Nachwuchs: Kindgerechte Veranstaltungen sollen für Technik begeistern
Firmen werben um die Jüngsten
Initiative aus Unternehmen, Schulen und Hochschulen will die Zahl guter Schulabgänger erhöhen.
Freiwillig nimmt er jede Woche an vier zusätzlichen Mathe- und Naturwissenschaftsstunden teil. Er hat eine Vorliebe für Konstruktionen und tüftelt gern an technischen Fragen - auch in seiner Freizeit: Der Gymnasiast Björn Bargstädt hat das Potenzial, das die Ingenieurwissenschaften gerade so händeringend suchen. Doch er ist erst zehn Jahre alt und bis zu seinem Berufsstart ist es noch ein weiter Weg: "Zurzeit steht das Berufsziel Bauingenieur bei Björn hoch im Kurs", sagt seine Mutter, Yvonne Bargstädt. "Aber auf keinen Fall Architektur, da wird zu viel gezeichnet.". Vor zwei Jahren hat sie ihren Sohn bereits für die kindgerechte Vorlesungsreihe "Faszination Fliegen" an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) angemeldet. Björn war begeistert - und ein Jahr später enttäuscht, weil er schon fast alle Vorlesungsinhalte kannte.
Heute besucht der Fünftklässler die Forscherklasse im Kurt-Körber-Gymnasium in Billstedt: Das Angebot im fächerübergreifenden Nachmittagsunterricht reicht von Wasserproben nehmen am benachbarten Schleemer Bach bis zum Schülerpraktikum bei DESY, dem Deutschen Elektronen-Synchrotron. 32 technikinteressierte Kinder nehmen daran teil - 24 Jungen und acht Mädchen.
Lieber früh investieren als spät reparieren, heißt die Devise, die in der Wirtschaft immer mehr Anhänger findet. Viele Unternehmen haben verstanden, dass jeder gute Schulabgänger zählt. Vor allem in den technischen Berufen schlagen die Ausbilder Alarm. "Immer weniger Schüler wählen die Naturwissenschaften", sagt Sabine Fernau, Geschäftsführerin der Hamburger Initiative Naturwissenschaft & Technik (NaT).
Haben Schüler und Eltern eine Physikphobie? Besonders dramatisch sei die Entwicklung im Fach Physik. "Aber etwa 40 Prozent der Arbeitsplätze in Hamburg werden von technikorientierten Unternehmen geschaffen." NaT wird von Unternehmen, Schulen und Hochschulen getragen. Die Initiative soll Schüler für Technik begeistern und den Unterricht praxisorientierter gestalten: "Es gibt eine Physikphobie bei Schülern und Eltern", weiß Sabine Fernau. Sie will eine Brücke schlagen von der technischen Praxis zum Unterrichtsstoff."
Die Brücke vom Elektro-Deichselstapler zum Physikunterricht etwa: Der Hersteller und NaT-Partner Jungheinrich stellt im nächsten Jahr seine Flurförderzeuge im Heilwig-Gymnasium und im Gymnasium Oberalster auf. Der Anschauungsunterricht soll in der Mittelstufe anfangen. Jungheinrich denkt zum Beispiel an einen Elchtest für Flurförderzeuge oder die Untersuchung von Motor und Bremsen. "Wir prüfen zurzeit mit den Fachlehrern, wie der Bezug zwischen Fahrzeugtechnik und Physik-Lehrplan hergestellt werden kann", sagt Anne-Kristin Knufinke von der Jungheinrich AG.
Jungheinrich ist eins von 30 Unternehmen, das sich für die Nachwuchssicherung stark macht. Während die Fahrzeugtechnik mit zwei Schulen einen kleinen Bereich abdeckt, sind etwa Energietechnik an sieben, Medizintechnik an fünf und Luftfahrtechnik an vier Schulen vertreten. Drei Gymnasien will die NXP Semiconductors "in die winzig kleine und zugleich großartige Welt der Mikroelektronik einführen", sagt Sprecherin Birgit Rustemeier. Ein Projektvorschlag heißt "Chipsicherheit". Aber wie es sich in das Curriculum einfügen kann, muss noch mit den Lehrern entwickelt werden. Das verlangt auch von denen viel Flexibilität: "Das sind ja keine Techniker", sagt Sabine Fernau.
Lehrer schulen, Eltern überzeugen, Schüler begeistern - es ist ein umfangreiches Paket, das Unternehmen schnüren müssen, wenn sie schon bei den Jüngsten für sich werben wollen. Zwei Regeln sollten sie dabei beachten. Erstens, so früh wie möglich anfangen:
Nachwuchswerbung muss möglichst früh ansetzen "Das Fenster zum späteren Beruf schließt sich viel früher als wir bisher angenommen haben", sagt Ingrid Schilling-Kaletsch, Clustermanagerin der Wirtschaftsbehörde. Zum Beleg verweist die Koordinatorin der Qualifizierungsoffensive Luftfahrt auf die beliebtesten Ausbildungsberufe: "Die Berufsvorstellungen sind erschreckend konstant, allen Anstrengungen der Logistik-, Luftfahrt und IT Berufe zum Trotz." Zweitens: Potenziale erkennen. "Es bringt Unternehmen nichts, wenn die gesamte Schulklasse den ganzen Tag vor Ort ist", erklärt Schilling-Kaletsch. Oft genüge eine kleine Gruppe von Desinteressierten, um aus dem Klassenausflug eine nervtötende Veranstaltung zu machen.
Die Firmen stellten Schülen gern Material und Know-how zur Verfügung. "Aber man muss sich darum explizit bemühen", betont die Clustermanagerin. So können sich Schulen nach den Sommerferien um den Erhalt der "Follow Me Box" bewerben. Sie enthält alles, was ein Flugzeugbauer braucht: Bastelanleitungen, funkgesteuerte Modelle, Flugsimulationsprogramme.
Zusätzlich können interessierte Schüler die Lufthansawerft besuchen und mit Ausbildungsleitern sprechen: "Das ist ideal für die Projektwoche ab Klasse fünf", meint Schilling-Kaletsch. Für die Grundschüler würden die außerschulischen Aktivitäten ausgebaut. Wer dem Internetklub "Faszination Fliegen" beitritt, kann sich darüber für Vorlesungen und Unternehmensbesuche anmelden. Björn Bargstädt ist bereits Mitglied.



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