Berufsplanung: Selbstständigkeit und Spezialisierung sind Alternativen
Alt werden in einer jungen Branche
Werber, Fitnesstrainer, Mannequin: Welche Wege gehen reifere Mitarbeiter in jugendlichen Jobs?
Rita ist in Aktion: "Drei Schritte vor und Kick, drei Schritte zurück und Step", ruft sie und macht den überwiegend weiblichen Kursteilnehmern vor, wie es geht. Die Aerobic-Trainerin ist pausenlos in Bewegung, 60 Minuten am Stück - und das ist heute schon ihre vierte Fitnesseinheit.
15 Stunden gibt Meyer, Inhaberin des Saseler Sportstudios Fital, pro Woche. Jede Stunde ist volles Herz-Kreislauf-Training. Dass die 47-Jährige doppelt so alt ist wie viele der Teilnehmer, fällt in der sportlichen Leistung nicht auf. "Der Bewegungsmangel in unserer Gesellschaft nimmt zu. Auch 18-Jährige geraten schnell an ihre Grenzen." Seit mehr als 20 Jahren treibt Rita Meyer Leistungssport. Zehn bis 15 weitere sind noch drin, meint sie.
Das ist in der Regel keine Frage des Wollens, sondern des Könnens, meint Refit Kamberovic, Geschäftsführer des DSSV. Der Deutsche Sportstudio Verband hat 6000 Fitnessstudios in Deutschland gezählt. Die meisten beschäftigen freiberufliche Trainer. Aber kaum einer halte es länger als zehn, maximal 15 Jahre in dem Beruf aus, sagt der Geschäftsführer: "Das Gruppentraining ist sehr intensiv, das zehrt an den Kräften." Nur etwa zwei bis drei Prozent der Fitnesstrainer seien älter als 50, schätzt Kamberovic. Und wo bleiben die Gealterten? "So lange gibt es unsere Branche noch nicht, dass uns diese Frage interessieren müsste."
Umso mehr dürfte das aber alle diejenigen interessieren, die sich in jungen Jahren für einen Beruf entschieden haben, der körperliche Fitness oder Jugendlichkeit voraussetzt.
35-Jährige gehören schon zum alten Eisen Von "Berufsbildern mit Jugendwahn" spricht Wolfgang Biersack. Der Statistiker beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg denkt dabei aber in erster Linie an Berufe mit einer rasanten technologischen Entwicklung. Da mitzuhalten, traue man älteren Fachkräften nicht zu: "In der IT gehören schon 35-Jährige zum alten Eisen", bedauert Biersack. Auch der Fachkräftemangel bei den Ingenieuren sei hausgemacht, wenn immer noch 24 000 Ingenieure arbeitslos seien - gut die Hälfte davon 50 Jahre und älter. "Die Unternehmen müssen sich gegenüber älteren Arbeitslosen mehr öffnen", fordert der Berufsforscher. Schließlich gelte: "Auch die Kundengruppen werden älter." Ältere Mitarbeiter dürften deren Bedürfnisse leichter erkennen als jüngere, glaubt Wolfgang Biersack vom IAB.
Die demografische Entwicklung in Deutschland als Chance für Werber, Fitnesstrainer und Mannequins, die in die Jahre kommen? Schaut man in den "Spiegel der Statistik", den das IAB für alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten alle zwei Jahre veröffentlicht, wird deutlich: Die Zahl der älteren Beschäftigten steigt, selbst in alterskritischen Berufen wie Dachdecker und Gästebetreuer. "Das ist auf jeden Fall eine Folge der demografischen Entwicklung", erklärt Biersack. "Die geburtenstarken Jahrgänge sind jetzt um die 40." Und damit keinesfalls zu alt, um auf dem Dach herumzuklettern. Aber es gibt doch altersgemäße Grenzen, zumindest bei der Gruppe der "Artisten": Bei den Stuntleuten, Fußballprofis und Mannequins sind fast zwei Drittel der Beschäftigten jünger als 35 Jahre. Und bei den Werbekaufleuten hat die Zahl der über 50-Jährigen in den letzten Jahren abgenommen.
"Viele erfahrene Arbeitslose machen sich selbstständig und fallen damit aus der IAB-Statistik heraus", sagt Knut Börnsen. Der Sprecher der Hamburger Agentur für Arbeit vermeidet die Bezeichnung "ältere Beschäftigte". Dennoch bestätigt er, dass hohes Alter und mangelnde Flexibilität Hindernisse auf dem Arbeitsmarkt darstellten. Aber dies sei nicht zwingend auf jugendliche Branchen bezogen: "Die Werber etwa sind so kreativ und so gut vernetzt, die schlagen einfach andere Wege ein."
Wer gute Kontakte hat, kann sich leichter umorientieren Viele Kreative gründen ihre eigene Agentur, wenn sie sich bereits als Creative Director einen Namen gemacht haben. Oder sie arbeiten freiberuflich für kleinere Betriebe, weiß die frühere Kontakterin Tina Urban aus ihrem Bekanntenkreis. Wer einen Studienabschluss habe, könne auch in die Marketingabteilung eines Unternehmens wechseln: "Da kann man durchaus alt werden", meint sie. Urban selbst wollte nach zehnjähriger Agenturerfahrung aber lieber die Branche verlassen. "Ich war ausgebrannt", sagt die 40-Jährige. Sie hat heute eine eigene Kochschule und bietet sich unter der Bezeichnung "Schlemmerfee" als Mietköchin an - erfolgreich, wie sie sagt. Wie man kreative Ideen vermarktet, hat sie schließlich gelernt.
Sich weiterbilden, mobil bleiben, Kompromisse eingehen, das sei die beste Voraussetzung, um in jungen Berufen alt zu werden, meint Agentursprecher Börnsen. "Wir raten zu einer fundierten Ausbildung, dann kann man auch im Fitnessmanagement unterkommen", sagt Verbandssprecher Refit Kamberovic. Denn als Personal Trainer tauge man noch als Senior etwas. Aber auch als Gruppentrainer - wenn man sich denn auf ein weniger belastendes Thema spezialisiere: Mehr Yoga und Rückenschule, weniger Step-Aerobic und Workout, schlägt Rita Meyer vor. Das passt dann auch zu den älter werdenden Mitgliedern.



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