern zu erreichen und ihnen die Scheu vor der Institution Schule zu nehmen. "Auf meinen Elternabenden soll jeder alles verstehen können", sagt Sengül-Loof. "Wer kein Deutsch kann, bekommt eine schriftliche Übersetzung der wichtigsten Inhalte, oder jemand, der beide Sprachen kann, übersetzt für ihn." Niemand soll außen vor bleiben, das ist ihr Anspruch. Und das gelingt ihr gut: "Meine Elternabende sind voll."
Wenn sie ihre eigene Geschichte mit der junger Migranten heute vergleiche, habe es die junge Generation sowohl leichter als auch schwerer, findet Ayfer Sengül-Loof. Einerseits seien die Förderangebote heute viel besser als vor 20 Jahren. Andererseits stünden die Jugendlichen aber noch extremer zwischen zwei Kulturen. "Zum Teil beherrschen sie ihre Muttersprache gar nicht mehr richtig - und wer das nicht tut, hat auch Schwierigkeiten, andere Sprachen zu lernen."
Sie wünscht sich, dass sie ihren Schülern als Lehrerin in Erinnerung bleibt, die sie weitergebracht hat. Und dass jugendliche Migranten sich nicht entmutigen lassen, auch wenn sie mal abgelehnt werden. "Als mich zu meiner Schulzeit eine Lehrerin ungerecht behandelt hat und ich nicht mehr zur Schule gehen wollte, hat mein Vater gesagt: 'Es wird immer eine Frau X in deinem Leben geben. Davor kannst du nicht weglaufen, damit musst du dich auseinandersetzen.'"




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